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Angela und Karlheinz Steinmüller im Gespräch

21.08.2006

Dynamische Utopien

Ulrich Blode sprach mit Angela und Karlheinz Steinmüller, die zu den beliebtesten phantastischen Schriftstellern der DDR gehörten.

 

Angela (Jahrgang 1941, Diplom-Mathematikerin) und Karlheinz (Jahrgang 1950, Diplom-Physiker und promovierter Philosoph) Steinmüller gehörten zu den beliebtesten phantastischen Schriftstellern der DDR. Sie schlugen aber zunächst naturwissenschaftlich-technische Karrieren ein, bevor sie 1982 freischaffende Schriftsteller wurden. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie ihre Erzählungen und Romane gemeinsam verfasst.
Bereits 1979 veröffentlichte Karlheinz Steinmüller mit Der letzte Tag auf der Venus allein seine erste Anthologie. Der zweite Erzählungsband Windschiefe Geraden (1984) nun gemeinsam von Karlheinz und Angela Steinmüller.
Der literarische Durchbruch gelang den beiden Autoren mit dem Roman Andymon (1982), der die Kolonisation des gleichnamigen Planeten erzählt. Es folgten Pulaster (1986) und Der Traummeister (1990).
Seit 2003 gibt der Berliner Shayol Verlag eine Werkausgabe der Texte von Angela und Karlheinz Steinmüller heraus. Die von Hans-Peter Neumann und Erik Simon betreuten Bände enthalten neben den Kurzgeschichten und Romanen auch Hintergrundinformationen zu Entstehung und Werkzusammenhang.

Bevor ihr Schriftsteller wurdet, habt ihr mathematisch-naturwissenschaftliche Karrieren eingeschlagen. Gab es einen bestimmten Grund für den Berufswechsel?

Angela und Karlheinz Steinmüller: Wir haben nach Freiräumen gesucht, beruflich und inhaltlich. Science Fiction versprach uns beides: die Möglichkeit zu spekulieren, sich neuartige Dinge auszudenken, die Realität hinter sich zu lassen und zugleich als freischaffender Schriftsteller ohne die üblichen Zwänge in einem Betrieb – oder auch einem Akademieinstitut – zu leben.

Seit 2003 erscheint eure Werkausgabe im Shayol Verlag. Welche Überarbeitungen finden statt und wie viel Zeit müsst ihr für diese investieren?

Steinmüller: Wir sehen alles gründlich durch, greifen, wenn nötig, auf jeder Ebene ein, vom Wort bis zur Handlung. Bei Andymon beispielsweise, unserem Erstling, haben wir sprachlich ungeheuer viel verändert – aus dem einfachen Grund, weil wir in der Zwischenzeit das Schreibhandwerk besser beherrschen. Die Leser aber haben es nicht bemerkt, worüber wir sehr zufrieden sind, denn wir haben nichts vom Charme des Buches zerstört, was bei einer Überarbeitung ja geschehen kann. Beim Traummeister, als anderes Beispiel, haben wir Szenen umgestellt, gekürzt und dazugeschrieben, hauptsächlich um einen Einbruch im Spannungsbogen zu beseitigen. Bei einem Roman investieren wir mindestens ein Vierteljahr. Die Erzählungsbände werden sämtlich neu konzipiert – möglichst mit einem roten Faden oder Leitmotiv. Und sämtliche Bände sollen selbstverständlich auch völlig neue Texte enthalten.

In der Kurzgeschichte Der Laplacesche Dämon werden verschiedene Szenarien über die Zukunft der Menschheit vorgestellt. Wann können Prognosen hilfreich sein und wann gründen sie in Fatalismus, welches ist der rechte Umgang mit Vorausschaumethoden?

Steinmüller: Mark Twain hat einmal gesagt, dass es schwer sei, Vorhersagen zu machen, besonders, wenn sie die Zukunft beträfen. Der Mensch braucht beides: Gewissheiten und Ungewissheiten. Gewissheiten, um sich zu orientieren, und Ungewissheiten, damit die Zukunft offen bleibt, also Handeln etwas bewirken kann. Im Laplaceschen Dämon haben wir gegen eine zu enge, deterministische Sicht der Zukunft polemisiert – Menschen haben immer Alternativen. Wahrscheinlich hängt es aber von individuellen Erfahrungen ab, ob man eine fatalistische Zukunftssicht entwickelt oder nicht. Das ist keine Frage der Wissenschaft, sondern der Psychologie.

Vor der Zeitreise ist der Umgang mit dem Ende der westlichen industrialisierten Gesellschaften, indem die Menschen „renaturalisiert“ werden. Gibt es in der Realität überhaupt ein Bewusstsein für die Vergänglichkeit der eigenen Kultur?

Steinmüller: Nein. Es ist fast schon faszinierend, zu beobachten, wie weit wir in der eigenen Kultur gefangen sind. Sich in eine andere hineinzuversetzen ist eine Kunst, die auch ein Schriftsteller erst kultivieren muss. Vielleicht aus diesem Grunde finden wir eine ethnographisch oder anthropologisch inspirierte Science Fiction auch so spannend. Generell aber wird ein Ende der eigenen Kultur, wenn man es überhaupt ins Auge fasst, regelmäßig mit dem Weltuntergang gleichgesetzt, wovon ja die Science Fiction auch profitiert.

Andymon, euer erster Roman, ist als Utopie konstruiert. Welche Vorstellungen einer idealen Gesellschaft wolltet ihr umsetzen und entsprachen diese überhaupt dem damaligen sozialistischen Selbstbildnis der DDR?

Steinmüller: Wir haben Andymon als eine „dynamische Utopie“ konzipiert, eine unvollendete Utopie, die immer in Entwicklung begriffen ist, nicht als „statische Utopie“, also die Vorgabe eines idealen gesellschaftlichen (End-)Zustands, den es u. E. auch gar nicht geben kann. Uns ging es um Freiheit und Offenheit, Abwesenheit von Reglementierungen – sei es durch die Erwachsenen oder einen vormundschaftlichen Staat. Jede Gruppe in Andymon sollte ihren eigenen Weg suchen, was selbstverständlich auch Konflikte erzeugte. Leicht utopisch eingefärbt war dabei auch unser Menschenbild: Wenn man die Kinder nur lässt, werden sie eine humane und freie Gesellschaft aufbauen; kleine Diktatoren sind die Ausnahme.

Wurden Forderungen seitens der DDR-Behörden zum Umschreiben gestellt?

Steinmüller: In der DDR wurden Manuskripte bekanntlich zuerst von einem Verlagslektor durchgesehen, dann an einen Gutachter gegeben, und zum Schluss erteilte die Hauptverwaltung für Verlage und Buchwesen im Ministerium für Kultur die Druckgenehmigung oder eben nicht. Und bei all diesen Instanzen waren Menschen mit Vorgaben, aber auch mit Vorlieben und Abneigungen, ein wenig Mut oder großer Ängstlichkeit beteiligt. Sehr schnell hatte man damals eine Stelle identifiziert, die, wie es damals hieß, „nicht ging“. Unsere Helden vermuten, dass sich die Menschheit auf der Erde durch einen Atomkrieg oder eine Umweltkatastrophe selbst vernichtet hat. Das widersprach der Ideologie, gemäß der die „Kräfte des Friedens“, voran die Sowjetunion, sich durchsetzen und uns im 21. Jahrhundert eine „lichte Zukunft“ bevorstehen würde – was die meisten damals nicht mehr so recht glauben konnten. Sollte der Roman überhaupt erscheinen, mussten wir diese Stelle wenigstens etwas abmildern. Was wir auch ganz trickreich getan haben, so dass der Zensur zwar ein Lippendienst erwiesen wurde, aber nichts verloren ging.

Andymon war ungewöhnlich erfolgreich, er wurde sogar in der Bundesrepublik veröffentlicht. Welche Reaktionen gab es in den achtziger Jahren auf diesen Roman?

Steinmüller: Alle unsere Romane sind auch in der „alten“ Bundesrepublik veröffentlicht worden – ohne jedoch größere Reaktionen dort hervorzurufen. Ein paar meist freundliche Rezensionen gab es, ein Rezensent störte sich daran, dass unsere Helden in vitro erzeugt wurden, aber das war es schon. In der DDR aber belegte Andymon in einer Umfrage unter Fans nach dem beliebtesten SF-Buch von DDR-Autoren den ersten Platz. Das war 1988. Da konnte uns schon niemand mehr übertreffen.

In Pulaster schildert ihr eine Zivilisation, die sich bewusst von jeglicher Technik abgewendet hat. Ist dieses „Zurück zu der Natur“ eine realistische Alternative oder müssen die Menschen den Widerspruch auflösen, dass Technik gleichzeitig umweltfeindlich ist.

Steinmüller: Das würden wir nie so ausdrücken. Vielleicht ist der Mensch umweltfeindlich, weil er so einen exorbitanten Anteil aller Ressourcen dieser Erde für sich beansprucht, aber die Technik ist nur die Summe der Mittel. Technik ist die zweite Natur des Menschen, mit einigem Recht kann man den Menschen sogar über die Technik definieren – als homo faber oder toolmaking animal. Selbst das „Zurück zur Natur“ bedeutete immer nur ein Zurück zu einer früheren Entwicklungsstufe von Technik. Jean-Jacques Rousseau, der dieses Schlagwort prägte, stellte sich darunter ein heiles Landleben vor, Pflugschare und Mühlen inbegriffen, von den in Jahrtausenden gezüchteten Nutztieren und -pflanzen ganz zu schweigen. Und im Eisenbahnzeitalter träumte man sich zurück in eine Zeit, da die Postkutsche noch fuhr. Auch die Hreng, die vernunftbegabten Saurier auf dem Planeten Pulaster, benutzen Technik, allerdings eine steinzeitliche. Ihnen gilt der Übergang in das Zeitalter der Metallbearbeitung als die große Sünde wider die Natur.

Wurde der Science Fiction in der DDR besondere Aufmerksamkeit geschenkt oder war sie im Literaturbetrieb eine Randerscheinung?

Steinmüller: Beides. Die utopische Literatur (wie es in der DDR hieß) galt zum einen selbstredend als trivial und banal, zugleich aber war sie ideologisch hochgradig relevant, weil sie Zukunftsbilder entwarf und damit (wie man annahm) ihre Leser beeinflusste. Aus dieser Vereinnahmung als Literatur über die „lichte Zukunft“ hat sich die DDR-SF erst in den 1970er-Jahren befreien können. Aber auch danach wurde sie immer noch mit der Elle der Ideologie gemessen: „Und das soll unsere Zukunft sein?“

Welche Freiheiten oder Einschränkungen besaßen Autoren hinsichtlich der Themenwahl und existierte eine (Selbst-)Zensur?

Steinmüller: Nur ein einziges Mal wurde uns ein Thema vorgeschlagen, und da handelte es sich um eine Biographie. Selbstverständlich war man nicht frei in der Themenwahl. Keiner wäre auf die Idee gekommen, einen Roman über die Verbrechen der Sowjetarmee in Afghanistan einem DDR-Verlag anzubieten. Wichtiger – und tückischer – war die so genannte „Schere im Kopf“. Jeder Autor wusste, dass bestimmte Dinge „nicht gingen“, also tabu waren: Keine Herabwürdigung von Staat und Partei und ihrer Repräsentanten! Mit ein wenig literarischer Finesse konnte man aber manches Tabu umgehen, das Wort „Bürokratie“ beispielsweise sollte nicht auftauchen (weil es in der DDR keine Bürokratie gab, höchstens „Relikte von bürokratischen Verhaltensweisen“), aber beschreiben durfte man sie. Und da gab es auch immer Grauzonen, wurden speziell in den 1980ern die Tabus aufgeweicht, durfte man Gedichte über die Umweltzerstörung durch den Tagebau veröffentlichen.

Nach der Wiedervereinigung habt ihr nur noch selten Erzählungen geschrieben und überhaupt keine Romane. Woran liegt das?

Steinmüller: Zeitmangel. Wenn man seinen Lebensunterhalt in einem sehr anspruchsvollen Beruf verdient, bleibt wenig Zeit. Und diese haben wir in den letzten Jahren vor allem für futurologische Sachbücher genutzt.

Welche Bedeutung hat die Science Fiction zur Analyse der Gegenwart, abgesehen von den Weltraumabenteuern, die der reinen Unterhaltung dienen? Und widmen sich die Autoren zu wenig aktuellen Problemen oder Chancen, wie der demographischen Entwicklung?

Steinmüller: Auch Weltraumabenteuer können einen kritischen Blick auf die Gegenwart werfen. – Wir haben durchaus den Eindruck, dass die meisten SF-Autoren nur modischen Themen (Klonen, Nanotechnologie) hinterher rennen und ansonsten die Welt gedankenlos so hinnehmen wie sie ist. Aber wahrscheinlich hat sich in allen Epochen nur eine Minderheit der Autoren wirklich mit der jeweiligen Gesellschaft auseinander gesetzt. Das sind dann allerdings häufig auch die Werke, die überleben.

Das Interview führte Ulrich Blode im Juli 2006.


Weitere Informationen zu Angela und Karlheinz Steinmüller im Internet:
www.steinmuller.de

Weitere Informationen im Internet zum Shayol Verlag, in dem die Steinmüller-Werkausgabe erscheint:
www.shayol-verlag.de

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