• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. Juli 2017 | 16:21

    Interview: Im Gespräch mit Anna Netrebko

    06.09.2012

    Iolanta, Putin und das russische Fernsehprogramm

    THOMAS ROTHSCHILD traf Anna Netrebko, eine immer noch fast mädchenhaft wirkende junge Frau, freundlich und ohne die Allüren einer Diva, auf der Terrasse des Hotels Schloss Fuschl, wo sie während der Salzburger Festspiele logiert.

     

    Wenn ich dieses Interview mit Ihnen auf russisch führte, würde ich Sie mit Anna Jurjewna ansprechen. Auf englisch spreche ich Sie an mit...


    Anna, bitte sehr.

     

    Im Herbst starten Sie eine Tournee durch Slowenien, Deutschland, die Niederlande, Frankreich, die Tschechische Republik und Österreich. In insgesamt elf Städten werden Sie Tschaikowskis Einakter Iolanta konzertant präsentieren. Iolanta wurde ja auf Ihren ausdrücklichen Wunsch schon bei den Salzburger Festspielen des vergangenen Jahres zusammen mit Strawinskis Le Rossignol aufgeführt und als Höhepunkt bejubelt. Warum Iolanta? Was ist Ihnen an dieser Oper so wichtig?


    Eigentlich ist die Antwort sehr einfach. Es ist eine so wunderschöne Oper, sie ist in Russland sehr berühmt, jeder kennt dieses Stück, es hat, untypisch für Tschaikowski, ein glückliches Ende und eine fröhliche, wunderbare Musik. Ich war sehr erstaunt, dass niemand außerhalb Russlands diese Oper kennt. Und das war meine Idee: Ich sagte mir, warum ist das so? Wir müssen sie hinausbringen, lass uns eine Tour machen und einige der wichtigen Städte in Europa besuchen. Wir müssen diese Oper in einem Konzert vorstellen.

     

    Das ist wahr, in Russland und auch in den anderen slawischen Ländern gibt es kaum ein Opernhaus, das Iolanta nicht im Repertoire hat. Im Westen hingegen ist sie weit weniger bekannt als Eugen Onegin oder Pique Dame.


    Ich weiß nicht, warum. Es ist so eine erstaunliche Oper, und sie ist wie eine Zirkusparade für alle Stimmlagen, sie kommen alle und singen diese großartigen Arien, eine ist berühmter als die andere. Sie ist nicht nur für Sopran, sie ist für alle Arten von Stimmen.

     

    Ein Problem der Iolanta ist ja ihre Kürze. In der Regel wird sie mit einer zweiten Kurzoper kombiniert.


    Ich weiß nicht. Man kann eine zweite Oper hinzutun, aber ich finde, Iolanta ist lang genug, man braucht nichts danach. Ich ziehe es vor, diese Oper in einem Konzert zu hören, weil es im Konzert mehr Raum für die Fantasie gibt, wie es sein könnte. Wenn sie nur wie ein schönes Märchen gemacht wird, wäre das ein bisschen spießig. Aber im Konzert hat man die Möglichkeit, sich die Dinge und Gefühle vorzustellen. Das ist sehr berührend, die Geschichte ist wirklich herzergreifend, und sie hat eine wunderschöne positive Musik am Ende, die bewirkt, dass die Menschen das Theater glücklich verlassen.

     

    In Salzburg hat Piotr Beczala den Grafen Vaudémont gesungen, der die blinde Iolanta sehend macht. In diesem Jahr war er als Rodolfo Ihr Partner in La bohème, fiel dann aber wegen Erkrankung aus. Wie sehr macht es Sie nervös, wenn ein Partner in einer Inszenierung erkrankt und seine Rolle umbesetzt werden muss?


    Na ja, es ist Theater, alles kann passieren, die Partner können wechseln und du musst weiterhin genau so spielen wie vorher. Das ist professionell. Aber natürlich ist es immer traurig, wenn ein Partner krank wird.

     

    Die Aufführungen von La bohème bei den diesjährigen Salzburger Festspielen waren sofort ausverkauft, als die Kartenbüros ihre Arbeit aufnahmen. Das geht sicher auch auf das Konto von Puccini, aber ebenso sicher auf Ihres. Sie sind in Salzburg, und nicht nur hier, seit Ihrer Donna Anna, also seit genau zehn Jahren, ein Publikumsliebling. Nun also, nach der Traviata, die zweite Opernheldin, die auf höchst dramatische Weise an Schwindsucht stirbt. War die Mimi, die Sie ja nicht zum ersten mal singen und spielen, für Sie eine Lieblingsrolle?


    Ich glaube, ich habe keine Lieblingsrolle. Ich wechsle die Rollen immer wieder gerne. Aber natürlich mag ich Mimi sehr, denn sie ist für mich sehr leicht zu singen, es gibt fast kein Problem. Sie ist so gut geschrieben und immer sehr erfolgreich. Sie hat alles und kostet mich keine große Mühe. Darin gleicht sie Iolanta: Sie hat nicht diese angestrengte Leidenschaft und starke Power, die meine anderen Heldinnen haben. Mimi ist eher Reinheit und diese wunderbare Stimme, lange Linien, und das ist es, mehr muss man nicht hineinlegen.

     

    Opernsänger müssen heute nicht mehr nur singen können, man erwartet auch, dass sie vollkommene Schauspieler sind. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?


    Ich denke, Sänger müssen mehr präsentieren als bloß gut zu singen, aber wenn die Bewegungen und die Schauspielerei sich gegen die Musik wenden, finde ich das falsch. Es muss das richtige Gleichgewicht geben. Natürlich reicht es heutzutage nicht, aufzutreten und zu singen. Es muss eine Show sein, es muss viel mehr sein als dies. Aber der gute Gesang ist die Nummer eins. Er hat Priorität.

     

    Gibt es einen Regisseur, mit dem Sie besonders gern zusammengearbeitet haben, mit dem Sie in Zukunft wieder arbeiten wollten?


    Es ist sehr schwer, die wirklich guten Regisseure zu finden. Viele von ihnen sind sehr nett, ich hatte niemals ein Problem mit einem Regisseur, aber manchmal gehen sie gegen die Musik an, sie versuchen, etwas Avantgardistisches zu machen, was okay ist, aber wenn es gegen die Musik geht, bin ich nicht einverstanden. Andere wieder gehen zu sehr auf Nummer sicher, dann wollen sie alles klassisch und traditionell, was langweilig ist. Aber einen Regisseur zu finden, der beide Seiten hinkriegt, der die Musik modern oder anders klingen lässt und sie interessant macht, ist sehr schwierig.

     

    Sie haben schon viele attraktive Rollen des Repertoires gesungen. Gibt es Rollen, in denen Sie gerne auftreten würden?


    Ja, ich ändere mein Repertoire langsam über die Jahre hinweg. Ich entledige mich der jungen Mädchen und der leichten Charaktere und wechsle zu den reiferen Damen, was normalerweise mit der Stimme passiert. Also verabschiede ich mich von Manon und Juliette und all den »...inas«. Ich werde den Troubadour machen und Eugen Onegin und Faust, etwas Gehaltvolleres.

     

    Erzählen Sie uns bitte, wie Sie arbeiten. Kommen Sie mit sehr präzisen Vorstellungen zu den Proben? Nehmen Sie Vorschläge von Dirigenten widerspruchslos an, oder diskutieren Sie mit ihnen? Was ist Ihnen beim Singen besonders wichtig, wo sind Sie eher kompromissbereit?


    Natürlich habe ich die Rollen genau studiert, wenn ich zur Probe komme, und ich habe eine Vorstellung, wie es sein sollte. Aber natürlich kann sich diese durch den Regisseur und den Dirigenten leicht verändern. Das Traurige mit vielen Dirigenten heute ist, dass sie fast nie arbeiten. Sie kommen, die Routine ist sehr schnell und lalala. Das vermisse ich persönlich als Musikerin. Ich möchte an der Musik arbeiten, und ich möchte sie zu etwas Besonderem machen. Aber jetzt ändert sich das leider zum Schlechteren.

     

    Sie haben die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen, aber sie leben und arbeiten außer in Wien auch in St. Petersburg und New York. Fast sieht es so aus, als wären die Spitzenkünstler die Nomaden unserer Zeit. Könnten Sie sich noch vorstellen, an ein Haus mit einem festen Ensemble gebunden zu sein?


    Nein. Denn da ich in Russland aufgewachsen bin, weiß ich, was das bedeutet. Ensembletheater ist gut für einige Zeit, aber danach muss man einfach gehen. Man muss reisen – es ist besser für dich, und es ist besser für alle.

     

    Es ist noch nicht so lange her, dass man im Westen den Eindruck haben konnte, aus Russland kämen allenfalls Bässe. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass Russland auf die Landkarte der großen weiblichen Stimmen gelangt ist. Was unterscheidet Sie von Ihren italienischen, deutschen oder französischen Kolleginnen?


    Ich weiß es nicht. Russland ist sicher reich an Stimmen, auch an Frauenstimmen. Wir haben viele sehr starke Koloratursoprane, deren Stimme nicht nur leicht, schwebend ist, sondern auch kräftig, kräftig und hoch. Auch haben wir viele dramatische Soprane.

     

    Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich zunehmend russisch fühlen. Was heißt das genau?


    Die Tatsache, dass ich Russin bin und mehr als die Hälfte meines Lebens in Russland gelebt habe, besteht nun einmal. Ich liebe die Musik, ich bin sehr daran interessiert, was dort passiert, und schau mir das russische Fernsehprogramm an.

     

    In der Regel halten Sie sich mit politischen Aussagen zurück. Umso mehr waren manche Ihrer Bewunderer erstaunt, als Sie, wie auch Waleri Gergijew und Juri Baschmet, eine Wahlempfehlung für Wladimir Putin abgaben. Können Sie uns erklären, warum Sie das getan haben?


    Weil ich denke, dass er der Beste für Russland ist. Es gibt zurzeit keinen, der besser ist als er. Russland braucht einen starken Führer, und er ist mit Sicherheit einer.

     

    Was sind Ihre Pläne für die nächste Zukunft?


    Ich habe viele Pläne und Verträge. Ich gehe jetzt im September zur Saisoneröffnung an die Met mit Liebestrank, dann kommt Iolanta, in Salzburg werde ich nächstes Jahr eine sehr seltene Verdi-Oper, Giovanna d'Arco, singen. Dann singe ich in Berlin zum ersten Mal Troubadour mit Maestro Barenboim. In ein paar Jahren singe ich in München Manon Lescaut von Puccini mit Jonas Kaufmann, worauf ich mich freue.

     

    Beim Abschied nimmt Anna Netrebko die Karaffe mit dem Saft von grünen Äpfeln, den sie mich kosten lassen wollte, weil er angeblich so köstlich schmeckt, mit aufs Zimmer und empfiehlt mir den gegrillten Steckerlfisch oben an der Straße, der, wie sie mit leuchtenden Augen meldet, nur fünf Euro kostet! Da ist sie wieder ganz das arglose russische Mädel. Wer ahnte, wenn er sie so sieht, dass sie als die neue Callas gilt. Eher schon denkt man an Olga aus Eugen Onegin. Aber die ist ein Alt, und Anna Netrebko ist ein Sopran. Also doch Tatjana.

     

     

     

    Foto:  www.kremlin.ru

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter