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Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent

02.04.2009

Geschichtserzähler

Ein junger deutscher Historiker – ohne Berührungsängste zur Literatur – arbeitet beharrlich daran, die angloamerikanische Tradition der hervorragend erzählten Geschichtsschreibung auch auf Deutsch fortzuführen. Sein neuestes Werk „Der taumelnde Kontinent“ ist die fast perfekte Symbiose von akademischem Wissen und stilistischer Eleganz. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Die angloamerikanische Geschichtswissenschaft kennt seit langem das Erfolgsmodell der gut erzählten populärwissenschaftlichen Abhandlung, die sowohl den interessierten Laien als auch den Fachmann zugleich bildet und unterhält. Die deutschen Kollegen haben sich mit diesem Bestsellergenerierungsprogramm naturgemäß bisher eher schwer getan. Hohes Reflexionsniveau und akribisches Quellenstudium ja, Geschichte für jedermann eher nein – so oder so ähnlich könnte man das Programm der deutschen Universitätshistoriker auf eine knappe Formel bringen, auch wenn es durchaus berühmte und international gewichtige Ausnahmen von dieser Regel gibt.

Philipp Blom jedenfalls ist in der deutschsprachigen Geisteslandschaft ein seltsam anmutender Solitär. Ein nicht einmal mit den höchsten akademischen Würden ausgezeichneter Historiker, der ebenso sehr Literat wie Wissenschaftler ist, der hervorragend schreiben und anspruchsvoll komponieren kann, der aber sein Hauptaugenmerk auf unbedingte Lesbarkeit legt. So geriert sich auch sein neuestes Opus „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“ nicht unbedingt als rein wissenschaftliches Erkenntnisinstrument, sondern vielmehr als anregend vermittelte Geschichtsstunde. Blom schert sich wenig bis gar nicht um methodische Feinheiten, verbirgt das intensive Studium der Sekundärliteratur demütig im Anhang und verarbeitet keine genuin neuen Forschungsergebnisse. Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – ist „Der taumelnde Kontinent“ ein unglaublich frisches Stück deutscher Geschichtsschreibung, das tatsächlich vom Laien bis zum Historiker fast alle Leser zufrieden stellen dürfte.

Hier wird Gender groß geschrieben!

Dies liegt natürlich nicht zuletzt an Bloms stilistischer Brillanz. Er formuliert elegant und gewitzt, vertraut lieber auf die Kraft klarer Aussagesätze als auf schwurbelige Satzungetümer, deren Bedeutung sich ohnehin allzu oft in der fast sprachmagischen Anbetung der Hypotaxe erschöpft. Blom ist aber auch ein blendender Arrangeur seines durchaus beachtenswerten Materials. Er vertraut weder auf die alleinselig machende Stringenz der chronologischen Darstellung noch auf die Segenskräfte der Ordnung nach mehr oder weniger gewichtigen Themenkomplexen. Klug verknüpft er beide Systeme zu einem mosaikartigen Konglomerat von Chronologie und thematischer Ordnung. Das heißt, er gibt den einzelnen Kapiteln, obwohl er sie nach Jahreszahlen ordnet, zusätzliche thematische Leitlinien. So gelingt es ihm, sowohl eine fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung nachzuzeichnen, als auch auf übergeordnete Faktoren aufmerksam zu machen. Dies verhindert eine allzu schematische Sicht auf die kulturgeschichtlichen Umwälzungen der spannungsreichen Vorkriegsepoche.

Dabei hält sich Blom erfreulicherweise an die von Walter Benjamin programmatisch in einem Satz zusammengefasste Methodik der polyperspektivischen Annäherung an den Forschungsgegenstand: „Methode ist Umweg.“ Blom integriert in sein Panoptikum des frühen 20. Jahrhunderts sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze ebenso wie psychoanalytische Generationendeutungen. Immer wieder findet er rollenspezifische Verschiebungen – Gender-Forschung wird hier tatsächlich groß geschrieben. Dieser vor allem für populärwissenschaftliche Gesamtdarstellungen ungewöhnliche Aspekt der großen und kleinen geschlechtlichen Revolutionen der Vorkriegszeit führt zu erhellenden Zusammenhängen und bildet eine unsichtbare Klammer für die einzelnen Kapitel.

Eine kleine eurozentrierte Weltgeschichte


Trotz der immensen Fülle an literarischen, alltagsgeschichtlichen, pikturalen und anderen Quellen bleibt Philipp zumeist auf der Höhe seines Materials, auch wenn ihm einige Schludrigkeiten unterlaufen. Dass der Gelehrte Max Kommerell vom Mitglied des George-Kreises zum von Stefan George kultisch angebeteten – und früh verstorbenen – Jüngling Maximin, mit bürgerlichem Namen im Übrigen Maximilian Kronberger, mutiert, kann man dem Autor aber ebenso verzeihen, wie die kunsthistorisch unhaltbare Behauptung, Kandinskys Durchbruch zur Abstraktion hätte vor allem über vormoderne russische Archaismen geführt. Archaisch mag die bayerische Bergwelt Bayerns zwar vielleicht wirklich sein, aber ganz so vormodern waren München und Murnau – die ohne Zweifel kulturell und motivisch prägendsten Wegmarken der Abstraktion – nun auch wieder nicht.

Trotz solcher kleinerer Schwächen, die kurioserweise vor allem kanonisierte künstlerische Arbeiten betreffen, bleibt „Der taumelnde Kontinent“ eine frische, vergnüglich zu lesende Einführung in die spannungsgeladene Vorkriegsmoderne. Blom weitet entgegen seiner an sich klugen Leitmetapher des ins Wanken geratenen Kontinents den Blick dabei auch auf die Kolonialreiche und das unabhängige Amerika aus, so dass tatsächlich fast so etwas wie eine kleine, eurozentrierte Weltgeschichte entsteht, die jedoch zu keiner Zeit den irrigen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Philipp Blom liefert allgemein zugängliche Geschichtsschreibung auf höchstem Niveau, die trotz ihrer massentauglichen Eleganz nie die differenzierte Betrachtung aus den Augen verliert. Man kann nur hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht.

 

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