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Jonathan Spence: Die Rückkehr zum Drachenberg

01.10.2009

Zu viel Geiz

Als die Ming-Dynastie zusammenbrach, konnte man „weder sterben noch weiterleben“. Aus einem luxuriösen Leben stürzte Zhang Dai ins Elend. Nur das Buch, das er noch schreiben wollte, die Geschichte der Ming, rettete ihn. Von GEORG PATZER

 

Die Zeiten waren schwierig, manchmal sogar mörderisch. Über Jahrhunderte hatte die glorreiche Ming-Dynastie regierte, ihren Untertanen Stabilität, eine lange Tradition, einen fest gefügten, beruhigenden Alltag vermittelt, genaue Riten und Gebräuche. Und dann brach sie in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ein fremdes Volk, die Mandschu, übernahm die Macht und verordnete den Chinesen den bis heute bekannten Zopf und ein neues Leben. Tausende mussten fliehen, Tausende verloren ihr Leben.

Als Zhang Dai geboren wurde, bestand die Dynastie schon seit 229 Jahren, und er lebte ein angenehmes Leben. Er war ein vergnügungssüchtiger Adliger, sammelte Laternen, experimentierte mit Schneeorchideen-Tee und Käseherstellung, spielte Langzither, begeisterte sich für Hahnenkämpfe, Fußball und Poesie, Jagdausflüge und Konkubinen. Schließlich machte er sich daran, die Geschichte der Dynastie zu erforschen und aufzuschreiben, mit biographischen Kapiteln über die einzelnen Kaiser, mit Analysen ihre Fähigkeiten und Fehler.

Am Rande der Menschenwelt

Als er 47 Jahre alt war, kamen die Mandschu. Er verlor Heim, Freunde, Familie und sein gesamtes Vermögen. Aber sein noch nicht vollendetes Werk bewahrte ihn vor einem Selbstmord. Drei Jahre lang versteckte er sich in unzugänglichen Bergen:
„Ich konnte weder auf noble Weise sterben, noch wusste ich, wie ich weiterleben sollte. Das weiße Haar wirr um den Kopf, suchte ich mir einen Platz am Rande der Menschenwelt und befürchtete, eines Morgens im Frühtau zu verenden und wie Gras und Zweige zu verrotten.“

Langsam rappelte er sich wieder auf, begann, den Niedergang der Dynastie zu analysieren: Zu viel Geiz, war sein Fazit, weil der letzte Kaiser, statt Geld in die Verteidigung zu investieren, den Soldaten nur noch karge Löhne auszahlen ließ.

In einem lebendig geschriebenen Buch, einem Kompendium einer gewalttätigen, irritierenden Umbruchzeit, prallvoll mit sinnlichen Details beschreibt Jonathan Spence Leben und Werk dieses außergewöhnlichen Mannes, der in vieljähriger Arbeit die grundlegende Geschichte der Ming und noch seinen eigenen Nachruf schrieb, „weil ich glaubte, dass ich meiner Nachwelt doch einiges mitzuteilen hätte, und zwar eine Liste meiner Leidenschaften und Fehler.“ Es ist ein Buch, das mit vielen schillernden Details eine ferne Epoche zum Leuchten bringt, eine unbekannte Zeit, die zwischen Obrigkeitsgehorsam und Auflehnung, Lerneifer und Lust an der Zerstreuung schwankte. Jedenfalls für die, die es sich leisten konnten.

 

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