Neu im Kino: Marina Abramovic - The Artist is present Julia Holter: Ekstasis Interview Spielplatz Magazin Die Popkolumne aus London Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit Tristram Hunt: Friedrich Engels
Mittwoch, 19. Juni 2013 | 12:24

Sing your Song - Interview mit Harry Belafonte

19.04.2012

»Die Macht der Kunst ist, dass sie der Schlüssel zur Wahrheit ist.«

»Wir sind hier ja kein Michael-Jackson-Publikum, sondern gebildete Programmkinobesucher«, tönt der Verleih-Vertreter nach der Premiere von Sing Your Song. Die filmische Hymne gilt dem Gast, den seine Kunst ebenso auszeichnet wie sozialpolitisches Engagement. »Er nahm unsere Kämpfe und machte sie zu seinen eigenen«, beschreibt Miriam Makeba auf der Leinwand Harry Belafonte, der im Kino International seine Buch- und Filmbiografie vorstellt. LIDA BACH war im Publikum dabei.

 

(Belafonte bittet, keine Bilder mehr zu machen. Zögert, bis Zuschauer sich zu den Plätzen zurückziehen.)

 

Belafonte: Der Film bedeutet vielen jungen Menschen eine Menge, besonders in den Vereinigten Staaten. Danke. Tatsache ist − falls der Film abgesehen von der ökonomischen Seite, die ich meinem Boss überlasse, Erfolg hat – , dass junge Leute die Möglichkeit einer tieferen Einsicht zur Geschichte der Vereinigten Staaten haben. Ich hoffe, dass die jungen Leute, die ihn sehen, ermutigt werden, mehr über die Geschichte zu wissen, an der sie Anteil haben.

 

Wie kamst Du vom Gesang zur Schauspielerei?

 

Belafonte: Man wurde entweder als Dienstbote, als Knallcharge oder, wenn man Glück hatte, als Eingeborener in einem Tarzan-Film gesehen. Mit diesen Bildern, die in die Welt hinauskamen, wurde die  Darstellung von Farbigen für uns extrem schwierig. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, begannen die Dinge sich zu verändern. Mit dieser Veränderung kam für uns die Gelegenheit Filme zu machen, die bis dahin niemand kannte. Aber es war mit Verbündeten, mit Leuten wie Otto Preminger und einigen anderen, dass wir die Möglichkeit zur Veränderung hatten.

 

Leider können wir Deine politische Karriere als Aktivist hier nicht thematisieren, aber wir können Dich nicht gehen lassen, ohne dass Du die Anekdote von Japan erzählst.

 

Belafonte: Als Paul Robson Sidney Poitier und mich entdeckte, war er eine große Unterstützung. Er nannte uns »die Torhüter der Wahrheit«. Er sagte: »Ihr brecht zu einem großen Abenteuer auf und die wahre Macht der Kunst ist, dass sie der Schlüssel zur Wahrheit ist.« Nicht nur der Vergangenheit, sondern der Gegenwart, und dass man mit der Vorstellungskraft des Künstlers sogar helfen könne, die Zukunft zu formen. In diesem Kontext sagte er einmal: »Wenn du sie dazu bringst, deinen Song zu singen, werden sie wissen wollen, wer du bist.« Ich habe diese Metapher nie ganz verstanden. Als das Leben weiterging, hatte ich jedoch eines Tages, als ich mein Repertoire zusammenstellte, die Gelegenheit, Songs zu singen, die aus der Karibik stammten. Insbesondere an einem Song schien die Öffentlichkeit gefallen zu finden und ich sang diesen Song.

 

Belafonte hebt spontan die Stimme zu den Zeilen Day O, Daylight comin` we wanna go home…

 

Belafonte: Und auf einmal wurde dieser Song überall auf der Welt gesungen und ich erkannte die wahre Kraft dessen, was Robson gesagt hatte. Als ich nach Japan kam und den Song erstmals vor 50.000 Japanern sang, war es interessant, sie den Banana Boat-Song singen zu hören.

 

(Applaus. Belafonte beginnt erneut.)

 

Belafonte: Dann hatte ich eine andere Erfahrung, die einer der gewichtigeren Momente war. Als ich erstmals nach Berlin kam, war es nicht mit Enthusiasmus. Ich hatte 1958 noch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an dem ich als Soldat der US-Navy teilnahm. Die Vorstellung, zum Singen nach Deutschland zu kommen, widerstrebte mir. Also stimmte ich einem Konzert zu. Dieses Konzert würde in Berlin stattfinden. Das Theater hieß Titania-Palast, kaum größer als dieses. Als wir am Berliner Flughafen ankamen, waren viele Reporter und Kameras da, aber keine Fans. Und dort waren ein paar VIPs: Politiker, Leute von RCA, aber ich sah keine Menschen. Als ich zum Hotel kam, waren dort mehr Fotografen, mehr VIPs, aber keine Menschen. Mit den Musikern ging ich auf unsere Zimmer. Der Dirigent, der im Krieg schwer verwundet wurde, war nicht froh darüber, hier zu sein. Als er an die Tür klopfte, hörte man ein Geräusch, das so ging:

 

(Imitiert rhythmisches zweisilbiges Nachhallen)

 

Belafonte: Wir wussten, dass es von draußen kam, aber nicht, was es war. Er sagte, für ihn klänge es nach einer Gruppe, die »Sieg Heil!« rief. Dieser Ton war aus der Vergangenheit nur allzu bekannt. Wir gingen ans Fenster und öffneten es. Und als wir es öffneten und runter schauten, war das Erste, was wir sahen, Aberhunderte junger Deutscher mit lächelnden Gesichtern, die riefen: »Harry! Harry!«

 

(Lachen)

 

Belafonte: Damals entdeckte ich etwas: Es waren keine Leute auf den Straßen, weil es ein Gesetz gab, dass sich nicht mehr als etwa fünf Deutsche öffentlich versammeln durften. Diese Kids widersetzten sich dem Gesetz. Dann kam der wichtigste Augenblick. Ich war während des Konzerts im Theater. Als ich das Repertoire durchging, kam ich zu einem Song, der so ging… (tappt den Rhythmus von Hava Nagila) und das Publikum machte…

 

(Tappt einstimmenden Rhythmus, singt. Manche Zuschauer stimmen ein.)

 

Belafonte: Das Publikum begann zu singen. In diesem Moment hatte ich, was ich eine Erleuchtung nenne. Hier stand ich, ein Schwarzer, ein Kämpfer gegen Rassismus, in Deutschland als Amerikaner, sang einen jüdischen Song für ein Publikum, das wenige Jahre zuvor versucht hatte, diese Kultur zu vernichten. Das war, als ich verstand, was Paul Robson meinte, als er sagte, wir seien die »Torwächter der Wahrheit« und dass wir die Macht hätten, das menschliche Herz und die menschliche Geschichte zu beeinflussen.

 

Foto: Siebbi / Lizenz: CC-BY 3.0

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...