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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 10:54

    Marcus Stiglegger: Terrorkino

    29.07.2010

    Warum ,,torture porn"? - Eine Verteidigung

    Mit Antichrist von Lars von Trier hat das Genre des „torture porn“ seinen Weg in das Autorenkino gefunden und die Kritiker gezwungen, sich mit diesem Phänomen des vermeintlichen „Unterschichtenkinos“ auseinanderzusetzen. Der Band Terrorkino – Angst/Lust und Körperhorror des Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger trägt seinen Teil zu dieser Debatte bei. Von CHRISTOPHER FRANZ

     

    Als Antichrist bei den 62. Filmfestspielen in Cannes 2009 seine Uraufführung hatte, sorgte er wegen seiner drastischen Gewalt- und Sexdarstellungen für Aufsehen und Protest. Gleichzeitig gewann Das weiße Band von Michael Haneke wie Antichrist im offiziellen Wettbewerb, diesem in der Thematik – der Behandlung von Gewalt – gar nicht mal so unähnlich, wenn auch visuell weit weniger drastisch, die goldene Palme. Aber nicht vom Autorenfilm handelt das Buch Terrorkino von Marcus Stiglegger. Er befasst sich mit dem vermeintlichen Bodensatz der Filmgeschichte, nämlich dem „torture porn“, der einfach gesagt Sadismus und Folter als Vergnügen darstellt.

     

    „Torture porn“ ist ein diminutiv gebrauchter Begriff, der weder klar definiert ist, noch den Inhalt der so bezeichneten Filme adäquat charakterisiert. Er soll schlicht diffamieren, ebenso wie andere Begriffe wie „Gewaltvideo“ und „Killerspiel“. In ihrer Annahme, dass die Betrachtung von Gewalt im Betrachter ebenfalls Gewalt auslöst, ihn also stimuliert, setzen moralische Instanzen den „torture porn“ auf eine Ebene mit Pornofilmen, deren einziger Zweck es ist, den Konsumenten sexuell zu erregen.

     

    Lars von Triers Film stellt für Marcus Stiglegger das Ende einer Entwicklung, die Reflexion des Autorenfilms auf den „torture porn, dar, die seit der Jahrtausendwende mit Filmen wie der Saw-Reihe und Hostel im Mainstream angekommen ist, in Wahrheit aber einen viel tieferen Ursprung hat. Diesem Ursprung geht er in seinem knapp 100 Seiten langen Essay nach und versucht die daraus resultierende Entwicklung sowohl gesellschaftlich wie auch kulturell und philosophisch zu verorten. So wie er den modernen Horrorfilm seit den 1960er Jahren als Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit sieht, so sieht er den „torture porn“, von ihm Terrorfilm genannt, unter anderem als Fußnote zur Diskussion nach dem Abu-Ghuraib-Folterskandal.

     

    "Die 120 Tage von Sodom" zeigt die Täter im Rausch der Souveränität "Die 120 Tage von Sodom" zeigt die Täter im Rausch der Souveränität

    Im Rausch der Souveränität

    An den Beginn der Geschichte des Terrorfilms setzt Stiglegger Tobe Hoopers 1974 erschienenen Film The Texas Chainsaw Massacre, der das übernatürliche und monströse des Horrorfilms durch eine genuin menschliche Bedrohung ersetzte. Daran anschließend breitet er eine illustre Aufzählung der Klassiker dieses Genres aus.

     

    Da die Folter der Angriff auf die Würde des Menschen und die Integrität des Körpers zugleich ist, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Warum der Notwendigkeit der filmischen Darstellung und der Beziehung, die der Betrachter zu den gezeigten Bildern aufbaut. Stiglegger unterscheidet zum einen die Identifikation des Rezipienten mit dem filmischen Aggressor als verführerische Figur, dessen Souveränität in der Auslebung seiner Neigungen  er quasi neidvoll beobachtet, hier bezeichnet als sadistischer Blick. Zum anderen und im Gegensatz zu ersterem, die Identifikation mit dem Opfer, folglich also der masochistische Genuss und die Konfrontation mit den eigenen Ängsten. Ganz klar weist er aber darauf hin, dass dieses masochistische Vergnügen an filmischen Exzessen nur für den Zuschauer gilt. Das filmische Opfer empfindet lediglich Angst, Schmerz und Leid.

     

    Die Hauptvertreter der derzeitigen französischen Terrorwelle "Frontier(s)" und "Martyrs". Der Zuschauer verfolgt die Handlung aus Sicht der (weiblichen) Opferrolle. Die Hauptvertreter der derzeitigen französischen Terrorwelle "Frontier(s)" und "Martyrs". Der Zuschauer verfolgt die Handlung aus Sicht der (weiblichen) Opferrolle.

    Dem Betrachter dieser Filme aber nur sadistisches oder masochistisches, also sexuelles Vergnügen als einzige Beweggründe zu unterstellen, würde zu weit führen und den Erfolg solcher Filme nicht im Geringsten erklären. Dazugezählt werden muss die urmenschliche und morbide Neugier auf das Innere des anderen Körpers, die uns alle auch zu Gaffern bei Unfällen werden lässt. Bei Terrorfilmen wird, wie Stiglegger es beschreibt, die Auflösung des Körpers zu einer Feier der Neugier auf das Unzeigbare. Der Körper des Menschen ist ein Tabu und dessen Verletzung noch ein viel größeres.

     

    "An American Crime" als Verarbeitung eines realen Verbrechens. Ist das ein Terrorfilm? "An American Crime" als Verarbeitung eines realen Verbrechens. Ist das ein Terrorfilm?

    Anspruch und Wirklichkeit

    Es steht also fest, dass der große Tabubruch der Terrorfilme nicht in der Darbietung psychischer Folter liegt, sondern in der exzessiven und drastischen Darstellung deren physischer Folgen. Das makabre Schauspiel der Präsentation der Verletzung ist hauptsächlich der Punkt, der Ablehnung und Empörung hervorruft. Anders ist nicht zu erklären, dass ein Film wie An American Crime, von Stiglegger an den Anfang seiner Betrachtung gestellt, trotz der Grausamkeit seiner, an reale Ereignisse angelehnten Handlung, nur eben nicht so explizit blutrünstig,  in Deutschland eine Altersfreigabe ab 16 Jahren bekommen hat.

     Warum werden aber gerade jetzt vermehrt Terrorfilme durch ein Massenpublikum konsumiert? Stiglegger hält fest, dass sowohl mediale Ereignisse, wie zum Beispiel das Bekanntwerden der Fälle Dutroux, Kampusch und Fritzl, als auch der „Kannibalenmord“ von Rotenburg die Fantasie des Publikums und der Filmemacher anregen. Aber auch die Gewalteskalation und der Folterdiskurs nach den Terroranschlägen vom 11.9.2001 brachten schließlich eine neue und breite Popularität kruder Terrorfilme mit sich, in denen der Mensch des Menschen größter Feind ist. Er sieht aber auch die banalen Gründe, den Nervenkitzel und den Filmkonsum als Mutprobe.

     

    Stigleggers Argumentation ist stets schlüssig und nachvollziehbar. Nur stellt sich die Frage, in wie weit die Fans solcher Filme seinen Thesen aufgeschlossen sind. Den Wenigen, die sich eingehender mit der Thematik befassen wollen, denen ist Stigleggers Abhandlung nur zu empfehlen.


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