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    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:40

    Harald Martenstein im Gespräch

    07.11.2011

    Harald Martenstein im Gespräch

    Jeden Donnerstag erfahren die Leser des ZEIT-Magazins, womit sich Harald Martenstein beschäftigt, was ihm gefällt und was ihm gegen den Strich geht – Hundefeindlichkeit in Deutschland zum Beispiel. SEBASTIAN WANNER und FREDERIK WILHELMI haben sich auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Kolumnisten getroffen und über seine Arbeit gesprochen.

     

    Dem Buchrücken Ihres neuen Buches entnehmen wir, dass viele ZEIT-Leser sich die Zeitung nur wegen Ihrer Kolumne kaufen. Wie hoch schätzen Sie den Anteil dieser Martenstein-Fans ein?

     

    85 Prozent.

     

    Und werden Sie entsprechend am Gewinn beteiligt?

     

    Die Gespräche sind gerade im Gang. Es ist natürlich schwierig, sich da auf eine faire Marge zu einigen, weil mir natürlich das ökonomische Überleben der ZEIT sehr am Herzen liegt. Ich würde ungern dieses publizistische Projekt gefährden. Aber meine Forderungen liegen bei 40 Prozent des Nettoerlöses und jetzt wollen wir mal sehen, auf was wir uns einigen können. Zeitungen machen ja gar nicht so viel Gewinn, wie man denkt.

     

    Das hängt vielleicht mit der elektronischen Konkurrenz zusammen. Erscheint Ihr Buch jetzt auch als E-Book?

     

    Nicht das ich wüsste. Aber vielleicht bringe ich bald ein E-Book auf den Markt. Man muss sich da irgendwie drauf einstellen. Aber die Erfahrung lehrt, dass ein neues Medium ein altes Medium niemals vollständig verdrängt. Das Kino hat das Radio nicht gekillt. Das Internet hat das Fernsehen nicht zum Verschwinden gebracht. Und das E-Book wird das Buch nicht verdrängen. Die Anteile werden sich verschieben. Aber das Buch wird bleiben, weil es Vorteile hat, die das E-Book niemals haben wird. Man kann es verleihen, man kann es in der Badewanne lesen, man kann es irgendwo vergessen oder liegenlassen, ohne dass ein unersetzlicher Verlust entsteht. Also: Kein Anlass zu Hysterie.

     

    Besitzen Sie denn einen E-Book Reader?

     

    Nein. Ich brauche auch keinen. Natürlich könnte ich auf so einem Gerät 100 Bücher speichern, aber wann lese ich schon 100 Bücher? Mehr als fünf lese ich auf einer Reise nicht. Und so lange meine Körperkräfte noch ausreichen, fünf Bücher zu tragen, brauche ich das nicht. Nun gut, wenn ich eine Weltreise machen würde, würde ich ein E-Book mitnehmen.

     

    Schätzen Sie den ästhetischen Wert einer eigenen Bibliothek im Haus?

     

    Ich habe mal vor einiger Zeit meinen Bücherbestand radikal reduziert. Es wurden immer mehr und mehr. Und irgendwann hab ich mir überlegt, dass die Obergrenze bei 2000 Büchern liegen sollte. Das ist ungefähr die Anzahl, die in einem mittelgroßen Wohnzimmer eine Wand in Beschlag nehmen würde.  Immer, wenn ich ein Buch kaufe oder geschenkt bekomme, überlege ich: Verleibe ich das meiner Bibliothek ein oder nicht? Wenn ja, dann muss ein anderes Buch raus.

     

    Und welches Buch hat es als letztes erwischt?

     

    Ach, das möchte ich lieber nicht sagen. Ich hab in meiner Wohnung einen Stapel Bücher, die ich gerade lese. Irgendwann wird mir der Stapel zu groß und dann sage ich, da muss was weg und dann trage ich sie zu einem Antiquariat bei mir in der Straße. Von der Vorstellung, dass man wirklich alle Bücher behalten muss, habe ich mich gelöst. Krimis gebe ich alle weg. Wenn ich einmal weiß, wer der Mörder ist, dann bringt mir das nichts mehr. Und Nachschlagewerke sind jetzt, wo man alles im Internet nachsehen kann, auch nicht mehr sinnvoll. Ich habe ein uraltes Lexikon von 1890 behalten, weil das sehr schön ist, der Rest kommt weg. Und bei Literatur ist es so, wenn man das Gefühl hat, dass man es unter Umständen nochmal lesen will und auch als Autor noch etwas lernen kann, dann behalte ich das Buch.

     

    Beeinflussen die Bücher, die Sie lesen, Ihre Kolumnen?

     

    Auf jeden Fall. Ich versuche jede Woche ein Buch zu lesen. Manchmal klappt das besser, manchmal schlechter, aber so übers Jahr komme ich auf ungefähr 50 Bücher. Dafür habe ich den anderen Medienkonsum runtergefahren. Ich lese nicht mehr so oft den Spiegel oder ähnliches. Denn wenn ich das alles lese, dann könnte ich keine Bücher mehr lesen. Meiner Kolumne würde das nicht gut tun. Ich wäre dann unter Umständen in einer Mediensprache gefangen, aus der ich nicht mehr raus komme. Das ist eine andere Art, mit Sprache umzugehen. Als Kolumnist braucht man seine eigene Sprache, die macht man sich kaputt, wenn man zu viele Presseartikel liest.

     

    Schreiben Sie lieber über große Themen, die das ganze Land beschäftigen – beispielsweise den Papstbesuch – oder über Alltagsthemen – das Leben mit einem Hund etwa?

     

    Das ist stimmungsabhängig. Solche Kolumnen funktionieren nur, wenn man in der richtigen Stimmungslage ist. Man setzt sich an den Computer und fragt sich: Wozu hab ich jetzt Lust? Das klingt jetzt aber viel zu paradiesisch. Es bleibt Arbeit und kann auch wirklich furchtbar sein. Ich vergleiche meine Arbeit mit der eines Fernfahrers: Ich hab Zitronen geladen und die müssen nach Wolfsburg. So oder so. Und dann quält man sich manchmal rum.

     

    Ihre Kolumne erscheint wöchentlich in der Zeit. Schreiben Sie auf Vorrat?

     

    Ja. Ich habe das große Projekt, drei Wochen Urlaub zu machen. Das hab ich schon Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Immer nur mal eine Woche oder so. Drei Wochen stelle ich mir unglaublich klasse vor und will also drei Kolumnen auf Vorrat schreiben. Ich habe jetzt eine und muss noch zwei weitere schaffen. Das der größte Vorsprung, den ich mir jemals erschrieben habe.

     

    Und wie lange sitzen Sie an einer Kolumne?

     

    Wenn es gut läuft, habe ich das an einem Tag geschafft. Es gibt aber auch Wochen, da sitze ich drei Tage dran. Immer mal wieder. Es gibt Sachen, die schreibt man in einem Rutsch runter. Aber es gibt auch Dinge, die wehren sich unglaublich und ich brech dann auch mal ab, weil ich mir denke, das Thema bringt es einfach nicht. Ich habe mir von manchen Themen so viel versprochen und dann ist einfach nichts passiert. Manchmal scheitert man auch, gibt was ab und denkt, das war jetzt nicht so toll. Aber die Güteklasse einer Kolumne entscheidet sich an dem Durchschnittsniveau, das sie hält. Was bedrückend und unangenehm ist an dem Job, ist der Gewöhnungseffekt. Es kann sein, dass man immer gleich gut schreibt, über viele Jahre hinweg. Aber irgendwann gewöhnen sich die Leute daran und denken, jetzt lässt er nach. Eigentlich müsste man immer besser werden.


    Lesen Sie auch Kolumnen von Kollegen?

     

    Ja. Axel Hacke oder Max Gold. Auch Zippert. Aber nicht regelmäßig und wenn ich sie lese, dann nie an dem Tag, an dem ich etwas Eigenes schreibe. Das ist mir zu riskant.

     

    Haben Sie Vorbilder unter den Kollegen?

     

    Ja, was zum Beispiel Harry Rowohlt geschrieben hat, war immer sehr beeindruckend. Das war was ganz Neues – Dadaistisches. Das kannte man in Deutschland noch gar nicht. 

     

    Sind Sie neidisch darauf, wie viel Platz Max Goldt in der Titanic eingeräumt wird – immerhin eine ganze Doppelseite?

     

    Überhaupt nicht. Ich find es sehr viel schwieriger, so viel Platz zu füllen. Ich hab 3500 Zeichen und das kommt mir schon viel vor. Ich habe mal eine Zeitlang für Geo Kolumnen geschrieben, die sollten 8000 Zeichen haben. 8000 Zeichen kamen mir zu lang vor.

     

    Gehen Sie nur noch auf der Suche nach Themen auf die Straße?

     

    Niemals. Ich geh auch nicht irgendwo hin und denke, vielleicht fällt da was ab. Ich mache selten etwas aus eigenem Antrieb heraus. Ich habe mich nie hingesetzt und aus einem Mitteilungsdrang heraus angefangen zu schreiben. Es bleibt Arbeit. Man darf das nicht romantisieren. Auch Schriftsteller arbeiten und es gibt für sie kaum ein schöneres Gefühl als mit etwas Großem fertig zu werden. Deswegen habe ich auch bei dem Schreiben von Romanen ein Arbeitsprinzip. Ich gehe da mit einem Angestelltendenken ran. Ich weiß wie viele Seiten es werden sollen und ich weiß, wie viele Tage ich Zeit habe. Ich weiß also, ich muss jeden Tag drei oder vier Seiten schreiben und dann fange ich um neun an und stehe auch nicht vom Schreibtisch auf, bis diese Seiten fertig sind. Wenn ich Glück habe, ist es um drei Uhr nachmittags so weit, wenn ich Pech habe, zieht es sich bis zehn Uhr nachts. Aber die drei Seiten werden geschrieben.

    Und ohne Deadline würde ich nie fertig werden. Ich würde immer noch ein wenig herumfeilen oder sagen, man kann das noch besser machen. Ich bin auch nie zufrieden. Den perfekten Text gibt es nicht.

     

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