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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:47

    Interview mit Sebastian Christ (Das Knurren der Panzer im Frühling)

    18.11.2011

    »Wenn es mich getroffen hätte, hätte ich nicht mal den Schuss gehört«

    Sebastian Christ, Jahrgang 1981, ist Autor und Journalist. Geboren und aufgewachsen ist er in Frankenberg, der hessischen Kleinstadt, in der die ersten gefallenen deutschen Soldaten des Afghanistankrieges stationiert waren. Anfang Oktober ist sein Buch Das Knurren der Panzer im Frühling erschienen, ein Bericht über den Krieg in Afghanistan. Ein Krieg, für den, wie Christ sagt, das Bewusstsein fehlt. MARTIN SPIESS hat ihn zum Gespräch getroffen.

     

    Du schreibst ganz am Ende deines Buches, in der Danksagung an Familie und Freunde: »Auch wenn ich eure Nerven strapaziert habe: Es musste sein.« Das klingt so, als wäre dir das Buch nicht nur ein professionelles Anliegen, sondern auch ein Bedürfnis gewesen. Und das wäre ja schon das zweite, denn auch dein erstes Buch, der Praktikantenroman ... und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute, hatte ja schon ein ernstes Thema, wenngleich es nicht so ernst war wie Krieg.

     

    Sebastian Christ: Beide Themen entspringen mehr oder weniger meiner Biographie. Die Welt der Praktikanten habe ich während meines Studiums erlebt. Und das Thema Krieg und Afghanistan entspringt aus der Tatsache, dass ich aus Frankenberg stamme. Natürlich war mir das Thema tendenziell gegenwärtiger als jemandem, der in Berlin, Hamburg oder München aufgewachsen ist.


    Kanntest du die Soldaten?


    Von den vier Gefallenen kannte ich mindestens einen vom Sehen her, durch den Wehrdienst. Unter den Leichtverletzten war mein Banknachbar aus der Grundschule. Nach der vierten Klasse hatte ich den Kontakt zu ihm verloren, er ist auf die Realschule gegangen und ich aufs Gymnasium, wir hatten nicht mehr viel miteinander zu tun. Aber man trifft sich in so einer kleinen Stadt ja immer wieder mal, auf der einen oder anderen Party etwa. Ich kannte ihn und sein Gesicht, und ich wusste, dass er bei der Bundeswehr war. Als die Nachricht kam, dass in Kabul Soldaten verletzt und getötet worden waren, habe ich auch ziemlich schnell an ihn gedacht, obwohl wir uns zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr so nah waren. Er war dann bei der Überführung der Särge dabei, stand neben den Särgen und hat geweint. Und dieses Bild ging durch die Tagesschau und verschiedene Tageszeitungen. Das sind Bilder, die lassen einen nicht mehr los, auch wenn es vielleicht nicht der beste Freund ist.

     

    Wenn ich solche Bilder sehe, berühren und erschüttern sie mich, aber ich steige nicht in den Flieger nach Afghanistan.

     

    Ich habe gewusst: Wenn ich ein Gespür dafür erzeugen will, was in Afghanistan passiert, dann muss ich auch selbst dort hin fliegen. Und meine Herkunft als Frankenberger ist natürlich ein wichtiger Grund für mich gewesen, dieses Buch zu schreiben. Ein solch verheerender Anschlag prägt so eine kleine Stadt. Das bleibt über Jahre im kollektiven Bewusstsein. Frankenberg hat 19.000 Einwohner – und direkt vor den Toren der Stadt sind 1.000 Soldaten stationiert.

     

    Im Buch zitierst du einen Artikel aus einer Frankenberger Zeitung, in dem anlässlich eines erneuten Anschlags stand: »Es wurden keine Frankenberger Soldaten verletzt oder getötet.« Und das hat ja beinahe etwas Pietätloses, ist aber wiederum verständlich, wenn man weiß, wie traumatisiert diese Stadt ist.

     

    Das ist eine Entwarnungsmeldung. Und so was gibt es heute noch. Nach jedem Anschlag, bei dem Bundeswehrsoldaten getötet wurden, wird vermeldet: »Keine Frankenberger unter den Opfern.« Und das ist auch wichtig für die Frankenberger, weil das natürlich der erste Gedanke ist, den Angehörige der Bundeswehr und deren Familien in Frankenberg haben: »Hat es einen von uns getroffen?« Wenn sie den Anruf nicht direkt bekommen, dann wissen sie zwar schon, dass es nicht die eigene Familie betrifft. Aber es gibt dann doch die Angst: »War es einer, den ich gekannt habe?« Im Prinzip genau die Angst, die ich beim Anschlag am 7. Juni 2003 um meinen Bekannten aus der Grundschule hatte.

     

    Du hast für dein Buch nicht mit Frankenberger Soldaten gesprochen. Warum war das für dich nicht wichtig?

     

    Mein Ziel war aufzuzeigen, wie der Krieg ins zivile Deutschland zurückkommt. Dass er
    in Regimenter und Bataillone zurückkehrt, ist klar: weil die ersten Betroffenen eines Krieges
    Soldaten sind. Für mich war interessanter zu fragen: Wie kommt der Krieg in so eine kleine
    Stadt zurück? Wie ist eine Stadt im ländlichen Gebiet durch ihre militärische Prägung von
    dieser Situation betroffen? Das war für mich das wirklich Interessante: Wie geht eine Stadt als
    kleine Gemeinschaft mit so einer Meldung um? Es gibt mittlerweile viele von diesen
    ländlichen Garnisonsstädten, die davon betroffen sind: Bad Salzungen, Selsingen, Regen und
    einige andere. Das wurde bisher noch nicht betrachtet. Wusstest du, dass ein bayerischer
    Bürgermeister den Namen eines in seiner Stadt geborenen und in Afghanistan getöteten
    Soldaten auf das alte königlich-bayerische Kriegerdenkmal gravieren ließ? In dieser Geste
    steckt so viel drin: Eine gewisse Ratlosigkeit sicherlich, weil wir noch keine neue
    Erinnerungskultur an die Gefallenen etabliert haben. Aber auch der ehrliche Versuch, das
    Gedenken an die hässliche Seite des Krieges wachzuhalten. Wir stehen gerade erst am Anfang
    eines langen Prozesses: zu verstehen, was dieser Krieg mit unserem Land gemacht hat.

     

    Also bist du schließlich nach Afghanistan geflogen. Du hast selbst Wehrdienst geleistet, bist aber nie im Gefecht gewesen. Wie hat sich das angefühlt, das erste Mal in Afghanistan aus dem Flieger zu steigen?

     

    Zuallererst ganz kalt: Ich bin im Februar 2010 das erste Mal hingeflogen und hätte nicht
    gedacht, dass Afghanistan so frostig sein würde um diese Jahreszeit. Und dann war ich die
    ersten Tage auch noch zivil in Kabul unterwegs. Eine Art Inselsituation: Du kommst am
    Flughafen an, und es geht nicht wie anderswo auf dieser Welt mit der U-Bahn oder dem Bus
    weiter, sondern du musst erstmal den Transport organisieren. Wie kommt man in die Stadt?
    Ist der Fahrer schon da? Ist das Auto vielleicht sogar gepanzert? Ist die Unterkunft auch
    wirklich sicher? Man ist den Umständen ausgeliefert.

     

    Du sprichst von gepanzertem Fahrzeug und sicherer Unterkunft: Wie bist du mit der
    Gefahr umgegangen? Du warst ja sogar in ein Gefecht verwickelt. Hat dir da dein Wehrdienst geholfen?

     

    Fast mehr hat mir die Ausbildung zum Kriegsreporter geholfen, ein Basiskurs, den ich mit der Deutschen Journalistenschule im Jahr 2004 gemacht habe. Und ganz allgemein, mal abgesehen von diesen Extremsituationen, ist Risikomanagement wirklich wichtig: »Was willst du machen? Wie weit willst du gehen? Und wo sind deine Grenzen?« Und ich habe mir von Anfang an Gedanken gemacht, was ich machen will und was nicht. Zum Beispiel war mir klar, dass ich nicht zivil nach Kunduz reingehen würde, weil mir das zu gefährlich war. Vor Ort ist es dann wichtig zu wissen: »Ich überschreite diese Grenze nicht, so verlockend es auch sein mag.« Ich war zivil in Kabul, Faizabad und Mazar-e-Sharif unterwegs, aber in Kunduz nicht. Wenn man im Land ist, verliert man vielleicht die eine oder andere Hemmung. Die Angst, die man noch beim Planen der Tour in Deutschland hat, ist ein guter Ratgeber und ein sehr sinnvoller Schutzreflex.

     

    Wenn du von Risikomanagement sprichst: Du kannst ja so etwas wie diese
    Gefechtssituation nicht kontrollieren. Du bist mit den Soldaten auf Patrouille und dann bricht so etwas plötzlich über dich herein.

     

    Ich habe mich nach den Soldaten gerichtet, das war ganz hilfreich. Obwohl ich in dieser konkreten Situation – und das macht mir im Nachhinein Sorgen – viel zu wenig Angst hatte. Ich wollte meine Geschichte erzählen, und habe darüber ab einem gewissen Punkt vergessen, dass es Gefahren gibt, die man auf den ersten Blick nicht sieht. In dem Fall war es ein Scharfschütze mit einem sowjetischen Präzisionsgewehr, der auch geschossen hat – es wurden nach diesem Gefecht Projektile gefunden –, der uns aber nicht traf. Und es waren vielleicht 800, 900 Meter zwischen uns und den Taliban mit dem Gewehr und man konnte ihn natürlich nicht sehen. Wenn er mich getroffen hätte, hätte ich nicht mal den Schuss gehört.

     

    Gruselig.

     

    Absolut.

     

    Du hast mit vielen deutschen Soldaten gesprochen. Wie hast du die erlebt? Wie gehen sie mit der Tatsache um, im Krieg zu sein?

     

    Man muss erstmal sagen, dass es völlig verschiedene Einsatzsituationen gibt. Mehr als die Hälfte der deutschen Soldaten ist in Mazar-e-Sharif stationiert und dort ist kein Krieg. In Kunduz wiederum schon, und da gibt es verschiedene Typen von Menschen. Soldat ist ja nicht gleich Soldat. Es gibt sehr reflektierte Menschen, die sich Gedanken machen über das, was sie sehen. Dann gibt es Soldaten, deren größtes Ziel ist es, nach Kunduz zu kommen. Ich habe in Mazar-e-Sharif einen Presseoffizier getroffen, der todunglücklich war mit seinem Schicksal als Presseoffizier. Der wollte unbedingt nach Kunduz zurück, dahin, wo Gefechte stattfinden, wo das Lager ab und zu mit Raketen beschossen wird. Das war für ihn eine Art Erfüllung des Soldatenlebens: In einer Situation zu sein, in der man auch kämpfen kann.

     

    Ist das nicht verrückt? Ein Krieg ist ja kein Ort, um seiner Adrenalinsucht zu
    nachzugehen.

     

    Ich möchte das Selbstbild, das die diese Menschen haben, nicht beurteilen. Mein
    Selbstbild ist es nicht, ich weiß nicht, wie man dazu kommt, aber es gibt diese Menschen und
    ich respektiere das. Das sind zum Teil auch sehr gute Soldaten.

     

    Du bist ja auch nicht nach Afghanistan gegangen, um Soldaten zu bewerten, sondern um zu versuchen, diesen Krieg zu verstehen.

     

    Um ihn sichtbar zu machen, fühlbar zu machen. Es existiert in Deutschland eine intellektuelle Leerstelle, meines Erachtens nach. Und mein Anliegen ist, einer Diskussionskultur Vorschub zu leisten. Ich will, dass die Leute, die nicht in Afghanistan waren und die auch nichts mit der Bundeswehr zu tun haben, einen Eindruck bekommen, wie sich dieser Krieg anfühlt. Was ist ein moderner Krieg? Wie wird er in Afghanistan geführt? In welche Situationen entsendet der Bundestag diese jungen Menschen?

     

    Dein Buch, obwohl schon anderthalb Monate draußen, wurde bisher noch nicht
    rezensiert. Ist das für dich ein Zeichen, dass das ein Diskurs ist, den keiner gerne führen will?

     

    Man muss sich nur mal ansehen, welche Art von Afghanistan-Literatur bisher in Deutschland erschienen ist. Und da kommt man relativ schnell zu dem Schluss, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem der längsten Kriege in der deutschen Geschichte immer noch in den Kinderschuhen steckt. Es gibt den Pop-Roman Deutscher Sohn, der den Krieg nur am Rande behandelt und im Stil von Feuchtgebiete von einem Heimkehrerschicksal erzählt. Kriegsbraut von Dirk Kurbjuweit ist eine wunderbar erzählte Geschichte, die aber mit dem realen Afghanistankrieg und seinen Folgen nicht viel zu tun hat. Darüber hinaus gibt es sehr viel Heimkehrerliteratur von Soldaten, die Erfahrungsberichte liefern. Das sind zum Teil wirklich gute Sachbücher. Was uns aber fehlt, ist die poetische Annäherung an den Krieg.

     

    Dass er vor allem überhaupt gar nicht wahrgenommen wird. Immer nur dann, wenn deutsche Soldaten sterben.

     

    Genau. Uns fehlen das Vokabular und die Bezüge, um über Krieg zu reden. Und es fehlt vor allem das Bewusstsein dafür, dass wir seit zehn Jahren per Bundestagsmandat Menschen in einen Krieg entsenden. Fast jeder erwachsene Deutsche hat schon einmal mit seiner Stimme den Afghanistankrieg gewählt. Daraus erwächst auch Verantwortung für die Folgen. Und dieses Bewusstsein versuche ich zu erzeugen.

     

    Foto: privat

     

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