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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:53

     

    Karlheinz Deschner wird 80

    21.05.2004

     
    Der Aufklärer aus Oberfranken

    Zum 80. Geburtstag des Autors sowie Literatur- Kirchen- und Gesellschaftskritikers Karlheinz Deschner (am 23.5.2004)

    Von Olaf Selg

     

    1. „Gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von Kunst.“

    In der Analyse dichterischer bzw. vermeintlich dichterischer Werke ist der am 23. Mai 1924 geborene Karl Heinrich Leopold Deschner ein Sprachschmecker. 1957, also in seinem 33sten Lebensjahr, veröffentlichte er die Streitschrift Kitsch, Konvention und Kunst. Die Menge an beschreibenden und wertenden Attributen, die er alleine in diesem mit 175 Seiten relativ schmalen Buch verwendet, ist umfangreicher, als es manchem Rezensenten in seinem ganzen Leben zu benutzen gegeben sein wird. Wer einmal nicht weiter weiß in der Frage, wie eine positive oder negative Kritik formuliert werden kann, müsste nur ein paar Seiten blättern zwischen den Lobpreisungen oder Verurteilungen, und eine Sprachbereicherung wäre nicht ausgeschlossen.

    Fast 50 Jahre liegt die Veröffentlichung von Kitsch, Konvention und Kunst nun zurück und das Buch ist seit kurzem nicht mehr im Buchhandel erhältlich: unverzeihlich eigentlich. Liegt es daran, dass einige der Autoren wie Rudolf G. Binding oder Leo Weismantel, denen Deschner damals deutlich ihre künstlerischen Grenzen aufzeigte, heute nicht mehr bekannt sind? Nun, aus der Sicht von Deschner wäre dies ja gut so. Dagegen gilt es, Autoren wie Hans Henny Jahnn trotz kurzer Rezeptionshöhenflüge (etwa nach der endlich bezahlbaren achtbändigen Ausgabe seiner Werke im Jahr 2001) nach wie vor zu entdecken. Und die köstlichen Verrisse einiger Gedichte von Hermann Hesse, jenem „Epigonen der Romantik“, der so manchen auch heutzutage noch in der Pubertät begleitet, dürften anhand plausibler, im ästhetischen Kontrast etwa zu Gottfried Benn oder Rainer Maria Rilke gesetzter Beispiele nach wie vor heilsam sein.

    Deschner zelebriert seine Demontagen genüsslich-süffisant und dies kommt dem Leser auch heute noch voll und ganz zu Gute. Selbst Autor einiger heute ebenfalls nicht mehr erhältlicher literarischer Bücher, ist Deschner aber keineswegs jemand, der leichtfertig anhand einiger ausgewählter Beispiele einen ganzen Autor denunziert. Nein, er versteht es, immer dann zu differenzieren, wenn es am Platz ist. Sein literarisches Credo lautet grob zusammengefasst: das Wie, die Art der Darstellung entscheidet über ein Kunstwerk; Stil, Form, das Technische, die Gestaltung, die Fähigkeit des Ausdrucks, also das Primat der Form bestimmt über seinen künstlerischen Wert. Je stärker das Primat des Stoffes, etwa eine Weltanschauung, ist, desto unkünstlerischer, desto weniger gestaltet ist ein Kunstwerk. Kitsch dagegen ist mehr als nur technischer Mangel, ist ästhetische Entgleisung.

    Qualität bezüglich Sprache und Inhalt garantieren in Kitsch, Konvention und Kunst ein nicht geringes Maß an Zeitlosigkeit und sollten das Buch weiterhin für einen Verlag interessant machen.

    2. „Warum beachten wir noch eine Leiche?“

    Es gibt Menschen in der katholischen Bilderbuchstadt Bamberg, die wissen mit dem Namen Karlheinz Deschner nichts anzufangen. Menschen, die sich wohl als Christen bezeichnen würden, die mehr oder weniger regelmäßig sonntags in einer der vielen Kirchen des Bischofssitzes ihr Haupt beugen und nicht ahnen, dass aus ihrer Heimatstadt jemand hervorgegangen ist, der wie kein zweiter an den Prachthölzern der Kirchengestühle sägt, der die Kirche als Institution in ihrer Historie und in ihrem derzeitigen Zustand von Grund auf hinterfragt: Deschner arbeitet seit Jahrzehnten an seiner auf 10 Bände angelegten, monumentalen Kriminalgeschichte des Christentums – dazu nur soviel: der Titel ist Programm.

    Wer es zunächst weniger ausführlich möchte, dem sei eines seiner kürzeren kirchenkritischen Werke empfohlen, etwa Das Kreuz mit der Kirche. Hier geht es um die Sexualgeschichte des Christentums, ein immer aktuelles Thema. Deschners Meinung: Sexualität ist nicht nur ein Teil unseres Daseins, sondern durchdringt es total. Er beschreibt in seinem Buch ausführlich und anschaulich, wie Sexualität von der Kirche als Mittel der Unterdrückung instrumentalisiert wurde und wird.

    Bezüglich einer Kriminalgeschichte des Christentums kann es gerade in der heutigen Zeit, in der die westliche Welt anscheinend unverständlich dem islamistischen Terror gegenübersteht, nicht schaden, sich daran zu erinnern, welche Taten im Namen Gottes von den christlichen Kirchen begangen oder zumindest gebilligt wurden: „Gott der Herr. Von Generation zu Generation wurde in seinem Namen gelogen, gefoltert und massakriert, mit seiner Hilfe die Bäche und Flüsse rot gefärbt von Blut und Berge von Leichen aufgetürmt durch die Geschichte, mit Gott gegen Heiden, mit Gott gegen Juden, ... mit Gott gegen die Protestanten, mit Gott gegen die Katholiken, mit Gott vor allem gegeneinander, mit Gott in den Ersten Weltkrieg, mit Gott in den Zweiten ...“ (aus: Écrasez l’infâme oder Über die Notwendigkeit, aus der Kirche auszutreten).

    3. „Keine Kriege mehr, bloß große Polizeiaktionen“

    In diesem thematischen Zusammenhang aktuell ist auch Deschners Buch Der Moloch über die Geschichte der USA. In seinem schon 1992 – also lange vor dem derzeitigen Boom amerikakritischer Bücher wie Stupid White Men und Volle Deckung, Mr. Bush von Michael Moore – erstmals und nun schon in zehnter, überarbeiteter und aktualisierten Auflage erschienenen Werk beschreibt Deschner gewohnt bissig den Weg Amerikas zum selbsternannten Weltpolizisten und wie die Führungsriege der USA ihre Macht missbraucht, um aus jedem Konflikt, aus jedem Krieg Profit zu schlagen. Die Entstehung der Vereinigten Staaten ist für ihn eine Chronik der Eroberung, Gewalt und Mord. Diese ‚Tradition’, die er seit der Entdeckung Amerikas nachzeichnet, lässt es nicht verwunderlich erscheinen, dass ihr jeder Vorwand recht zu sein scheint, um sich zu perpetuieren und neue Kriege zu führen. Wurden also einst die Ureinwohner Amerikas rücksichtslos für die Landnahme ausgerottet, so tritt man nun überall an, wo es nötig ist, um dort zu beseitigen, wer dem eigenen „militärisch-Industriellen Komplex“ im Wege steht. Gerne sah und sieht man sich als „Gottes Werkzeug der Gerechtigkeit“ (wobei man zu übersehen scheint, wie schnell man mit anderen Gotteskriegern auf einer Ebene steht).
    Deschners Buch Der Moloch ist eine einseitige Sicht auf die Geschichte der USA, aber es ist eine notwendige Sicht, um sich nicht von politischen Floskeln in die Irre führen zu lassen: „Seit dem 11. September ist nicht, wie seinerzeit Schwachköpfe und Situationisten rund um den Erdkreis papageiten, ‚alles anders’. Es ist genauso. Es ist kein Jota anders. Es ist wie immer.“

    Olaf Selg


    Werke von Karlheiz Deschner - Auswahl:

    Die Nacht steht um mein Haus (1956)
    Kitsch, Konvention und Kunst (1957)
    Florenz ohne Sonne (1958)
    Talente Dichter Dilettanten: Überschätzte und unterschätzte Werke in der deutschen Literatur der Gegenwart (1964)
    Das Kreuz mit der Kirche – Eine Sexualgeschichte des Christentums (1974)
    Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1 (1986) bis Band 8 (2004)

    Der Moloch. Eine kritische Geschichte der USA. Heyne. Taschenbuch 2003, 365 Seiten, 9,95 ¤. ISBN 3-453-86836-6

    www.deschner.info

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