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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:21

     

    Wilhelm Genazino - Büchner-Preisträger 2004

    05.06.2004

     
    Der Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens auf der Spur –
    Wilhelm Genazino 


    Der bedeutendste deutsche Literaturpreis, der Georg-Büchner-Preis, geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Wilhelm Genazino. 

     

    Es gibt ganz klare Vorgaben, was ein Mann im Laufe seines Lebens zu tun hat: Ein Haus soll er bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen. Dann wird sein Glück vollkommen sein. Über die Reihenfolge der Umsetzung mag es schon lange Diskussionsbedarf geben, da spätestens mit der geißelnden Bürokratie das Richtfest für ein schützendes Heim in der Regel weit hinter den Zeugungszeitpunkt zurückfällt ... Gänzlich umbenannt wird die altbekannte Trilogie der Männlichkeit sicherlich in unseren Tagen in: ein Aktienpaket besitzen, einige Affären haben und für schnelle Fluchten einen Sportwagen fahren – vielleicht, als einzige Reminiszenz an Althergebrachtes, aus Versehen gegen einen Baum. In der Welt der vorgespielten Geschwindigkeit und der vorgespiegelten Flexibilität werden andere Akzente gesetzt, aber wird in einer solchen Dreieinfältigkeit das Glück vollkommen sein?

    Folgen wir Wilhelm Genazino und seinen Figuren, dürfen wir generell davon ausgehen, dass allein das Anvisieren eines vollkommenen Glücks als vollkommene Überforderung und Irreführung der Lebensgeister angesehen würde. Was möglich ist, entspringt der Auseinandersetzung mit einer oftmals sowohl als viel zu groß als auch als viel zu befremdlich empfundenen Umwelt. Ihr gilt es, ein eigenes Lebenskonzept mal abzutrotzen, mal entgegenzustellen. Bezüglich der titelgebenden Trilogie von Genazinos letztem Roman – Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman – ist eine scheinbare Ähnlichkeit mit der tradierten Anforderungsformel zwar nicht zu leugnen, ebenso nicht zu übersehen ist aber die Abänderung des Männlichkeitsbeweises vom körperlichen hin zum geistigen Zeugungsakt.

    Flottes Umschalten von faschistisch auf kapitalistisch

    In dem Roman schildert Genazino das Leben des 17, 18 Jahre jungen „Herrn Weigand“ zu Beginn der 60er Jahre. Wir begleiten ihn in einer entscheidenden, letztendlich schockhaft verlaufenden Lebensphase hin zu einem solchen geistigen Zeugungsakt. Von der Schule geflogen und von seiner Mutter mit einer Firma zu einer Ausbildung als kaufmännischer Lehrling verkuppelt, arbeitet er nebenher noch als Feierabendreporter für eine Zeitung. In beiden Jobs muss er Aufgaben übernehmen, deren Bedeutung er skeptisch gegenübersteht, wie etwa die Anwerbung von Tagelöhnern oder der Besuch von Autogrammstunden, Rockkonzerten und Kinovorstellungen. Die Bewältigung dieser von Herrn Weigand aufgrund seiner Unerfahrenheit oft zu ernst genommenen kleinen Herausforderungen wird häufig von einer Flut von Vermutungen oder einer Kette von Hintergedanken begleitet. Dann kommt Genazinos Vorliebe, seine Romanfiguren einer merkwürdigen Vertracktheit auszusetzen, bestens zur Geltung, was nicht unwesentlich zum Lesevergnügen beiträgt. Hinter der Oberfläche der geschilderten Ereignisse steckt jedoch weit mehr: die Verdrängungsstrategie der Nachkriegszeit, wie Wilhelm Genazino im Gespräch erläutert:
    „Die Handlungszeit meines Buches ist ja Anfang der 60er Jahre und da lebten die Menschen noch im Genuss einer Verdrängung. Ich selbst war in meinen ganz jungen Jahren Lokaljournalist und habe die junge Bundesrepublik an ihren ökonomischen Startklappen beobachten können, und was geschah, war für mich im Nachhinein sehr verblüffend. Das ist auch ein Grund, warum ich dieses Buch schon länger habe schreiben wollen. Diese Schlichtheit des Umschaltens vom faschistischen in den kapitalistischen Alltag, das ist mir damals schon aufgefallen. Doch worum es sich begrifflich gehandelt hat, um dieses Umschalten von faschistisch auf kapitalistisch, das hat mich erst in der Nachfolgezeit immer mehr beschäftigt, auch die Tatsache, wie einfach das gelingen konnte. Und es konnte gelingen aufgrund der Ausschaltung des Traumas. Es war möglich, aufgrund des amerikanischen Angebots der Westintegration das `Dritte Reich´ unter `kleinere Unglücksfälle´ abzubuchen, ganz schnell den neuen Zipfel der Geschichte in die Hand zu kriegen und die andere Geschichte, wenn nicht zu vergessen, so doch mal wenigstens auf die lange Bank zu schieben. Der Roman soll die Leute mit der Schlichtheit ihrer Überlebenstricks zeigen, nach denen sie freudig gegriffen haben, das allgemeine Hinwegbügeln über die Vergangenheit. Dazu gehörte auch die frühe Kulturindustrie mit Peter Alexander und Rex Gildo, die beide ja im Buch beispielhaft vorkommen und die diese Funktion gehabt haben.“

    Wilhelm Genazino wird nicht etwa sentimental und hängt auch keinen verlorenen zeitgeschichtlichen Chancen nach. Sein Roman lebt vom Kontrast zwischen der allgemeinen Stimmungslage und dem Einzelschicksal des jungen Weigand. Dieser droht zunächst mit seinen willfährig geschriebenen Artikeln in den gleichen eingefahrenen Bahnen zu enden wie seine Umwelt. Doch lernt er eine Kollegin, Linda, kennen, die auch für eine Zeitung schreibt und Umgang mit Künstlern und Schriftstellern pflegt. Beeindruckt von diesem bohemeartigen Milieu entgleitet Weigand seiner bisherigen Freundin – mit der er sogar schon ein Sparbuch für die gemeinsame Zukunft angelegt hat – immer mehr. Aber noch bevor er sich Linda in seiner Zuneigung offenbaren kann, nimmt ihr Schicksal einen tragischen Verlauf und reißt ihn endgültig heraus aus der Routine. Nun sucht er die Unabhängigkeit auch von seinen Eltern und ergreift Lindas Plan, einen Roman zu schreiben, um damit der Lebensabschnittstrilogie Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman doch ein Stück näher zu kommen.

    Gabe der genauen Beobachtung

    Nahe kommt Weigand – trotz seiner Jugend – in einigen Charakterzügen auch den älteren männlichen Protagonisten der Vorgängerromane Genazinos. Selbst wenn von ihm nicht so intendiert: Man kann den neuen Roman wie das fehlende Bindeglied in der romanbiografischen Ahnenreihe der vielen männlichen Hauptfiguren Genazinos lesen. Gemeinsam ist ihnen der Hang zur Verkettung von Mutmaßungen und die Gabe der genauen Beobachtung. Dafür ist Zeit gerade auf den gerne zu Fuß zurückgelegten Wegen. Der Gang durch die Innenstadt – bei denen wir uns Genazinos Wohnorte Mannheim, Frankfurt oder auch Heidelberg vor Augen führen können – dient aber immer auch der Bewältigung von Alltagsaufgaben. Die Wäsche muss in die Reinigung gebracht, der Ort für den nächsten Termin des Zeitungsreporters aufgesucht oder eine neue Hose gekauft werden. Die Hauptfigur in Genazinos Erfolgsroman Ein Regenschirm für diesen Tag (2001) geht sogar von Berufs wegen herum, weil der Mittvierziger den skurrilen Beruf des Testers von Qualitätsschuhen ausübt.

    Ständig verwickelt er sich in Hintergedanken, Besorgnisse und gedankliche Abwehrkämpfe. Wird der Spaziergänger direkt in Situationen verstrickt, stehen diese oftmals an der Grenze zur Lächerlichkeit, weil sie häufig ungewollt zu Missgeschicken, zu Peinlichkeiten oder zur Verlogenheit der Beteiligten führen. Unerwünschten Begegnungen mit ehemaligen Lehrern, Vorgesetzten oder verflossenen Liebschaften würde er nicht zuletzt wegen der gequälten Gespräche lieber ausweichen.

    Städtische Streuner

    Jedoch ist das alltägliche, auf Tempo verzichtende Herumstreifen, Wahrnehmen und Aufnehmen der Umwelt nicht wirklich gleichzustellen mit dem altbekannten Flanieren, das im Müßiggang seinen Selbstzweck gesehen hat – Genazino wehrt sich zu Recht dagegen, dass seine Figuren als „Flaneure“ etikettiert werden. In seinen Augen sind sie – wie etwa der Büroangestellte „Abschaffel“ in der gleichnamigen, 2002 neu aufgelegten Trilogie aus den späten 70er Jahren – vielmehr „Streuner“:
    „Bei `Abschaffel´ ist es einfach eine dringend notwendige Kompensation, die vollkommen lustfern abläuft, etwa im Gegensatz zu dem Spaziergänger im `Regenschirm für diesen Tag´. Ich bin nicht besonders glücklich über die Etikettierung `Flaneur´, die es häufig bei meinen Figuren gibt, abgesehen davon, ob es historisch überhaupt möglich ist, jetzt so einen Typus aus den 20er, 30er Jahren einfach noch mal aufzulegen. Meine Figuren haben doch mehr von einem Streuner, d. h. die brauchen das Herumgehen einfach zu Ablenkungszwecken, und das ist das Gegenteil eines Flaneurs. Der Flaneur macht es ja aus Lust und weil er Zeit hat und weil er vor allen Dingen keine ökonomischen Probleme hat und die haben ja meine Helden generell. Die haben ja Gründe, sich ablenken zu müssen.“

    Der Willkür des Alltags ausgeliefert

    Die Wiedergabe insbesondere von Beobachtungen und das verarbeitende Reflektieren erinnert an Schriftstellerkollegen aus der gleichen Generation wie etwa Rolf Dieter Brinkmann, mit dem Genazino neben anderen in dem Band Zentrale Randlage – Lesebuch für Städtebewohner (2002) vereint ist. Doch während der früh verstorbene Brinkmann seine Beobachtungen, seinem Ego entsprechend, vielfach schroff aneinanderreiht und ohne den Puffer eines Erzählers wiedergegeben hat, sind es in den Werken des 61-jährigen Wilhelm Genazino seine Anti-Helden, die stellvertretend der Willkür des Alltags ausgeliefert sind. Isoliert von der Leistungsträgermentalität der Umgebung sind sie einfühlsame, duldsame, sogar nachsichtige Charaktere auf der Suche nach ihrer Identität, mit einer ganz eigenen, leicht melancholischen Sehnsucht nach der erlösenden „inneren Genehmigung“, auf der Welt sein zu dürfen, und mit ihrer Hoffnung, wenigstens einmal im Leben etwas ganz Eigenes zu erleben. Ein ganz eigenes Erlebnis – und das wäre unbedingt aufzunehmen in die Trilogie der Lebensziele der Figuren Wilhelm Genazinos – gelingt vielen Protagonisten, wenn auch, wie Herrn Weigand, nur im Kleinen:
    „Rex Gildo war nur wenig älter als ich. Er hatte ein goldbraunes Brathähnchengesicht und schwarzgefärbtes Haar. Plötzlich war ich überzeugt, dass jedes Zeichen und jede Bewegung in diesem Raum eine Fälschung war. Sogar das Autogramm von Rex Gildo war unecht. Es war eine allgemeine, nichtssagende Wellenlinie, die ebenso Erich Huber oder Fritz Müller heißen konnte. Aber die Mädchen waren beglückt über die Wellenlinie und beugten sich begeistert über sie. In diesem Augenblick rettete mich ein Blick nach draußen. Genau dort, wo Rex Gildos Cabriolet geparkt war, entdeckte ich ein Verkehrsschild. Auf diesem Schild standen zwei Wörter: ACHTUNG ANFAHRTSZONE. Anstatt Anfahrtszone las ich jedoch Armutszone. Das Wort half mir augenblicklich. ACHTUNG ARMUTSZONE. Natürlich, ich lebte hier in der Armutszone!“

    Olaf Selg


    Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
    Hanser Verlag 2003
    Gebunden. 160 Seiten. 15,90 ¤.
    ISBN 3-446-20269-2

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