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    Geoffrey Batchen: Van Goghs Schuhe

    08.10.2009

    Schuhe, die die Welt bedeuten

    Schuhe? Warum ausgerechnet Schuhe? Wie Vincent van Goghs 1886 entstandenes Gemälde „Schuhe“, das sich heute im Amsterdamer Van Gogh Museum befindet, zu einem der meist diskutierten Werke der Kunstgeschichte werden konnte, zeichnet ein jüngst erschienener, sehr kurzweiliger Essay des New Yorker Kunsthistorikers Geoffrey Batchen nach. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Geoffrey Batchens Essay erscheint anlässlich einer Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, bei der sich tatsächlich alles um jenes scheinbar einfache Bild zweier Schuhe dreht. Was also gibt es über diese Schuhe zu sagen – und was hat so gelehrte Köpfe wie den deutschen Philosophen Martin Heidegger und den amerikanischen Kunsthistoriker Meyer Schapiro dazu angetrieben, sich einen durch mehrere Aufsätze dokumentierten Streit über dieses auf den ersten Blick unprätentiöse Bild zweier Schuhe zu liefern, das noch dazu dem flüchtigen Augenschein nach nicht unbedingt zu den spektakulärsten Arbeiten des großen Malers gezählt werden muss?

    Batchen zeichnet kenntnisreich den durchaus kuriosen Weg der „Schuhe“ in das Gedächtnis der Kunstgeschichte nach, widmet seine Aufmerksamkeit aber vor allem den grundlegenden Positionen der beiden ungleichen Kombattanten in diesem hoch spannenden ästhetischen Diskurs.

    Das Sein des Zeugs

    Als Martin Heidegger 1935 beschloss, van Goghs „Schuhe“ zum Thema einer Vorlesung an der Universität Freiburg zu machen, konnte er kaum ahnen, welch gewaltiges Echo seinen Thesen dereinst beschieden sein sollte: „Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerks fragt nach seiner Wesensherkunft.“ Unter dieser Prämisse betrachtet Heidegger das Kunstwerk – er macht es also zum Gegenstand einer o­ntologischen Kunstbetrachtung. Von der zumindest auf einer ersten Ebene eigentlich semantisch eindeutigen Darstellung zweier Schuhe kommt Heidegger, allerdings ohne Angabe einer bildimmanenten Motivation, zur Beschreibung des harten Schicksals einer Bäuerin auf dem Feld:

    „Solange wir uns dagegen nur im Allgemeinen ein Paar Schuhe vergegenwärtigen oder gar im Bilde die bloß dastehenden leeren, ungebrauchten Schuhe ansehen, werden wir nie erfahren, was das Zeugsein des Zeugs in Wahrheit ist. (...) Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. (...) Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das in der Umdrohung des Todes.“


    Das sind ohne Zweifel tiefe Gedanken, die noch dazu von einem zwar streitbaren aber doch unbestritten wortmächtigen Interpreten dargebracht werden. Mit dem spezifischen, real existierenden Gemälde Vincent von Goghs haben sie indes relativ zu tun. So zumindest argumentierte Meyer Schapiro, nachdem Heideggers Aufsatz 1950 in deutscher bzw. 1964 erstmals in englischer Sprache vorlag. Schapiro mahnt die „Präsenz des Künstlers in seinem Werk“ an, hebt zu großen ikonographischen und literarischen Vergleichsketten an und endet schließlich bei dem Verdikt, van Goghs Schuhe seien ein tief empfundenes Symbol für die spirituelle Wanderschaft ihres Malers.

     

    Wer sind diese Schuhe?

    Der ästhetische Diskurs ist in dieser Hinsicht vor allem ein wissenschaftstheoretischer Streit: Während Heidegger o­ntologische Grundbegriffe auf das Gemälde projiziert, versucht Meyer Schapiro die kunsthistorisch-ikonologische Methodik vor der Vereinnahmung durch die philosophische Ästhetik zu retten.
    Wie sehr allerdings beide die – im Übrigen sowohl kunsthistorische als auch philosophische – Tugend des unvoreingenommenen Fragenstellens vermissen lassen, zeigt eindrucksvoll Jacques Derridas inzwischen ebenfalls kanonischer Essay „Restitutionen. Von der Wahrheit nach Maß“:

    „Was für Schuhe? Was, Schuhe? Wessen Schuhe sind es? Woraus sind sie? Und sogar, wer sind sie? Das sind sie, die Fragen, das ist alles.“

    In seiner scharfen Analyse zeigt Derrida die Unzulänglichkeiten Heideggers und Schapiros auf. Er dekonstruiert ihre Thesen als weitestgehend autobiographische Zeugnisse zweier ohne Zweifel großer Gelehrter. Wie voreingenommen sie tatsächlich dem Gemälde begegnet zu sein scheinen, zeigen schon allein Derridas Fragen nach der grundsätzlichen Beschaffenheit der Schuhe: Könnten es nicht eigentlich auch zwei linke Schuhe sein bzw. warum sind die Schuhe demonstrativ verschieden geschnürt?

    Selbstverständlich kann Derridas Bildbefragung ebenfalls nicht zu einem befriedigenden, d.h. umfassenden Analyseergebnis führen. Auch die – durchaus augenzwinkernd – angebotene Deutung des Gemäldes als „Diskurs über die Malerei“, als „Allegorie der Malerei“ verlagert die semantische Frage nur auf eine intellektuelle Metaebene. Dessen ist sich Derrida jedoch stets bewusst: „Sie (i.e. die Schuhe) sagen: Wir sind die Malerei in der Malerei. Oder weiter: Man könnte dieses Bild betiteln: Der Ursprung der Malerei.“

    Ursprung, das bedeutet auch Anfang. Und so stehen wir nach der Lektüre dieses unterhaltsamen Essays Geoffrey Batchens umrätselt, aber auch etwas klüger wieder am Beginn der Debatte: Schuhe? Warum ausgerechnet Schuhe?

     

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