Neu im Kino: Marina Abramovic - The Artist is present Julia Holter: Ekstasis Interview Spielplatz Magazin Die Popkolumne aus London Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit Tristram Hunt: Friedrich Engels
Samstag, 19. April 2014 | 06:24

 

Was Neues im Westen

22.04.2005

Was Neues im Westen
oder
Brinkmann macht weiter

3 neue Editionen von Rolf Dieter Brinkmann:
Westwärts 1 & 2 – Wörter Sex Schnitt – The Last o­ne

Von Theo Breuer

 

War das einmal
meine Sprache? Das ist noch nie
meine Sprache gewesen! Die
Sprache hat immer anderen gehört.

Ist das nicht Leidenschaft,
ein Dach blau anzustreichen
und darunter zu wohnen?

Sonnenblumen und Schnellzüge, die durch die finsteren
Ebenen rasen, erinnern mich an amerikanische Poesie.

Jetzt bin ich tatsächlich abgeschwirrt.

(Rolf Dieter Brinkmann)


Eins


Am 23. April 2005 jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem Rolf Dieter Brinkmann in London von einer Limousine erfaßt und auf der Stelle getötet wurde. Jürgen Theobaldy und Brinkmann waren – wenn ich das, was ich über den Unfallhergang Erfahrene recht in Erinnerung habe – auf der Suche nach einem Pub, um eine Abendmahlzeit einzunehmen. Gegen 22 Uhr befanden sich die beiden Dichter, die Richard Burns zum ersten internationalen Cambridge Poetry Festival eingeladen hatte (Brinkmann und Theobaldy hatten Lesungen am 19. und 20. April 1975 gehabt) wohl ungefähr an der Ecke Westbourne Grove / Gardens Square im Londoner Stadtteil Bayswater, als Brinkmann auf der anderen Straßenseite das Pub SHAKESPEARE’S sah und offenbar – ohne auf den Linksverkehr zu achten – spontan die Straße betrat.
Damit endete auf abrupte und gewaltsame Weise das schwere Leben des außerordentlichsten (weil anarchischsten, originellsten, vitalsten und zornigsten) deutschen Dichters jener Zeit.
In der Woche nach seinem Tod erschien eine von 360 auf knapp 200 Seiten zusammengeschrumpfte – von Brinkmann (widerwillig) autorisierte – Ausgabe seines aufsehenerregenden Gedichtbands Westwärts 1 & 2, für den ihm posthum der erste Petrarca-Preis verliehen wurde.
Das Buch wurde zum Erfolg: Exemplare von WESTWÄRTS 1 & 2 wurden in fünfstelliger Auflagenhöhe verkauft. Aber in den Jahren nach dem Tod wurde es zusehends ruhiger um diesen wunderbar unangepaßten, sich nach „friedlichen“, „klaren“, „langsamen“, „sanften“, „stillen“ „weichen“, „zärtlichen“ Momenten sehnenden Menschen. Wenigstens augenblicksweise offenbarte sich in diesen Momenten jene Anwesenheit der Gegenwart, die für ihn, der zeitlebens gegen erbärmliches Establishment und bequeme Bürgerlichkeit angeschrie(b)en hatte, LEBEN bedeutete.

Der 1940 – während des 2. Weltkriegs – geborene Rolf Dieter Brinkmann hat es sich und seinen Mitmenschen vorsätzlich nie leichtmachen können, u.a. weil die Mehrzahl seiner Mitmenschen es auch ihm selten bloß leichtmachen konnte. Das Leben an sich, wir sehen es wieder, ist ja auch nicht leicht. Und: Es ist – nolens volens – für jeden Menschen immer Experiment. Niemand weiß, ob er beim nächsten Schritt stolpert, fällt oder ob es tatsächlich weitergeht. Brinkmann nahm diese Erkenntnis – sein Leben lang – voll und ganz an: Er machte das (auf seine Umwelt sicherlich immer wieder provozierend oder verrückt wirkende) Experiment willentlich zum durchgängigen Lebensprinzip.

Seit etlichen Jahren ist es nun wieder merklich lebendiger geworden um Rolf Dieter Brinkmann – trotz des gelegentlich sperrig wirkenden Verhaltens der Witwe Maleen Brinkmann, die viel Unveröffentlichtes zurückgehalten hat. Aber das ist ja nun – auf einen Schlag – ganz anders geworden: Drei Editionen – ein umfangreicher Nachlaß der Tonbänder und Lesungen sowie (endlich, endlich!) die vollständige Ausgabe von Westwärts 1 & 2 liegen nun vor (und ein Film über die letzten 5 Lebensjahre Brinkmanns ist in der Mache!).
Vor einigen Tagen habe ich mich gefragt, welche drei Dichter ich als die Repräsentanten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (bis etwa 1960) und welche ich für die zweite Hälfte „nominieren“ würde. Mein Ergebnis: Bertolt Brecht, Gottfried Benn und Paul Celan für die erste Hälfte sowie Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Rolf Dieter Brinkmann für die zweite. (Unweigerlich fliegen uns nun natürlich Namen en masse zu, denen wir ebenfalls einen Platz in diesen Triumviraten einräumen würden: Rainer Maria Rilke etwa, Georg Trakl, dann: Hans Magnus Enzensberger, Karl Krolow, der kürzlich verstorbene Thomas Kling... Ein interessantes Gedankenspiel, mehr nicht...)

Noch ein Wort zum Todestag Brinkmanns: Der 23. April ist seit Jahren Welttag des Buches: Die Geburtstage von Cervantes und Shakespeare (der nun ausgerechnet auch noch an seinem mutmaßlichen Geburtstag starb) gaben den Anlaß dazu. Daß nun Brinkmanns Todestag ausgerechnet auf den 23. April fällt, finde ich insofern nicht schlecht, als daß ich solche Welttage prinzipiell für überflüssig halte – in dieser besonderen Verbindung allerdings für nichts weniger als attraktiv. Nicht vergessen dürfen wir in diesem Zusammenhang, wo Brinkmann sich in dem Augenblick befand, als er von dem Fahrzeug erfaßt wurde: gegenüber dem Pub SHAKESPEARE’S in London – einer Stadt übrigens, in der er seit den 60er Jahren häufig gewesen war, um sich mit den neuesten Langspielplatten und amerikanischen Gedichtbänden der Beat- und Pop-Generation einzudecken. Brinkmann hat stets betont, wie wesentlich der Einfluß der neuen Musik auf sein Schaffen gewesen ist, immer wieder dringen Liedtexte in seine Gedichte ein, in deren Titeln ausdrücklich Wörter wie „Lied“ oder „Song“ auftauchen.

Die drei neuen Editionen beweisen erneut eindrucksvoll die literarische Leistung dieses materiell verarmten literarischen Schwerstarbeiters Brinkmann, der sich in den 5 Jahren vor seinem Tod – angewidert vom Literaturbetrieb und nachdem er sich mit der Mehrzahl seiner Freunde und Bekannten überworfen hatte – in seine Welt ohne Small Talk und Floskeln zurückgezogen hatte, um sich – intensiver wahrscheinlich als jeder andere zu seiner Zeit – dem Eigentlichen zu widmen...


Zwei


In Rom dachte ich an London. In London dachte ich
an Rom. Als ich in Köln war, dachte ich an Amsterdam.

Ich schleppte meinen Koffer zu der Haltestelle. Jenseits
der Betonflächen mit Spuren dünnen Licht begann der Nachmittag,
westwärts.

Das blaue Futur wurde in die Maschine gegeben.

Ich möchte weiter und weiter machen in einer guten Gegenwart.

(Rolf Dieter Brinkmann)


Freitag, 8. April 2005: ein Tag, den die Menschheit so schnell nicht vergessen wird. Zum ungeheuren Medienspektakel gerät die Beisetzung des verstorbenen polnischen Papstes. Die Post bringt – etwa zwei Wochen lang habe ich darauf gewartet – Westwärts 1 & 2. Ausgepackt, geschaut und geblättert, hier Bilder betrachtet, da ein paar Verse gelesen...
Ich kann nicht beschreiben, was es für mich bedeutet, dieses Buch endlich vollständig in der Hand zu halten, ziehe mich deshalb zunächst auf das Äußere zurück: War das Buch bislang 19 x 12,5 Zentimeter klein, so ist es nun 23 x 15,5 Zentimeter groß: eine den oft riesig angelegten Gedichten angemessene Größe, die auch eine Schriftgröße zuläßt, die natürlich bei weitem der zum Teil ameisenhaft winzigen der vorherigen Ausgabe vorzuziehen ist. Das Buch hat nun das Format, das ihm aufgrund seines fulminanten Inhalts zusteht.
Und dann: gelesen, gelesen, gelesen – Brinkmann macht mich wieder total gefräßig... Am 9. und 10. April nichts anderes getan – kaum etwas gegessen – um mir dieses weltumspannende, weltschöpfende Buch – erneut – einzuverleiben. Diese anläßlich des 30. Todestages von Rolf Dieter Brinkmann am 23. April 2005 – endlich! – veröffentlichte (von knapp 200 auf 360 Seiten!) erweiterte Neuausgabe des Wörtervulkans Westwärts 1 & 2 ist – laut Rolf Dieter Brinkmann himself – mehr als „nur“ ein Lyrikband: „Es ist ein subjektives Buch, ohne Rücksicht auf die herrschenden Konventionen, und kann ebenso gut als ein zusammenhängendes Prosabuch, Gedichtbuch wie Essaybuch gelesen werden.“ Und: Bilderbuch möchte ich hinzufügen – immerhin sind auch noch annähernd 100 Bilder bzw. Photomontagen wahrzunehmen. 25 der 26 eingefügten Gedichte sind noch nie veröffentlicht worden, vom beinahe 90 Seiten umfassenden Nachwort (mit den über die absatzlosen Seiten mäandernden Reihungen) lediglich die ersten Seiten (im LITERATURMAGAZIN 5).
WESTWÄRTS 1 & 2 gehört zu den Top 10 der deutschsprachigen Lyrikbücher des 20. Jahrhunderts. Es tut der gewaltigen (Sog-)Wirkung dieses von einem literaturbesessen Menschen reflektiert unkontrolliert geschriebenen Buches nicht den geringsten Abbruch, wenn ich hier anmerke, daß die Mehrzahl der 26 hinzugefügten Gedichte nicht unbedingt immer die lyrische Durchschlagskraft hat, für die Brinkmann – bei aller total bewußten Alltäglichkeit und Banalität der Themen, die ja Programm ist – so oft garantiert; schließlich hat er sie selbst (wenn auch notgedrungen) aussortiert. SCHATTENMORELLEN, das eine von den 26 neuen Gedichten in WESTWÄRTS 1 & 2, das 1990 einmal in einem anläßlich Brinkmanns 50. Geburtstag herausgegebenen Katalogs des Bremer Antiquariats Seinsoth abgedruckt wurde, ist allerdings ein Spitzengedicht:


Schattenmorellen

entzückten mich, als ich heute
durch die graue, nasse Straße
ging, unter den vielen Gesichtern

frisch und klar, mehr als das
Problem des Unendlichen
kurz vor halb sieben,

Ladenschluß. Ich sagte, „Friede!“
und ging in den Laden, kaufte
anderthalb Pfund Schattenmorellen.

Die Unendlichkeit ist teurer,
160 Seiten, 10,80 DM,
Originalausgabe, und nicht

halb so gut. Ich gehe über
eine Brücke und spucke
einen Schattenmorellenkern

was genau wie Frieden ist.
Es gibt Schattenverfahren, Schatten
Vögel, Schattenwickler, Schattenspiele

und Schattenboxen, es gibt Schatten
Probe und Schattenrisse, es gibt
Schattenpflanzen, Schwachlicht

Pflanzen, Schattenregierungen
und Schattenlitze, es gibt
Schattengewebe und Schatten

Industrie, Schattenkabinette
und gemeine Schatten, den
dunklen Raum hinter einem

beleuchteten, undurchsichtigen
Körper, es gibt das Schattenbild
von Göthe und Fritz von Stein

und die Schattenmorellen in
der Papiertüte, es gibt Hare
Krishna und Kernspaltung.

Das war der Moment, als
die Straße aufhörte. Ich
sah auf die Schattenmorellen

in der Hand. Der Friede
ist so einfach wie das Entzücken
und Schattenmorellen.


Westwärts 1 & 2 ist – im Gegensatz zur Mehrzahl aller Gedichtbände – nicht allein eine Sammlung von Gedichten, sondern ein explosiver, monumentaler, textlich ineinander verzahnter, überschäumender, über die Grenzen gehender literarischer Mikrokosmos, der uns in mit seinen simultan zwischen verschiedensten Realitäts- und Traumwelten hin- und herspringenden, aggressiven, kämpferischen, liedhaften, obszönen, sensiblen, sinnlichen, zärtlichen Versen (immer wieder mehrspaltig angeordnet!), rasanten Reihungen, eindringlichen Photomontagen, kaskadischen Gedankenergüssen im nicht enden wollenden „unkontrollierten“ Nachwort, seinen temperamentvollen Berg- und Talfahrten in einen Leserausch versetzt, der ohnegleichen ist. Brinkmann macht weiter, weiter, immer weiter... Kosmopolitische Kostprobe gefällig?


Hymne auf einen italienischen Platz

O Piazza Bologna in Rom! Banca Nazionale Del
Lavoro und Banco Di Santo Spirito, Pizza Mozzarella
Barbiere, Gomma Sport! Gipsi Boutique und Willi,
Tavola Calda, Esso Servizio, Fiat, Ginnastica

Estetica, Yoga, Sauna! O Bar Tabacci und Gelati
breite Hintern in Levi’s Jeans, Brüste oder Titten,
alles fest, eingeklemmt, Pasticceria, Marcelleria!
O kleine Standlichter, Vini, Oli, Per Via Aerea,

Eldora Steak, Tecnotica Caruso! O Profumeria
Estivi, Chiuso Per Ferie Agosto, O Lidia Di Firenze,
Lady Wool! Cinestop! Grüner Bus! O Linie 62 und 6, das
Kleingeld! O Avanti grün! O wo! P.T. und Tee Fredo,

Visita Da Medico Ocultista, Lenti A Contatto!
O Auto Famoso! Ritz Cräcker, Nuoto Con Noi, o Grazie!
Tutte Nude! O Domenica, Abfälle, Plastiktüten, rosa!
Vacance Carissime, o Nautica! Haut, Rücken, Schenkel

Gebräunt, o Ölfleck, Ragazzi, Autovox, Kies! Und Oxford,
Neon, Il Gatto Di Brooklyn Aspirante Detective, Melone!
Mauern! Mösen! Knoblauch! Geriebener Parmigiano! O dunkler
Minimarket Di Frutta, Istituto Pirandello, Inglese

Shenker, Rolläden! O gelbbrauner Hund! Um die Ecke
Banca Commerziale Italia, Flöhe, Luftdruckbremsen, BP
Coupons, Zoom! O Eva Moderna, Medaglioni, Tramezzini,
Bollati! Aperto! Locali Provvisori! Balkone, o Schatten

Mit Öl, Blätter, trasferita! O Ente Communale Di
Consumo, an der Wand! O eisern geschlossene Bar Ferranzi!
O Straßenstille! Guerlain, Hundeköttel, Germain Montail!
O Bar Fascista Riservata Permanente, Piano! O Soldaten,

Operette, Revolver gegen Hüften! O Super Pensione!
O Tiergestalt! O Farmacia Bologna, kaputte Hausecke,
Senso Unico! O Scusi! O Casa Bella! O Ultimo Tango
Pomodoro! O Sciopero! O Lire! O Scheiß!


Für mich ist dieses Buch natürlich – komme, was da wolle – das Buch des Jahres 2005! Wer sich als Lyriker mit WESTWÄRTS 1 & 2 nicht befaßt, den kann ich als solchen nicht wirklich ernstnehmen. (Im Sommer 2005 erscheint in der EDITION BAWAGEN der mittlerweile 6. handgeschriebene Sammelband mit originalen Handschriften von 19 Lyrikerinnen und Lyrikern in einer Auflage von 37 Exemplaren. Das Künstlerbuch trägt in diesem Jahr den Titel In ein anderes Blau – ich gebe es im Gedenken an Rolf Dieter Brinkmann heraus. Das „Gedicht“ aus WESTWÄRTS 1 & 2 wird – in künstlerisch verfremdeter Form – als Graphik in diesem Buch auftauchen. Die beiden titelgebenden Verse, die eine Lyrikerin in ihr Gedicht montiert hat und die dem „Gedicht“ entstammen, dokumentieren die Lebendigkeit, mit der Brinkmann sich erneut bzw. weiterhin in den Köpfen deutschsprachiger Dichter tummelt.) Und wie ich die leidenschaftlichen Lyrikleser kenne, werden sie ihr neues WESTWÄRTS 1 & 2 schon längst gebunkert haben... Etwa nicht?


Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2
Erweiterte Neuausgabe
360 Seiten, Broschur
ROWOHLT VERLAG
Reinbek bei Hamburg 2005


Drei

Ach, gehen Sie mir weg mit Ihren Wörtern

Ich trete aus dem Haus & trete zuerst in Hundescheiße

Wieder ein Sonntag in Deutschland, der absolut albtraumhaft ist

(Rolf Dieter Brinkmann)


Ein Paketdienst bringt die beiden Rolf-Dieter-Brinkmann-Audio-Editionen Wörter Sex Schnitt (der akustische Nachlaß als Erstveröffentlichung – spoken word – Lesung – Tonbandexperiment; aufgenommen in Köln von Oktober bis Dezember 1973 und dort 30 Jahre lang konserviert...) und The Last o­ne (die Lesungen Brinkmanns beim CAMBRIDGE POETRY FESTIVAL 1975). Wahnsinn: über 400 Minuten Brinkmann live: Den ganzen Tag über läuft nichts anderes... Immer wieder spüre ich mein Herz klopfen, immer wieder fröstelt mich – je nach dem, welche Stimmung diese Stimme ins Wohnzimmer transportiert.
An Karfreitag lauschen mein Gast Axel Kutsch und ich auf The Last o­ne dem von Brinkmann in Cambridge rezitierten Gedicht ROLLTREPPEN IM AUGUST, dessen „PANIK – PANIK – PANIK“ sich in unsere Hirne meißelt... Bereits die auf englisch gesprochenen einleitenden Worte ziehen den Zuhörer umgehend magisch an. Brinkmann macht seine lyrischen Absichten, Gedichte vom Olymp in die Seitenstraßen zu holen und so einfach wie Songs sein zu lassen, deutlich: „The beautiful simplicity is a dream.“ Zwei Lesungen hatte Brinkmann am 19. und 20. April 1975 in Cambridge: die eine u.a. mit John Ashbery, die andere u.a. mit Erich Fried, Michael Hamburger und Jürgen Theobaldy.
Einmal hämmert die Stimme blechern, beinahe bedrohlich, ein anderes Mal dringt sie sanft, geradezu zärtlich ans Ohr, einmal spricht der Mensch ganz ruhig, ja, zurückhaltend, dann wieder auffordernd und suggestiv. Mich überrascht das nicht. Ich weiß, seit ich Brinkmann lese, daß er die Klaviatur der inneren Tonarten beherrscht: Rolf Dieter Brinkmann ist ein sensibler Mensch gewesen, der sich auf Situationen eingestellt hat und nicht monoton sein Dasein heruntergespult hat.

Daß Brinkmann mehr ist als ein Dichter, diese Aufnahmen beweisen es. Im umfangreichen Begleitbüchlein zu Wörter Sex Schnitt heißt es: „Betrachtet man Brinkmanns Gesamtwerk, stimmt man seiner Selbsteinschätzung zu: ‚Ich bin kein Dichter.’ Er ist kein Dichter, eher ein multimedialer Chronist, dessen Zugriff auf die eigene Gegenwart immer der Versuch möglichst detailgetreuer Widergabe direkter und nicht durch Vermittlungsanstrengungen verfälschter Sinneseindrücke war.“ (Der WDR produziert nun ja sogar einen Film über diesen überragenden „Chronisten der Gegenwart“ mit dem Titel BRINKMANNS ZORN. Im Jahr 30 nach Brinkmann überschlagen sich die Ereignisse...)

Jan Röhnert erlebt die CDs gleichzeitig mit mir im fernen Jena. Mich hier ganz westwärts, ihn eher ostwärts verbindet die Brinkmannsche Stimme. Gerade während ich diese Zeilen hier am Nachmittag des 1. April 2005 schreibe, kommt seine Mail, in der er fragt: „Geht es dir ähnlich mit den Brinkmann-Aufnahmen? Sie sind viel weniger aggressiv, als ich erwartet hätte, sehr zärtlich bisweilen, sehr nachdenklich, sehr reflektiert – und es ist eine Stimme, die ich sehr gern höre, eine weiche, feminine Stimme. Ich habe mir in freien Minuten die Sachen auszugsweise immer wieder angehört – dieser Hunger, diese Suche nach Schönheit, Freude steckt an, ich fühle mich da hineingezogen: Das Tonband erweist sich so als das adäquateste Medium, seinem Bedürfnis nach Gegenwart Ausdruck zu verleihen. Und diese Gegenwart überträgt sich auf den Hörer, er wird Teil von ihr. Geht es Dir ähnlich?“
Egal, ob es nun die Mitschnitte der Lesungen von Cambridge im Jahre 1975 oder die unter deutschen Autoren wahrscheinlich einmaligen Tonbandaufnahmen sind, die von Oktober bis Dezember 1973 in der Kölner Wohnung bzw. Innenstadt – den Brinkmannschen „Seitenstraßen“, die er in seinen Gedichten immer wieder besingt – entstanden: Rechnen Sie dabei mit allem – Formen, Themen und Motiven sind keine Grenzen gesetzt, dabei hören Sie Brinkmanns monologisches Sprechen und Flüstern in der Wohnung, Geräusche, Verlesen von Postkarten, Interviews, Kommentare, Lautpoesie, Telefon-Aktion u.v.a.m. – und erleben Sie den am 23. April 1975 verstorbenen Dichter Rolf Dieter Brinkmann „live“ in einer Intensität, Sensibilität und Vitalität, die Sie in ihren verschiedensten Tonarten nicht nur mitreißen, sondern auch bewegen wird. Hören Sie selbst!

Theo Breuer


Rolf Dieter Brinkmann: Wörter Sex Schnitt
5 CDs und 60 Seiten Booklet
Gesamtlaufzeit 360 min 40 sec
Herausgegeben von Herbert Kapfer und Katarina Agathos
(unter Mitarbeit von Maleen Brinkmann)
INTERMEDIUM RECORDS
Erding 2005

Rolf Dieter Brinkmann
The Last o­ne
AUTORENLESUNGEN
CAMBRIDGE POETRY FESTIVAL 1975
Cd und Booklet
Laufzeit 59:41
Herausgegeben von Herbert Kapfer und Katarina Agathos
(unter Mitarbeit von Maleen Brinkmann)
INTERMEDIUM RECORDS
Erding 2005

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...