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    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:10

    Wilhelm Vosskamp: Der Roman eines Lebens

    11.06.2009

    Bildung als Roman

    Der in der Berlin University Press veröffentlichte Essayband Der Roman eines Lebens gibt vor, den Zusammenhang von aktuellem Bildungsbegriff und Bildungsroman zu untersuchen – und liefert dabei doch nur eine lose verknüpfte Zusammenstellung von Aufsätzen des großen Germanisten Wilhelm Vosskamp. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Wer in Deutschland von Bildung redet und dabei zumindest einigermaßen historisch argumentiert, der landet recht schnell beim Bildungsroman – jenem seltsamen literarischen Genre, das in Johann Wolfgang von Goethes 1795/96 erschienen Roman Wilhelm Meister Lehrjahre seinen einsamen Höhe- und gleichzeitig Endpunkt erlebte. Es ist die Geschichte des jungen Träumers Wilhelm, der als Sohn eines Kaufmanns auszieht, die Welt zu entdecken und sich „selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden.“

    Wie kaum eine andere literarische Spielart scheint der Bildungsroman in der Tat eine spezifisch deutsche Variante zu sein, die – vom ersten nominellen Roman dieser Prägung, Christoph Martin Wielands Agathon einmal abgesehen – ihre eigene Dekonstruktion schon mitgedacht hat. Bildung ist vielgestaltig und scheitert bzw. gelingt gerade ob dieser Polyvalenz relativ zufällig. Dies ist die nachgerade triste Lehre, die der Leser aus Höhepunkten der deutschen Romankunst wie Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser und Gottfried Kellers Der grüne Heinrich ziehen kann; ein Modell, das allerdings bereits Goethes Meister zugrunde liegt, der eigentlichen Begründung und gleichzeitigen Auflösung dieses merkwürdigen Genres.

    Das sind die Grundvoraussetzungen unter denen Wilhelm Vosskamps Der Roman eines Lebens startet – denkbare schwierige Bedingungen für eine konzise Studie. Der Untertitel Die Aktualität unserer Bildung und ihre Geschichte im Bildungsroman fügt dem Unterfangen noch eine erziehungswissenschaftliche Komponente hinzu.

    Das alles und noch viel mehr

    Vosskamp, seines Zeichens emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln und profundester Kenner des Bildungsromans, versucht im vorliegenden Band also tatsächlich, das Kunststück zu vollführen, sowohl den Ansprüchen der modernen Erziehungs- als auch den Prämissen der historisch arbeitenden Literaturwissenschaft gerecht zu werden; natürlich nicht, ohne dabei die soziologische Komponente von Bildung aus den Augen zu verlieren.

    Was also auf dem Papier wie ein gefährliches Spiel mit zu vielen offenen Variablen aussieht, gestaltet sich zu Beginn dieses Essaybandes tatsächlich schwierig. Die Grundkonzeption bleibt – wie in jüngster Zeit sooft bei den Essaykompilationen der Berlin University Press – seltsam im Dunkeln. Schon die Titel der ersten drei Kapitel verdeutlichen dieses Dilemma: Bildung ist mehr als Wissen, Biographie und Geschichtsphilosophie und Literatur als Utopie. So hetzt Vosskamp dementsprechend atemlos durch die Sekundärliteratur, zitiert kundig Hegel und Rousseau und arbeitet sich nebenbei an der soziologischen Konzeption des Bildungsbegriffes ab. Dies klingt nicht nur anstrengend, sondern ist es auch.

    Der Roman eines Lebens bietet auf hohem Niveau anregende Gedanken zu so ziemlich allen denkbaren Themen, die um den schwierigen Komplex des Bildungsbegriffs kreisen. Methodisch changiert Vosskamp zwischen kulturwissenschaftlichen, wissenschaftshistorischen und poetologischen Lektüren, ohne dabei jedoch die Sphäre des mit allen Wassern gewaschenen "close readings" vollends aufzugeben.

    Die anfängliche Verwirrung des Lesers weicht spätestens in den dem Wilhelm Meister gewidmeten Kapiteln dem wohligen Gefühl, den Worten eines ausgewiesenen Kenners folgen zu dürfen, der Altbekanntes auch mal gehörig gegen den Strich lesen kann. Zweifelsohne spielt Vosskamp hier seine größten Trümpfe aus, wenn er beispielsweise die Bilderflut der Lehrjahre an zeitgenössische Medientheorien koppelt:

    „In Goethes Romanen offenbaren sprachliche Bilder einerseits ihre pikturale Herkunft, indem sie auf malerische oder zeichnerische Bilder verweisen, oder sie sind literaler, häufig auch mythologischer Natur, insofern sie sich auf in Topoi kristallisierte Motive und Themen beziehen.“

    Auch hier bleibt Vosskamp ganz der Universitätsgelehrte: auf der Höhe seiner Wissenschaft und jede elegante Verknappung seiner komplexen Argumentation meidend wie der Teufel das Weihwasser. Dies muss allerdings kein Nachteil sein. Gerade das zitierte Kapitel lohnt für kunsthistorisch und literaturwissenschaftlich interessierte Leser die Mühen der Lektüre allemal.

    Orientierungslose Orientierungsmöglichkeit

    Trotzdem bleibt nach dem Genuss des Bandes ein etwas schaler Nachgeschmack zurück. Wieder einmal ist es der Berlin University Press nicht gelungen, aus zum Teil hervorragenden Einzelbeiträgen einen stringent argumentierenden Essayband zu machen. Die im Klappentext monierte „Überfülle von Kommunikationsmöglichkeiten“ prägt auch den eigenen Band. Ob das Bildungskonzept der Klassik nun tatsächlich „auch unter den heutigen Bedingungen eine Orientierungsmöglichkeit“ bietet, bleibt dem Leser ebenso unklar wie der Zusammenhang zwischen Bildung und sprachlicher Pikturalität.

    Wer also einen interessanten Essayband sucht, der sich auf hohem Niveau mit den unterschiedlichsten Zugängen zur Gattung „Bildungsroman“ beschäftigt, dem kann Der Roman eines Lebens durchaus empfohlen werden. Wer allerdings – vom Klappentext angezogen – nach einer Studie zum Zusammenhang von Bildung und klassischem Bildungsideal des 18. und 19. Jahrhunderts sucht, der wird hier entgegen aller Beteuerungen nicht fündig. Dass die Gegenwärtigkeit des Bildungsromans nicht anhand neuerer erziehungswissenschaftlicher oder entwicklungssoziologischer Studien abgehandelt wird, sondern anhand des Bildungsbegriffs bei Botho Strauß und Thomas Bernhard, untermauert dies noch einmal eindrücklich.

     

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