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    Dienstag, 25. April 2017 | 14:30

    Susan Buck-Morss: Hegel und Haiti

    02.09.2011

    Für eine neue Universalgeschichte

    Es besteht eine gewisse Versuchung, mit Hinblick etwa auf den Arabischen Frühling, die besondere Aktualität des gerade erschienenen Buches Hegel und Haiti hervorzuheben. Die zwei Essais von Susan Buck-Morss, die jetzt unter diesem Titel und untadelig übersetzt von Laurent Faasch-Ibrahim bei Suhrkamp erschienen sind, lenken ebenso den Blick auf historische Phänomene, in denen das europäische Geschichtsverständnis sich selbst betrachten und dabei vielleicht etwas kleinlaut, sicherlich aber dynamisch werden muss. Diesen Bezug sofort weiterverfolgen, hieße aber das Buch von hinten aufrollen, wo es sich selbst auf die Gegenwart öffnet. Ersteinmal wird man zweihundertzwanzig Jahre zurück und über den Atlantik geführt. Von TOBIAS ROTH

     

    Ausgangspunkt des titelgebenden Essais Hegel und Haiti ist ein Schlaglicht auf eine Leerstelle: die Absenz von Haiti im Werk Hegels. Die revolutionären Ereignisse auf Saint-Domingue, die ab 1791 zum ersten unabhängigen Staat Lateinamerikas führten und, oft als schnelle und eindrucksvolle Laufmasche von 1789 gedeutet, das europäische Pendant der explosiven Selbstbefreiung geradezu noch übertrafen, waren dem deutschen Philosophen wohl bekannt, aber er spricht und schreibt sie nie ausdrücklich an. Durch den Kontext und den genauen Umriss dieser Leerstelle bewegt sich Buck-Morss’ Essai.

     

    Neben einem knappen Abriss der Geschehnisse auf Haiti steht hier vor allem deren Rezeption in Europa im Zentrum. Mit genauer Recherche werden die Zeitungen und journalistischen Organe zusammengestellt, die Hegel gelesen hat und so ein Minimum an nachweisbarer Informiertheit darstellen; zur Praxis der Sklaverei (im Kontrast zur aufklärerischen Theoretisierung der Freiheit) werden zahlreiche Quellen rekapituliert und Querverbindungen gesetzt. Was Buck-Morss im Jenaer Frühwerk Hegels verfolgt, lässt sich als die Spur Haitis bezeichnen, die sich in Gedanken zu deterritorialisierten Weltmärkten, Naturzuständen, Herren und Knechten abzeichnet. Mehr noch aber als eine Studie zu Hegel erscheint der erste Essai des Bandes als eine Studie zur Hegelforschung und zum Wissenschaftsbetrieb.

     

    Durchlässigkeit und Heterogenität

    Der uneingeschränkten Geltung der haitianischen Revolution als »Schlüsselereignis der Weltgeschichte an der Schnittstelle einer Vielzahl von Diskursen« liegt die Stille des wissenschaftlichen Diskurses des Zwanzigsten Jahrhunderts gegenüber. Wenn Buck-Morrs so mit einigem analytischen Pathos eine »Geschichte hinter der offiziellen Version« aufdecken will, erweist sich die Studie als ein weiterer Versuch, ein herrschendes Narrativ durch ein offeneres zu ersetzen. Man wird in diesem Buch viele Techniken und Argumentationsmuster aus dem Bereich der poststrukturalistischen Splittergruppen und -ismen wiederfinden. Warum aber Hegel letztlich über Haiti schwieg, warum er mit fortschreitendem Alter und wachsenden Kenntnissen über Afrika aus dem Blickwinkel der Studie »im Endeffekt dümmer wurde«, wird freilich nicht auf einen glatten Nenner gebracht. Die biographische Interpretation, er hätte schlichtweg »wenig Lust [gehabt], sich verhaften zu lassen«, wie es bereits in der Einleitung heißt, befriedigt da wenig.

     

    Der Suhrkampband bietet aber viel mehr als nur einen quellen- und wissenschaftskritischen Essai: Er zeichnet eine kurze, aber konzentrierte Strecke in einem akademischen Diskurs nach, die der ausdrücklich beklagten Verhaftung im universitären Feld zu Recht verlegerisch entkommen ist. Denn der Band fängt eine beträchtliche Zeitspanne ein, die zwischen den beiden Essays Hegel und Haiti (2000) und Universalgeschichte (2007) liegt. Der zweite Text knüpft an die (ohne Universitätsbibliothek leider unzugänglichen) Reaktionen auf den ersten an, aber gerade die so entstehende Leerstelle ist es, die den beiden Essais etwas Freiheit voneinander gewährt. Dafür sorgen auch Buck-Morss' Vorwort und Einleitungen.

     

    Universalgeschichte geht einen geradlinigeren Gang. Infrage stehen hier Möglichkeit und Unmöglichkeit des Titelwortes, das ja nicht umsonst so bombastisch über der Abhandlung stehen will. Buck-Morss aber versucht sich nicht an der Aufzeigung oder Konstruktion eines irgend systemischen Zusammenhangs, der mit traditionellen europäischen Universalitätstheoremen in Konkurrenz treten will, sondern will die auf Nationalstaaten konzentrierte Geschichtsschreibung und -wahrnehmung von Innen heraus öffnen. Schlüsselkonzept ist hier die Porosität. Der Weg führt durch Quellen und Konkreta, durch streckenweise unverkennbar diskursanalytische Figuren: Gezeigt werden soll die tatsächliche Durchlässigkeit und Heterogenität von bisher geschlossen gedachten Gesellschaften und Institutionen. Die Beispiele reichen hier vom Umstand, dass die »britische Marine« im 18. Jahrhundert nur zur Hälfte aus Briten bestand, bis zu den internationalen Handelspraktiken der kolonial und kapitalistisch umtriebigen Seefahrernationen.

     

    Menschheit, Freiheit, Sklaverei

    Die Porosität der Phasen und Felder wird an den drei großen Zusammenhängen des transatlantischen Handels, der internationalen Freimaurerei und der bemerkenswerten Religionsgeschichte des Voodoo demonstriert. Durch die Entwurzelungs- und Zerfallserscheinungen hindurch, die Fernhandel, Maurerei und Sklaverei auf je ihre Art hervorbringen, behauptet Buck-Morss die Hoffnung auf eine allgemeine Humanität. Gewiss ist die Skepsis und dekonstruktivistische Schulung der Essais zu stark, um die Suche nach einem Ursprung, nach einem Allgemeinmenschlichen geradeheraus laut werden zu lassen: Aber die Sehnsucht ist unverkennbar und hält auch der Selbstkritik des Eurozentrismus stand. Im Grunde herrscht hier doch die Überzeugung, dass zwar immer Nationalgeschichte geschrieben wurde, wir aber von alters her alle gemeinsam im gleichen Boot der Universalgeschichte saßen und schlingerten. Es wird, so heißt es, »die universelle Menschheit gerade an den Bruchstellen historischer Abläufe sichtbar.« Das Buch hat hier seine stärksten Passagen, wo das oft so aporetische Projekt einer kritischen, höchst umsichtigen Geschichtsschreibung konturiert und reflektiert wird, zugleich aber die Emphase nicht auf der Strecke bleibt: »Der wirksamste Schlag, den man dem Imperialismus möglicherweise überhaupt versetzen könnte, bestünde wohl darin, sich als loyaler Verfechter der Idee einer universellen Menschheit zu bekennen« und zugleich alle exklusiven Ansprüche auf diese Idee zurückzuweisen. Das ist, um es mit einem Vers von Franz Petran zu sagen, »Maureraugenweide, / wahre, heiße Mauerfreude.«

     

    Dennoch. Buck-Morss wird nicht müde, Forschungsdesiderate zu benennen und das Fehlen eines neuen, großen Entwurfs von Universalgeschichte zu beklagen. Gewiss kann nicht verlangt werden, dass die beleuchteten Lücken auf so kurzem Raum auch gefüllt werden. Aber je mehr Buck-Morss für die Universalgeschichte wirbt und, gekonnt rhetorisch, Begeisterung entfachen will, umso unklarer wird der Begriff selbst, umso unvorstellbarer die konkrete Arbeit, die ihn einlösen soll. So teilt der Begriff vielleicht ein Schicksal mit den anderen großen Schlagworten der beiden Essais: Menschheit, Freiheit, Sklaverei.

     

    Darin beginnt sich das Buch an seinem Ende in den Schwanz zu beißen, indem gerade der Begriff der Sklaverei in dem Maße unhandlich wird, wie er an unsere Gegenwart und an Kontinentaleuropa herangerückt werden soll. Gerade also in den Bereichen, wo seine Trennschärfe am meisten gefragt wäre. Das Problem liegt nicht zuletzt im metaphorischen Potenzial der marx'schen »Lohnsklaverei«, die Buck-Morss noch heute auf der Tagesordnung sieht. Gerät aber die (sicherlich ebenso euphemistisch sogenannte) freie Arbeit in den Sog des Begriffsfeldes der Sklaverei, wird unklar, was im Laufe der Revolution in Haiti überhaupt abgeschafft worden ist: Denn, so referierte Buck-Morss selbst einige Kapitel zuvor, die Arbeitsverhältnisse auf den Plantagen veränderten sich durch den Staatsstreich auf der Insel kaum, und verfeindete Splittergruppen der Revolution tauschten (mit den Spaniern) weiterhin munter Menschen gegen Gewehre. Das Buch setzt sich so vom Ende her selbst aufs Spiel. Dass Buck-Morss abschließend und wissenschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend ausgiebig anmerkt, dass ihre Interpretation keine Letztgültigkeit beanspruchen könne, dass noch vieles zu tun übrig bliebe und im machtfreien Diskurs sich kein eindeutiges Narrativ durchsetzen ließe, macht das Buch nicht weniger aufschlussreich. Bis man im Lesen schließlich wieder verlernt hat, was Sklaverei nun eigentlich ist, hat man schon viel gewonnen.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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