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Geschichte der abendländischen Bibliotheken

28.01.2010

Gedächtnis der Menschheit

Die einstigen Wissenstempel haben sich in Orte moderner Mediennutzung verwandelt. Ein Insider rollt die jahrtausendealte Geschichte der Bibliotheken neu auf. Von INGEBORG JAISER

 

 

Obwohl Bibliotheken zu den meist frequentierten Kulturinstitutionen in Deutschland gehören, sind sie – anders als Museen und Theater – keine Einrichtungen, mit denen sich die Öffentlichkeit nennenswert beschäftigt. Mit diesem Statement eröffnet Uwe Jochum seine eben erschienene Geschichte der abendländischen Bibliotheken. Und setzt gleich noch eine überraschende Erkenntnis obendrauf: das mediale Interesse wird erst dann entfacht, wenn sich Bibliotheken im Zustand des Verschwindens, der Auflösung befinden.

 

Dabei spannt sich der Bogen vom legendären Brand der antiken Bibliothek von Alexandria (der laut Jochum niemals stattfand!) bis hin zum verheerenden Feuer, das 2004 in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ausbrach. Folgt nicht auch der aktuelle Diskurs über den Medienwechsel vom Gedrucktem zum Digitalem eben dieser Befürchtung: dass Bibliotheken als Wissenstempel, als physikalisch existente Orte der Informationsspeicherung dem Untergang gewidmet sein könnten?

 

Großformatig und reich illustriert

Uwe Jochum, Leitender Bibliothekar und Fachreferent für Literaturwissenschaften an der Universitätsbibliothek Konstanz hat bereits die viel beachtete, in mehreren Auflagen beim Reclam-Verlag erschienene Kleine Bibliotheksgeschichte verfasst. Dass er nun eine großformatige, reich illustrierte und umfassend recherchierte „Geschichte der abendländischen Bibliotheken“ nachlegt, ist sicherlich nicht nur dem Drängen der Fachkollegen zu verdanken.

 

Ob die Historie tatsächlich mit dem Beginn der Höhlenmalerei (als frühe Inventarisierung der Umwelt)  begonnen werden muss, sei dahingestellt. Spannend und hochinformativ wird es jedoch, wenn Jochum in weitem Bogen, über Epochen hinweg, die Entstehung „kosmologischer“, „imperialer“ und „Bibliotheken des Heils“ aufblättert – um schließlich in seinem Kernkapitel, das den Entwicklungen ab der Renaissance gewidmet ist, neuzeitliche „Bibliotheken des Nutzens“ vorzustellen.

 

Vom Kuppelsaal zum Bücherspeicher

Wie aus Inventarlisten allmählich Bibliothekskataloge entstanden, wie der Beginn des modernen Titelblatts die alphabetische Katalogisierung begünstigte und die Geburt der Signatur Büchern adressierbar machte – das bereitet Jochum auf eine Weise auf, die nicht nur Bibliothekare interessieren dürfte. Apropos: regelmäßige Etatzuweisungen, verbesserte Kataloge und effiziente Ressourcenoptimierung führten schließlich im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert zur Ausbildung eines eigenen bibliothekarischen Berufsbildes jenseits des gelehrten Bibliothekars wie es noch Leibniz und Lessing, Hölderlin und Hebbel waren.

 

Gleichzeitig fand die moderne Industrialisierung auch ihren Nachklang in der Bibliotheksarchitektur: weg von den Kuppelsälen, wie man sie aus der französischen Nationalbibliothek oder der British Library kannte, hin zu funktionalen Gebäuden, die sich als Bücherspeicher verstanden, mit von Lagerhallen inspirierten Magazinen.

 

Über die Entwicklung von Gesamtkatalogen, Bibliotheksverbünden und der modernen Fernleihe landen wir unversehens im Internet-Zeitalter, das Bibliotheken in ihrer langen Geschichte eine komplett neue Positionierung abverlangt. Kritisch beleuchtet Jochum die Probleme und Fallstricke der derzeitigen Digitalisierung. Und warnt: die vollständige digitale Transformation unserer kulturellen Überlieferungen ist kein triviales Unterfangen.

 

Zwei Abbildungen, die am Ende des Buches nur zwei Seiten auseinander liegen, lassen die Zeitenläufte zusammenschrumpfen: Ist es ein Zufall, dass wir auf einem Architekturmodell der geplanten neuen Stuttgarter Stadtbücherei das Wort „Bibliothek“ in derselben antiquierten Frakturschrift vorfinden wie auf einem Wegweiser zur altehrwürdigen Admonter Klosterbibliothek?

 

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