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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:49

    Interview mit Regisseur Martin Zepter

    24.10.2011

    »Die Systemfrage stelle ich mir eigentlich ununterbrochen.«

    Der Regisseur Martin Zepter und seine Freie Theatergruppe theatrale subversion touren in den nächsten Monaten mit ihrer Produktion Wählt Wehner! Freimachen vom Untertantengemüt. durch Deutschland. JAN FISCHER hat sich mit Zepter getroffen und mit ihm gesprochen: Über Herbert Wehner, Demokratie und die Frage, warum Anarchismus in der WG funktioniert, im Staat aber vielleicht nicht so gut.

     

    Ihr heißt theatrale subversion. Was ist an einem Stück über Herbert Wehner subversiv?

     

    Hinter dem Namen steckte damals die Idee, dass man mit den Mitteln des Theaters die Gesellschaft beeinflussen kann, indem man die richtigen Fragen stellt, oder indem man bestimmte Themen anspricht. Natürlich kann man mit Theater keine Systeme stürzen, deswegen ist der Name theatrale subversion auch fast schon parodistisch. Aber ich glaube schon, dass man mit den Mitteln des Theaters, oder der Kunst gesellschaftliche Diskurse mit prägen kann, und damit die Gesellschaft verändern.

     

    Das wäre im Fall von Wählt Wehner! wie genau verwirklicht?

     

    Da geht es wie in den meisten unserer Produktionen darum, den Zuschauer anzustoßen, kritische Fragen zur derzeitigen politischen Lage zu stellen, und sich einen Standpunkt dazu zu bilden, oder sich vielleicht sogar zu engagieren.

     

    Warum macht ihr das mit einem Blick in die Vergangenheit? Der erste Teil der Produktion deckt den Zeitraum von 1918 bis 1949 ab.

     

    Es wird ja ein Zweiteiler, und der nächste Teil kommt hoffentlich nächstes Jahr, wenn das mit der Finanzierung klappt. Eigentlich wollten wir alles in einem Stück verarbeiten, aber das ist so viel, das ist unmöglich. Deswegen ist es jetzt etwas sehr historisch. Andererseits ist die Zeit der Weimarer Republik auch wahnsinnig spannend, weil man da sehr viel herausfindet darüber wie Demokratie funktionieren oder eben nicht funktionieren kann. Interessant ist ja, dass in der ganzen Zeit, die wir da betrachten, Wehner kein Demokrat war. Später ist er dann ein ganz großer Demokrat geworden, aber von 1918 bis '45 war er Anarchist und Kommunist. Über weite Zeit hat er da also gegen die demokratische Verfassung agitiert. Und ich finde die anarchistischen Äußerungen von ihm aus dieser Zeit wieder wahnsinnig relevant. »Der Wähler gibt bei der Wahl mit seiner Stimme das politische Mitbestimmungsrecht ab und legitimiert damit die Handlungen, die später gegen ihn unternommen werden.« Oder, sinngemäß: Der Einfluss der parlamentarisch gewählten Volksvertreter ist verschwindend gering im Vergleich zu der Macht der Industrieherren und des Finanzkapitals. Das sind zeitgemäße Themen, und die beschäftigen uns seit hundert Jahren, jetzt gerade wieder massiv. Da stellt sich dann irgendwann die Frage, warum die parlamentarische Demokratie und der abgeschwächte Kapitalismus es nicht geschafft haben über hundert Jahre diese Probleme im Wesentlichen zu lösen.

     

    Du bist also schon eine Art Revolutionär?

     

    Die Systemfrage stelle ich mir eigentlich ununterbrochen. Die meiste Zeit bin ich überzeugter Demokrat, weil die Sicherheit, die dieses System gewährleistet ein großer Vorteil ist. Ein Staat hat sehr wichtige Ordnungsfunktionen für eine Bevölkerungsgemeinschaft. Und deshalb ist auf einen Staat zu verzichten, im Sinne des Anarchismus, zum Beispiel, ein riskantes Unterfangen. Da wäre unser heutiger Lebensstandard ja gar nicht vorstellbar. Wenn ich ein Großprojekt habe, einen gigantischen Staudamm, da brauche ich in Ordnungssystem, dass über 30, 50 Jahre Stabilität gewährleistet. Da s ist ohne Verwaltungs-, ohne Staatsstruktur nicht vorstellbar. Gleichzeitig bin ich aber, was das Zusammenleben in kleinen Gruppen angeht, überzeugter Anarchist. In unserer WG gibt es keine Putzpläne, und es funktioniert besser als in jeder anderen WG, weil man eben nicht durch irgendeine aufgedrückte Ordnung immer unter Druck, immer schlecht gelaunt, seine Scheißputzdienste macht, sondern weil es sich von selbst einpegelt. Das ist ja die Idee des Anarchismus, grob gesagt: Wer keine Lust hat zu putzen, aber gerne die Spülmaschine ausräumt, der räumt eben ständig die Spülmaschine aus und jemand anders, der lieber putzt, der putzt eben ständig. Man muss sich keine Regelsysteme ausdenken für etwas, das keiner Regelung bedarf.

     

    Dein Regiestil ist dem angepasst?

     

    Teil unserer Selbstdefinition ist, dass wir eine Enthierarchisierung der Binnenstruktur der Gruppe erreichen wollen. Das klingt schrecklich gestelzt, heißt aber nur, dass jeder inhaltlich, formal und ästhetisch gleichberechtigt mitarbeitet, aber ohne Zwang: Wer sich rausziehen will, zieht sich raus, der schauspielern will, schauspielert. Wir haben natürlich trotzdem eine Arbeitsteilung, auf Hierarchien zu verzichten heißt ja nicht, auf Arbeitsteilung zu verzichten. Aber das komplette Sounddesign haben bei Wählt Wehner! zum Beispiel zwei der Schauspieler gemacht. Die Filme hat auch einer von denen geschnitten. Den Text haben wir zu viert gemeinsam erarbeitet. Und ich als Regisseur moderiere das, so sehe ich für mich persönlich meine Arbeit: Als Moderator, Kreativitätstrigger und vielleicht noch als ordnende Hand des ästhetischen Gesamtwerks.

     

    Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?

     

    Das ist ja immer relativ. Ich finde es künstlerisch ganz schön gut, was wir da hingekriegt haben, und inhaltlich stark. Wenn ich es als Gast sehen würde, würden mir sehr viele Schwächen auffallen. Ich würde rausgehen und sagen: Spannendes Stück, aber da da und da haperts, Längen, Löcher, und warum sind die so feige, solche Sachen. Aber von innen betrachtet ist es das, was ich gerade in der Lage bin zu erreichen. Weiter bin ich nicht. Und im Vergleich zu den richtig Großen in der Freien Szene fehlen mir vielleicht noch fünf Jahre, und nochmal 10 Produktionen.

     

    Wie bist du überhaupt auf Herbert Wehner als Gegenstand für ein Theaterstück gekommen?

     

    Es ist einfach so, dass der Blick in die gegenwärtige Politik so frustrierend ist, dass man sich schnell nach charismatischen Persönlichkeiten sehnt und sich fragt, ob das schon immer so war. Und wenn man dann in die Vergangenheit kuckt, wenn man sich auf die Suche nach irgendwie spannenden oder kantigen Persönlichkeiten im politischen Betrieb begibt, kommt man ganz schnell auf Wehner.

     

    Hättest du ihn gewählt?

     

    Jetzt, nach dieser ganzen Recherche schon. Aber das ist ja immer eine Frage der Alternativen, und vielleicht hätte es da ja eine gegeben. Ich bin eigentlich auch gar kein SPD-Wähler. Die habe ich, glaube ich, noch nie gewählt. Aber ihn als Person auf jeden Fall.

     

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