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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 06:26

    Tim Blanning: Triumph der Musik

    04.03.2011

    Pragmatische Betrachtungen

    Tim Blannings materialreiche Sozialgeschichte Triumph der Musik in der Heidenreich-Edition. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

     

    Als Bandleader Benny Goodman mit den schwarzen Musikern Teddy Wilson und Lionel Hampton 1935 (zusammen mit dem weißen Drummer Gene Krupa) regelmäßig in Quartettbesetzung aufzutreten begann, war das erste (namhafte) gemischtrassige Jazzteam in den USA Tatsache – Beginn einer gesellschaftlichen Reform, Vorschein der erst nach mehr als dreißig Jahren erfolgreichen Bürgerrechtsbewegung. Nach ihren Konzerten gingen die vier Künstler, zwei und zwei, in verschiedene Hotels, die Weißen ins eine, die Schwarzen ins andere. Aber: »Wir schwammen eben mit dem Strom, so wie er floss, wir hatten ja schon eine Tür geöffnet, einen gewaltigen Spalt breit, da brauchten wir nicht auch noch ein Riesentamtam zu machen.« (Seite 335)

     

    Eine andere kleine Geschichte: »Im Jahr 1875 veröffentlichte Bed?ich Smetana  die Orchesterpartitur seiner sinfonischen Dichtung Aus Böhmens Hain und Flur. Das Deckblatt war auf eine Weise zweisprachig, die auffälliger nicht hätte sein können – tschechisch auf der linken, deutsch auf der rechten Seite, die einzigen unübersetzten Wörter waren die Namen des Komponisten und des Verlegers. Den größten Teil des Blattes nahm eine ländliche Idylle ein: die Berge, Täler und Wälder aus dem Titel dieser Komposition. In der Bildmitte sitzt ein Mann auf einem Felsen und zeichnet die Schönheiten der Natur vor seinen Augen: eine Szenerie, die sich beide Sprachgruppen teilen durften. Doch nicht alles ist gut in diesem Garten Eden, denn auf den felsigen Bergkuppen rechts und links des Tales stehen sich finster zwei Burgen gegenüber. Die Umstände, die zur Wahl dieses Bildes geführt haben, kennen wir nicht, doch es hätte gewiss keine bessere Darstellung der zweigespaltenen böhmischen Kultur und Politik finden lassen.« (Seite 316)

     

    Zwei von unzählig vielen anekdotischen Details, mit denen Tim Blannings materialreicher Band Triumph der Musik aufwartet. Der nichtssagend daherprotzende Titel – man könnte allenfalls an eine barocke Allegorie denken – legt den Verdacht einer übersetzerischen Verlegenheitslösung nah; aber nein, er ist ganz brav und wörtlich aus dem Original The  Triumph of Music übernommen, das 2008 bei den Penguin Books erschien. Man darf die deutsche Ausgabe im Rahmen der Elke-Heidenreich-Edition lebhaft begrüßen, denn es handelt sich um eine Art von Musikbuch, wie es außerhalb Angelsachsens und insbesondere in Deutschland kaum einmal (hier am ehesten noch von Peter Schleuning) je geschrieben wurde.

     

    Tim Blanning
Foto: Lafayette Photography Tim Blanning
    Foto: Lafayette Photography

    Viele Fakten - originell und spannend verknüpft

    Blannings Buch steht sicher in der englischen Tradition der berühmten musikalischen Sozialgeschichte von Wilfried Mellers. Es erweitert und aktualisiert deren Horizont aber noch um ein Beträchtliches. Blanning beschäftigt sich ausführlich und empirisch-pragmatisch  gerade auch mit der Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte, die vornehmlich eine der massen- und popkulturellen Phänomene ist. Bei weltweiten humanitären Hilfsaktivitäten und den dabei bewegten Millionenbudgets spielen zum Beispiel Popstars wie Bono von U2 eine gewaltige Rolle. (Von daher erklärt sich der Untertitel Von Bach bis Bono, eine Crossover-Radiosendereihe hieß vor einigen Jahren noch Von Bach bis Bacharach). Verblüffend, aber auch einleuchtend ist im ersten Hauptkapitel die Entwicklungsgeschichte des Musikers skizziert vom (ideellen) Gottesgnadentum und (realen) Domestiken bis zum modernen Massenidol.

     

    Als Geschichtsprofessor ist Blanning übrigens so etwas wie ein Quereinsteiger in die Musikpublizistik. Das macht seinen Text nur umso lesbarer und interessanter. Mit tiefgründigen ästhetischen Einsichten hantiert er weniger. Er bietet viele Fakten, verknüpft diese aber auf oft originelle und spannende Weise. Und er macht glaubhaft, dass sich durch gezielt eingesetzt Anekdotisches mehr über die historische Dynamik mitteilen lässt als durch umständlich referierte Ursache-Wirkung-Ketten. Nüchternheit und analytische Solidität bewahren den Autor davor, über die angebliche »Macht« der Musik allzu sehr in laienhafte Euphorie auszubrechen. Er weiß, dass angesichts der politisch-zeitgeschichtlichen Weltläufte sein Buch genau so den Titel »Glanz und Elend der Musik« verdient hätte.

     

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