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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:13

    Andrea Böhm: Gott und die Krokodile

    26.08.2011

    Atempause nach der Höllenfahrt

    Bei der 50-Jahrfeier der Unabhängigkeit des Kongo 2010 saß eine bunte Gesellschaft von Festgästen beieinander, echte Freunde, geheime Feinde, Aufbauhelfer und Kriegsverbrecher. Das zweitgrößte afrikanische Land teilt mit anderen Dritte-Welt-Ländern das Schicksal, dass ihm nur bei solchen Jubiläen, bei Kriegen, Massakern und Hungersnot die Aufmerksamkeit der Metropolen zuteilwird. Andrea Böhm vermittelt mit ihrem Buch Gott und die Krokodile einen Blick auf die vielen Wirklichkeiten dieses riesigen Landes nach dessen düsterster Periode und abseits von solchen Feiern. Von PETER BLASTENBREI

     

    In den 50 Jahren seiner Unabhängigkeit hat der Kongo die Hölle in verschiedenen Etappen erlebt. Auf Intervention, Sezession und Bürgerkrieg der ersten Jahre folgten die 30 Jahre der »Kleptokratie« des Obersten Joseph Mobutu, wie die Autorin das nennt. Was er und seine Clique an Ressourcen, Infrastruktur und öffentlichen Institutionen nicht ausplünderten, verschleuderten oder einfach verkommen ließen, zerstörten die beiden Kriege 1996-2002, an denen vier Nachbarländer und zahlreiche Rebellengruppen beteiligt waren. Die heute über 60 Millionen Kongolesen sind wie vor 50 Jahren Bettler auf goldenem Thron, auf einem Thron aus Gold, Diamanten, Öl, Uran, Kupfer, Mangan, Zink, Bauxit, Kobalt und den in der Mikroelektronik heißbegehrten seltenen Metallen Niob und Tantal.

     

    Andrea Böhm auf Tour Andrea Böhm auf Tour

    Zwei Seelen

    Andrea Böhm hat dieses Land von der Größe Westeuropas, dessen Naturreichtum schon immer eher ein Fluch für die Menschen war, von West nach Ost bereist. Ausgehend von einem Reportageauftrag 2002 hat die Mitarbeiterin von Geo, Zeit und taz auf mehreren Reisen die Hauptstadt Kinshasa, die Zentralprovinz Kasaï und Nord- und Süd-Kivu im weiter von einem latenten Bürgerkrieg geplagten Osten besucht. Sie hat dabei Themen aufgegriffen, deren Bedeutung nicht immer auf den ersten Blick einleuchten: eine Boxschule für Frauen im verfallenden Nationalstadion in Kinshasa, ein Beethoven-Konzert des Sinfonieorchesters der Kimbangisten-Sekte, die Spuren des schwarzen Missionars William Sheppard, der 1892 das einheimische Kuba-Reich »entdeckte«, die unter unvorstellbar primitiven (und lebensgefährlichen) Bedingungen arbeitenden Diamantengräber im Kasaï und den Kampf von Félicien Mbikayi und seiner Freunde um ihre kooperative Organisation, die Mayi-Mayi-Rebellen im Osten mit ihrem unverwundbar machenden Zauberwasser und ihrem siebenjährigen »General«, die Folgen des »Krieges gegen die Frauen« mit Vergewaltigungen und Genitalverstümmelungen, der im Ost-Kongo noch nicht beendet ist, und die Arbeit diverser Organisationen zur Linderung der Folgen, den in Deutschland ausgebildeten Kongolesen Jean-Claude Kibala, der heute für kongolesische Verhältnisse sehr erfolgreich als Vizegouverneur seiner Heimatprovinz Süd-Kivu fungiert, und vieles andere mehr. All dies ist untermischt mit den unvermeidlichen Reminiszenzen an die trübe Zeit der belgischen Kolonialherrschaft, den Regierungschef der Unabhängigkeit, Patrice Lumumba, an Repression und Entstaatlichung des Kongo unter Mobutu und an die Kriege der jüngsten Zeit.

     

    Es ist schwer zu übersehen, dass in der Brust der Autorin zwei Konzepte von Journalismus miteinander ringen. Glücklicherweise setzt sich dabei eine faire und empathische Berichterstattung meistens durch. Ja, Andrea Böhm mag dieses ferne Land und seine Menschen, und das ist gut so. Doch auch Spuren eines dezidiert europäischen Feuilleton-Journalismus finden sich. Nicht zuletzt bei der ambivalenten Auswahl der Themen. Beethovens Neunte unter afrikanischem Himmel, boxende Frauen oder ein verstörter kindlicher Ex-General – schön, aber sagt das wirklich soviel aus über die Normalität im Kongo? Diesem zweiten Konzept ist zweifellos auch die zuweilen aufblitzende prinzipielle »weiße« Skepsis gegenüber allem geschuldet, was Kongolesen aus eigener Kraft anpacken, um ihre Lage zu verbessern, im fast misstrauischen Staunen über die unermüdliche Energie des Heimkehrers Kibala oder des Gewerkschafters Mbikayi etwa und vielleicht auch in der nirgendwo wirklich begründeten vehementen Ablehnung der Regierung Kabila.

     

    Kaleidoskop verlässlicher Informationen

    Andere Fragen stellen sich fast von selbst, so nach der Monopolstellung der katholischen Kirche in der kolonialen Erziehung. Wie sieht das heute aus? Wo steht sie bei der Aids-Bekämpfung? Auch einen Firmennamen wie Bayer Leverkusen sucht man vergebens – immerhin der größte europäische Aufkäufer von Coltan (des Ausgangsstoffes für Niob und Tantal). Auf Böhms beeindruckender Leseliste fehlt leider Connor Cruise O’Briens noch immer lesenswertes To Katanga and back von 1962. Sie wäre sonst kaum zu dem Ergebnis gekommen, der UN-Einsatz in Katanga sei einer der wenigen Erfolge der Weltorganisation gewesen.

     

    Für die meisten Leser und Leserinnen ist Gott und die Krokodile, abgesehen von Böhms Artikeln, die erste Begegnung mit diesem fernen Land. Für sie und auch für viele, die mit den Problemen dort etwas vertrauter sind, bietet das Buch ungeachtet der notwendigen Einwände ein Kaleidoskop aktueller, verlässlicher und zugleich problemorientierter Informationen und es gibt nicht zuletzt einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, wenn der Staat gar nicht mehr oder nur noch als Feind präsent ist.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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