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    Samstag, 19. August 2017 | 13:01

    Die Beatles und die Philosophie

    08.04.2010

    "Nothing you can think that can´t be thunk ..."

    Der Untertitel der englischen Originalausgabe deutet es bereits an: Nicht allzu ernsthaft soll sie sein, die philosophische Auseinandersetzung mit den Beatles. Siebzehn US-amerikanische Philosophen, mehrheitlich Professoren ihres Fachs, haben die Herausgeber Michael und Steven Baur zu diesem Zweck im vorliegenden Essayband versammelt. Die Frage nach der Notwendigkeit eines philosophischen Buches über die Fab Four beantworten sie im Vorwort zunächst mit einem lapidaren „Warum nicht?“ Von KERSTIN SCHOOF

     

    Eine Frage, die sich während der nun folgenden Tour de Force durch die Philosophiegeschichte sowieso schnell erübrigt hat, denn mit Bezug auf die Beatles werden auch die Theorien von Platon und Rousseau, Wittgenstein oder Sartre und Derrida verständlich. Die unbändige Begeisterung der Autoren für ihr Thema sorgt dafür, dass es einfach Spaß macht, auch den scheinbar abwegigsten Brückenschlägen zwischen Pop und Philosophie zu folgen. So beschäftigen sich Essays unter der Überschrift „Nothing is Real“ mit Fragen des Bewusstseins und der Wahrnehmung bei den Beatles, mit ihren Experimenten mit Drogen und Meditation. Die Herkunft der Band aus der Arbeiterklasse und ihr Aufstieg zu Superstars gibt Anlass zu Reflexionen über ihre Haltung zu Konsumkultur, Kapitalismuskritik und Marxismus.

     

    Spannend wird es insbesondere dann, wenn die Autoren von der reinen (Song-)Textanalyse zur Musik der Beatles vordringen wie Richard Falkenstein und John Zeis in ihrem Beitrag Vielfältiges Spiel mit Unterschieden. Sie beleuchten die musikalische Entwicklung der Beatles aus der Perspektive verschiedener ästhetischer Theorien und fragen nach ihrem „Bereicherungspotenzial“. Die Beatles, so die Autoren, ließen sich von einem essentialistischen Musikbegriff nicht einengen; sie überschritten Grenzen zwischen Musikstilen, zwischen E- und U-Musik, um „Neues zu wagen und neues, anderes Hören herauszufordern“, ohne in ihrer Lust am Experimentieren ihre Identität zu verlieren. So zeigten sie in beispielloser Weise auf, welche Ausdrucksvielfalt und Unterschiedlichkeit im Rahmen der Popmusik – als populärer Musik im weitesten Sinne – möglich sei.

     

    Lacht sie weg, die Ernsthaftigkeit!

    Hieran anknüpfend betrachtet Paul Swift die Beatles als Nietzsches „Musik treibenden Sokrates“, als Philosophen des Dionysischen: des Rausches, der Ekstase und der Leidenschaft. Der Humor der Band, der nicht zuletzt im Film A Hard Day’s Night zum Ausdruck kommt, entspricht laut Swift Nietzsches Forderung, das Leben durch Gelächter zu bestätigen. In der Leichtigkeit, mit der sich die Beatles mit einem Augenzwinkern über Konventionen hinwegsetzten, liegt für ihn das subversive Potenzial der Gruppe: „Nietzsche und die frühen Beatles kreierten eine neue Werteskala, indem sie die sterile Ernsthaftigkeit einfach weglachten, die für viele religiöse und philosophische Welterklärungsmodelle so typisch ist“.

     

    Ein wahres Highlight des Bandes stellt James Crooks’ Essay „Take a sad song and make it better“: Die Beatles und die Postmoderne dar. Ausgehend von John Lennons ambivalenter Haltung gegenüber gewalttätigen Protestformen im Song Revolution – „If you talk about destruction, don’t you know that you can count me out / in“ – betrachtet Crook das Werk der Beatles als Metaerzählung über die Postmoderne. Anhand ihrer Songs und Figuren charakterisiert Crook die Möglichkeiten postmoderner Subjektivität: Da ist der Nowhere Man als distanziert-kritischer und letztlich sehr moderner Intellektueller, oder der Dekonstruktivist aus dem Song Glass Onion, der die Schichten der Wirklichkeit ironisch abschält und als diskursive Konstruktionen entlarvt. Und der Poststrukturalist aus I am the Walrus, der sein Ich unter Gefahr der Selbstauslöschung ebenso fragmentiert wie überschreitet: „I am he as you are he as you are me and we are all together“. Der Ausweg der Beatles aus dem unbefriedigenden Rollenangebot der postmodernen Philosophie ist laut Crook der Hey Jude-Effekt, eine nur scheinbar naive Verherrlichung der Liebe: „Als Heilmittel gegen die Ich-Zentriertheit der Moderne taugt die Liebe sicher nicht weniger gut als die Verzweiflung“.

     

    Love, love, love!

    Die Liebe als zentrales Thema der Beatles ist ein roter Faden, der viele der Essays verbindet. Dass es hierbei nicht (nur) um die romantische Verliebtheit aus der Anfangsphase der Band geht, macht beispielsweise Jacob M. Held deutlich, der in seinem Beitrag „All you need is Love“: Hegel, Liebe und Gemeinschaft schreibt: „Für die Beatles ist Liebe nicht nur ein Gefühl, sie ist vielmehr die ideale Weise, mit anderen in Kontakt zu sein. Es geht um Zusammengehörigkeit, um Einheit“. Ähnlich argumentiert Peggy J. Bowers, die Parallelen zwischen Carol Gilligans Ethik der Fürsorge und des Ausdrucks von Verbundenheit und Mitgefühl in Liedern wie Eleanor Rigby, When I’m Sixty-four oder With a little Help from my Friends zieht: „Die Songtexte der Beatles artikulieren sehr klar, dass das Selbst sich nur dann vollständig entwickeln kann, wenn es sich in Bezug zu anderen setzt“.

     

    Insgesamt entsteht so ein erstaunlich weitgefächertes Bild der „besten Band aller Zeiten“, das gerade solche Charakteristika der Beatles philosophisch einfängt, die theoretisch scheinbar schwer zu fassen sind: ihre spielerische Experimentierfreude und Leichtigkeit, ihr Humor und ihre Verkörperung von Freundschaft und Gemeinschaft. Auch wenn die Anknüpfung an klassische Denker stellenweise weniger gut funktioniert und die Bedeutung so mancher Songzeile arg gedehnt wird, um ins Konzept zu passen – es gelingt den Autoren, das Ticket zu einer kurzweiligen und mit Ideen und Assoziationen vollgepackten „Magical Mystery Tour“ voll und ganz einzulösen. Bleibt nur noch, mit einem beschwingten „Beep Beep’m Beep Beep Yeah!“ den Plattenspieler anzuwerfen und den Wahrheitsgehalt der vorgestellten Theorien selbst zu überprüfen ...

     

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