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    Samstag, 27. Mai 2017 | 02:28

    Frank Hertel: Knochenarbeit

    17.12.2010

    Respekt für »unbegabte Trottel«

    Frank Hertel hat schon als Winzerhelfer, Leiharbeiter, Volontär, Christbaumverkäufer, Möbelpacker, Literaturkritiker und Regalauffüller gearbeitet. Nun versucht er sich als Buchautor und verteidigt in Knochenarbeit körperlich anstrengende Erwerbsarbeit. Ein eigenwilliges Werk, findet WOLFRAM SCHÜTTE.

     

    In einem Essay der Zeit vom 11. November 2010  berichtet Boris Groys von Glenn Beck, dem Chefideologen der US-Konservativen, der »das Recht zu scheitern und unterzugehen«, als das »wichtigste, zentrale Menschenrecht« betrachtet: »Die Hauptsünde des Sozialismus besteht demnach im Versuch des Staates, dem Menschen dieses Recht zu nehmen. […] Das Recht zu scheitern anzuerkennen - dies gilt als moralisch richtig (die Gescheiterten haben es verdient, und es ist unmoralisch, sie daran zu hindern, den Preis dafür zu zahlen) und im Nietzscheanischen Sinn als vitalisierend und dynamisierend«, bemerkt Boris Groys.

     

    In dem eben im C. Hanser-Verlag erschienenen Buch Knochenarbeit urteilt der 1971 geborenen Frank Hertel in seinem »Frontbericht aus der Wohlstandsgesellschaft« über Arbeiter aus dem »Niedriglohnbereich«, wo 8,10 Euro pro Stunde bezahlt werden und er selbst fast ein Jahr lang gearbeitet hat: »Den Verlierer zu bedauern ist sentimental. […] Lange habe ich selbst so gedacht, weil ich so großes Mitleid mit den Armen und Gestrauchelten empfand. […] Wenn ich an die Leute in meiner Firma denke, weiß ich, dass sie ein schweres Los haben, aber ich weiß auch, dass ihnen nicht damit geholfen wäre, wenn diese Firma geschlossen würde. […] Es ist schwere Arbeit, und der Lohn ist gering, die Arbeitszeiten sind fürchterlich und die Anstrengung immens, aber […] sie leben nicht vom Staat, sie müssen nicht versorgt werden wie kleine Kinder. Und deshalb sind sie trotz allem glücklich und selbstbewusst. Weil sie sich ihre Menschenwürde bewahren und für ihr Brot arbeiten. […] Sie nehmen teil am Spiel der Freiheit. Sie sind unten, aber sie spielen mit. Sie sind keine Ausgeschlossenen. Deshalb soll man diese Menschen nicht bedauern, sondern respektieren, ihre Leistung anerkennen, sie vielleicht sogar gelegentlich loben. Denn diese Arbeiter tragen uns alle auf  ihren Schultern. Vielleicht sollte man sich auch mal bedanken, wenn man schon draufsitzt. Man kann auch absteigen und selber Arbeiter werden. Nur dieses sentimentale Getue, bei dem man das Pferd bedauert, auf dem man reitet, ist naiv und infantil. Klug ist es, das Pferd gut zu behandeln, damit es einen noch lange trägt. Man kann das Pferd auch in die Freiheit entlassen und wieder zu Fuß gehen. Aber ich glaube nicht, dass das irgendeiner wirklich will […] Ich glaube, in Deutschland besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass man die Freiheit will und nicht den Sozialismus. Nur ist man oft erschrocken darüber, was es heißt, in einer freien Gesellschaft zu leben. Plötzlich ist man nämlich selbst schuld, wenn man arm bleibt. Langanhaltende Arbeitslosigkeit, dauerhafte Armut und ein Leben im Schatten sind nicht mehr unentrinnbares Schicksal, sondern Optionen, die man wählen kann. Denn die Angebote sind da, der Käfig ist offen, man muss nur rausgehen. Erfolgs- und Lebensratgeber gibt es für wenig Geld in der Buchhandlung, man muss sie nur lesen. Der engagierte Lehrer sagt uns, was wir tun und lassen müssen, wir müssen ihm nur zuhören. Wenn wir all das nicht tun, wenn wir uns weigern, wenn wir alle Hilfe ausschlagen, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn es uns schlecht geht. Diese Gesellschaft ist gerecht. Der Fleißige hat Erfolg, der Faule bleibt am Boden.«

     

    Der bislang nicht auffällig gewordene Autor, der laut Verlagsangaben in Bamberg geboren wurde und jetzt mit seiner Familie in Neuötting lebt - als »Hausmann«, wie er uns mitteilt, dessen Ehefrau als Lehrerin gut verdient - habe Soziologie, Pädagogik und Religionswissenschaft studiert und weil er, wie er an einer Stelle in seinem Debüt schreibt, als Akademiker keine Stelle gefunden habe, laut Klappentext als Winzerhelfer, Leiharbeiter, Volontär, Christbaumverkäufer, Möbelpacker, Literaturkritiker, Regalauffüller u. v. m. gearbeitet.

     

    Jenseits des Streichelzoos der Humanität

    Diese kunterbunte Mischung von Tätigkeiten wird als Ausweis abenteuerlicher Realismuserfahrungen immer gerne amerikanischen Literaturdebütanten von den Verlagen zugeschrieben. Im Falle Frank Hertels stellt sich damit aber nicht ein Erzähler von Fiktionen vor, sondern ein partieller Selbst-Erlebnis-Beschreiber, der (verzeihen Sie mir den Kalauer) bella das Triste seiner Erfahrung als zeitweiser Niedriglöhner in einer bayerischen Backfabrik, die offenbar für einen der großen Discounter arbeitet, in ein Mosaik von Eindrücken, Porträts und Reflexionen fasst.

     

    Ich habe eine Passage daraus so ausführlich zitiert - nicht nur, um die zeitliche Koinzidenz zwischen der Nietzscheanischen Ideologie der usamerikanischen Konservativen und dem fränkischen Nobody zu akzentuieren, sondern auch, um die eigenartige Mischung aus Erlebnis & Erfahrung einerseits und einem naiv-forschen existenzialistischen Optimismus andererseits zu markieren, die Hertels Knochenarbeit eigen ist.

     

    Einerseits ist der Enddreißiger Hertel stolz darauf, dass er nicht aus Studien-, sondern aus finanziellen Gründen sich zeitweise in Arbeitsbereichen aufgehalten hat, in die zu geraten, zu den schlimmsten Demütigungen eines deutschen Mittelschichtlers & Intellektuellen gehört; anderseits ist er dort auf zwar »dumme«, manchmal »arbeitsscheue«, jedenfalls aber »ehrliche« Menschen, Charaktere & Typen gestoßen und hat dort unterschiedliche & widersprüchliche Arbeits- & Verhaltensweisen kennen gelernt, über die er (wohl im Kreis von Bekannten & Freunden) farbig, gefühlvoll & interessant berichten konnte.

     

    Es mag so geklungen haben, wie im vergangenen Jahrhundert, wenn rousseauistische Forschungsreisende von den »edlen Wilden« im fernen Afrika, Asien und Südamerika schwärmten. So findet Hertel in den zwar nahe liegenden, aber dennoch verborgenen Arbeitsstätten, fern nur der öffentlichen Wahrnehmung, die einfach besseren Menschen als im von Ehrgeiz, Mobbing, Karriere- & Konkurrenzdenken versauerten Berufsalltag der »besseren« Schichten.

     

    Irgendwann ist womöglich Frank Hertel einem Verlagslektor über den Weg gelaufen, der ihn dazu animiert hat, seine Erfahrungen & Gedanken aufzuschreiben. Stolz darauf, nun etwas Besonderes zu sein (»Ich bin Schriftsteller. Ich muss schreiben.«), hat der ehemalige Soziologe jedoch nicht einen in sich kohärenten, gegliederten Bericht verfasst, sondern als ehemaliger Pädagoge demonstrationsfähige Fälle & Situationen aneinander gereiht; und als Student der Religionswissenschaften liest er den gut menschelnden, aber scheinheiligen Mittelschichten die Leviten & predigt im Stil der von ihm erwähnten »Erfolgs- & Lebensratgeber« das arme, ehrliche, aber glücklich verantwortungslose, einfache Leben im Niedriglohnsektor mit einer 60-Stunden-Arbeitswoche.

     

    Wie in der eingangs zitierten Passage, klingen auch manche anderen An- & Einsichten des Autors wie Slogans aus dem FDP-Wahlkampf, z.B.: »Mir ist die Freiheit lieber als die Gleichheit, und zur Freiheit gehört die Ungleichheit«, oder: »das Leben ist kein Freizeitparadies. Es ist Kampf […] Harte Arbeit ist menschengerecht. Menschengerechte Arbeit fordert den ganzen Menschen und nicht nur seinen Zeigefinger […] Sind wir im Streichelzoo der Humanität, muss alles kuschelig und warm sein?«

     

    Das Brisante an Frank Hertels Reflexionen über »die da unten« rührt daher, dass er sich mit den (multikulturellen) »Malochern« gegen alle anderen solidarisiert. Ohne seine Arbeitskameraden zu verklären oder ihre Schwächen & Beschränktheiten in seinen Porträts von ihnen zu leugnen, aber auch ohne eine sozialpolitische Utopie (»Ich schildere drastische Zustände und akzeptiere sie«) fordert er nur von den  »Herren«, zu denen er Alle in sicheren, akzeptabel entlohnten Arbeits- & Lebensverhältnissen zählt, »die Knechte« (worunter er alle »prekär« Beschäftigten und Billiglohnarbeiter versteht) endlich zu »respektieren«.

     

    Früh krümmt sich, was ein Häkchen bleiben wird

    Er will mit seinem Buch auch »Werbung machen für die Arbeit im Billigbetrieb«, denn die große Armut wird erst noch nach Deutschland kommen und alle bislang pazifizierenden Sozialhilfen kassieren, prognostiziert er zurecht. Deshalb müsse »man den Kampfgeist wecken, der in jedem schlummert. Man muss das Wilde in den Menschen reizen. Diese Zeiten sind nichts für komplett Domestizierte. Wir brauchen widerständige und stolze Leute, die nicht alles schlucken. Deutschland muss lebendiger werden«.

     

    Hertel, der ein ebenso simples wie flaches Bild der deutschen Gesellschaft aus der Unterperspektive hat, sieht »eine neue Klassengesellschaft heraufziehen. Unten die Ausländer in den Billigfirmen, oben reiche Deutsche, draußen arme Deutsche. Ich möchte dafür eintreten, dass draußen niemand ist. Die arbeitslosen Deutschen sollen begreifen, dass es in einer Billigfirma besser ist als zu Hause«. Und sie sollen jetzt schon lernen, dass es für »sie« & »uns« besser wäre, wenn sie sich die Hände (mit Arbeit) »schmutzig« machen, als sie jammernd zu ringen oder »Stütze« fordernd offen zu halten, weil »wir« zwar angeblich »einen unerschöpflichen Vorrat von Rechten« zu haben glauben, von »Pflichten aber kaum noch die Rede ist« in der Gesellschaft.

     

    Wenn das nicht eine moralistische Aufrüstung der »dienenden«  Klasse der Hertelschen »Knechte« ist, sich vorauseilend in fröhlich-friedliche Bescheidenheit zu üben! Einerseits fit & arbeitswillig, andererseits stolz & zufrieden mit ihrem Los zu sein & zu bleiben.

     

    In einer eigenwilligen Mischung aus partieller Scharfsichtigkeit, unsentimentaler Aufrichtigkeit und wahrhaft kindlicher Blauäugigkeit »kritisiert« der fränkische Weltbetrachter, »nicht das System, sondern schlechte Charaktereigenschaften wie Faulheit, Kleinmut und Verzagtheit«. Angesichts der sich in Deutschland »eingeschlichen habenden Tendenz zum unsozialen Verhalten […] brauchen wir ehrliche Eliten, ehrliche Politiker, ehrliche Manager, ehrliche Richter, ehrliche Journalisten, dann haben wir auch eine ehrliche Bevölkerung. Und dann strahlt dieses Land wieder einen Glanz aus«, lautet ernsthaft eines der Resümees seiner ausufernden Sonntagspredigt Knochenarbeit.

     

    Um vollends die landsmannschaftliche Nähe dieses wunderlichen Freundes der »unbegabten Trottel« (Hertel) zu den idyllischen Charakteren Jean Pauls zu beschwören, seien ein »paar fromme Wünsche« zitiert, mit denen sich dieser fränkische ›Humorist unserer Gegenwart‹ von seinen ebenso kopfschüttelnden wie bestenfalls amüsierten Lesern verabschiedet.

     

    Es sind Aufmunterungen - als habe sie der Autor des Wuz oder des Quintus Fixlein in den Neuöttinger Computer des Frank Hertel diktiert: »Lasst die Verzagtheit und die Jammerei, schaltet den Fernseher öfter aus, geht raus in die Kneipen und sauft trotzdem weniger Bier, regt euch nicht immer so fürchterlich auf und tragt keine Sandalen mit weißen Socken. Das Leben ist kein Wunschkonzert, aber trotzdem schön.« Schön, das uns das einmal einer gesagt hat.


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