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    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:07

    Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin

    07.10.2010

    Der definitive Benjamin?

    Jean-Michel Palmier legt mit seiner gewaltigen Monographie zu Leben und Werk Walter Benjamins (1892-1940) eine Arbeit vor, die noch lange Bestand haben wird – auch wenn die definitive (Werk-)Biographie zu Benjamin nach wie vor notwendigerweise fehlen muss, da Palmier seine Studie nicht mehr vollenden konnte. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Kaum ein Denker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das deutsche und europäische Geistesleben der Nachkriegszeit derart geprägt wie Walter Benjamin. Spätestens seit der Benjamin-Renaissance im Zuge der universitären Umwälzungen der 60er Jahre sind Benjamins Theoreme in aller Munde. Daran hat sich – trotz aller akademischen Moden – bis heute wenig geändert. Als Stichwortgeber hat Walter Benjamin nach wie vor erhebliches Gewicht: kaum ein Bildwissenschaftler, der ohne den „Verlust der Aura“ auskommt, kaum ein Historiker, der nicht irgendwo auf den „Engel der Geschichte“ rekurriert und kaum ein Literaturtheoretiker, der nicht irgendwann mit Benjamins im Trauerspielbuch ausgebreiteten Allegoriebegriff hantiert. Benjamin so weit das Auge reicht – Benjamin in deconstruction, Benjamin in reconstruction und nicht zuletzt in immer wieder neuen, verzweifelten Versuchen seine geradewegs magisch zu nennende Wirkungsmacht zu brechen.

     

    Es ist umso erstaunlicher, dass ein biographisch orientierter, angenehm lesbarer Gesamtüberblick über Leben und Werk Walter Benjamins nach wie vor fehlt – und dies trotz Legionen von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Arbeiten zu den Thesen des Autors. Der französische Kunstwissenschaftler Jean-Michel Palmier, ein profunder Kenner der Geistesgeschichte der Weimarer Republik, hat sich dieser gewaltigen – und letztlich nicht befriedigend zu meisternden – Aufgabe gestellt und ist daran tragischerweise gescheitert. Sein früher Tod verhinderte die Vollendung der monumentalen Werkbiographie. Das Fragment dieser Arbeit liegt nun unter dem Titel „Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin“ in der hervorragenden Übersetzung von Horst Brühmann auch in deutscher Sprache vor. Und tatsächlich ist Palmier ein großer Wurf gelungen. Obwohl der vorliegende Band Fragment geblieben ist, bietet er den bisher verlässlichsten Gesamtdeutungsentwurf zu Leben und Werk Walter Benjamins und wird über Jahre hinaus das maßgebliche Standardwerk der historisch orientierten Benjamin-Forschung bleiben.    

     

    Biographie und Werk als Einheit

    Drei der geplanten fünf Themenkomplexe konnte Palmier vollenden, der vierte bricht bereits früh ab, der fünfte – über das ebenfalls Fragment gebliebene Passagen-Werk – fehlt vollkommen. Was allerdings die erhaltenen und von Florent Perrier herausgegebenen Teile der Werkbiographie bieten, ist auch als Fragment von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. Souverän manövriert sich Palmier durch die deutsche Geistesgeschichte, legt Querverbindungen innerhalb und außerhalb des Benjaminschen Werks und macht diesen erratischen Denker ein Stück greifbarer.

     

    Methodisch verzichtet Palmier dankenswerterweise auf größere Ausführungen und unterwirft seine luziden Werkbeobachtungen nicht dem Diktat engstirniger Theoreme – dies hätte wohl auch dem dezidiert antisystemischen Systemdenker Benjamin gut gefallen. Stattdessen rekurriert Palmiers gelehrte Arbeit vor allem auf genaue philologische Beobachtungen; er bietet gleichsam einen Benjamin im close reading – getreu der lakonischen Anweisung Michel Foucaults „Man muß alles lesen, alles studieren“, die konsequenterweise auch den Klappentext einleitet. Umsichtig und knapp formuliert Palmier ein bescheidenes theoretisches Konstrukt, das die folgenden gut 1400 Seiten mühelos trägt:

     

    „Mit unserem Versuch, den biographischen und den theoretischen Weg Benjamins als Einheit in den Blick zu nehmen, seine Einbettung in die Geschichte, die ständige Wechselwirkung der verschiedenen Problematiken, die in jedem seiner Essays, besonders aber im Passagen-Projekt zutage treten – die Philosophie der Sprache, die messianischen Elemente, die Philosophie der Kunst oder der Geschichte –, scheint es uns möglich, eine Reihe von Klippen zu umschiffen. Dazu gehören die Faszination, die sein Leben ausübt und die allzuoft zu einer eher hagiographischen oder mimetischen als kritischen Annäherung führt, die Reduktion seines Werkes auf ein Gerippe theoretischer Anschauungen und Begriffe sowie die jedem eindimensionalen Ansatz innewohnenden Beschränkungen, handelt es sich um einen literarischen, philosophischen oder politischen Zugang, selbst wenn ein jeder auf methodologischer Ebene seine Berechtigung haben mag.“

     

    Statt eines eindimensional theoretisch begründeten Zugangs wählt Palmier also die geradewegs konservative Form der problemorientierten Werkbiographie und schafft es so tatsächlich, die postulierten Klippen der Benjamin-Forschung elegant und – vor allem! – sauber zu umschiffen. Palmiers bewundernswerte Akkuratesse führt allerdings beim Leser ab und an zu dem unbestimmten Gefühl, sich auch in Palmiers Textwelt – zusätzlich zum ohnehin uferlosen Textkonglomerat Walter Benjamins – verlieren zu können. Auch die Spritzigkeit seiner Prosa leidet etwas unter dem Diktat der philologischen Redlichkeit.

     

    Dies sind allerdings angesichts dieser bemerkenswerten Veröffentlichung nichts weiter als Marginalia. Wer sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Walter Benjamin beschäftigen will, kommt an Palmiers Monographie nicht vorbei – auch wenn sein Tod vor dem Abschluss der Arbeit noch Spielraum für weitere, ähnlich geartete Veröffentlichungen lässt. Die definitive (Werk-)Biographie fehlt also leider noch immer. Palmiers Arbeit ist jedoch ein noch lange gültiger Meilenstein auf dem Weg dorthin.  


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