Schon mit seinem ersten Spielfilm, dem schwarz/weißen Anaparastassi (1970) griff der 1935 in Athen geborene Angelopoulos direkt in die griechische Gegenwartsgeschichte ein. Er wählte eine für ihn paradigmatische ästhetische Struktur der Mehrdeutigkeit - nicht nur weil der politisch linke Cinéast, der im Paris der Nouvelle Vague sich ausgebildet hatte, seine Konterbande der Kritik noch unter den wachsamen Augen der diktatorisch herrschenden Obristen, die der CIA 1967 zum Putsch ermutigt hatte, auf die Leinwand bringen musste.
Angelopoulos ging von einem »faits divers« seiner Gegenwart aus: auf dem Lande in einem kärglichen Dorf hatte eine Frau mit ihrem Liebhaber ihren krankheitshalber aus seinem »Gastarbeiter«-Dasein aus der Bundesrepublik zurückgekehrten Ehemann ermordet. Indem Angelopoulos den antiken Atriden-Mythos (Agamemnon) in dem aktuellen sozialpolitischen Skandal durchscheinen ließ und das Drama als distanzierende Rekonstruktion (dt. Titel) der Staatsanwaltschaft auf »Brechtsche Weise« transparent machte, fand er einen doppelten Zugang zu seiner griechischen Gegenwart - mithilfe der antiken Vergangenheit, aus der er die älteste ästhetische Form der europäischen Tragödie unter der Hand für das jüngste ästhetische Medium, den Film, reanimierte.
Politisch noch tollkühner war sein zweiter (& erster Farb-) Film: Tage von 36 rekonstruierte noch unter den Obristen eine frühere griechische Diktatur aus der Zeit der Geburt von Angelopoulos.
Aber erst mit dem vierstündigen O thiassos (Die Wanderschauspieler) - überlang wie viele seiner späteren Filme - hatte Theo Angelopoulos den Kernbereich seines künstlerischen Talents gefunden: das Zeit & Raum durchmessende ruhig entfaltete, immer wieder neu ansetzende Epos der griechischen Geschichte. Ikonografisch ist das ein regen- & schneenasses Griechenland der Kälte & Unwirtlichkeit, fern jeder ländlichen Idylle oder Naturschönheit. Nur das Wasser als eines der Elemente & das Meer ist in diesem Oeuvre omnipräsent.
In O thiassos bewegte sich eine Gruppe von Wanderschauspielern, die mit einem Trivialstück die Geschichte Griechenlands zwischen 1919 und 1952 und dessen Ort- & Landschaften wie ein Weberschiffchen durchmessen & zu einem epischen Erzählteppich der Allzeitigkeit verbinden. Angelopoulos benutzte die Plansequenz und den bis zu 360 Grad Schwenk, um Zeit & Raum mit magischer Intensität zu durchmessen & zu poetischen Bild- (& Ton-) Metaphern zu verdichten. Das war das »Orientalische« seiner durch und durch europäischen Filme. Sie sind von da an sowohl grandiose Imaginationsräume als auch subversive Allegorien, zuletzt treten diese aber in den Vordergrund & werden nicht mehr vom Ort her gedacht, sondern machen ihn immer öfter bloß zur spektakulären Kulisse für staunenswerte inszenatorische Tour-de-force Akte.
Mit dem Verlust der »Bodenhaftung« in Griechenland (& der Erweiterung auf den Balkan in Der Blick des Odysseus, 1995) wird das Oeuvre von Angelopoulos des öfteren ästhetisch problematisch, wo nicht gar zuletzt auch fadenscheinig - eine Gefahr der unkünstlerischen Abstraktion, die ihm in den Meisterwerken von Der große Alexander (1980) & Die Reise nach Kythera (1984) über Der Bienenzüchter (1986), Landschaft im Nebel (1988) und Der schwebende Schritt des Storchs (1991) fremd geblieben war - obwohl er mit der Adaption des Lars-Gustafsson-Romans Der Bienenzüchter seine Zusammenarbeit mit dem großen italienischen Drehbuchautor Tonino Guerra begann, der schon mit Antonioni & Fellini, Rosi & Tarkowski kollaboriert hatte, und die nun in international-europäischer Coproduktion, zumeist mit TV-Anstalten, entstandenen Filme mit Stars (wie Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Harvey Keitel & Bruno Ganz) besetzt wurden.
Je öfter Angelopoulos/Guerra sich in der Geschichte Griechenlands vor allem im 19. & 20. Jahrhundert festsetzten, desto mehr wurde ihnen ihre Folge von bitteren individuellen & kollektiven griechischen Tragödien zum Paradigma der verfehlten, chaotischen, migrantischen europäischen Moderne. Theo Angelopoulos war einer der eigenwilligsten unter den Großen des Weltkinos, eine Epiker wie kein zweiter. Jetzt ist er bei einem rätselhaften Verkehrsunfall nahe der Hafenstadt Piräus und während der Dreharbeiten an seinem jüngsten Film, der sich mit der aktuellen Krise seiner Heimat beschäftigen soll, im Alter von 76 Jahren ums Leben gekommen.
Foto: George Laoutaris