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    Montag, 29. Mai 2017 | 17:10

    Peter Michalzik: Die sind ja nackt!

    19.03.2009

    Das Theater muss gar nichts

    Dass Michalzik selbst nicht auf eine „Richtung“ festgelegt ist, erkennt man an der Auswahl der Regisseure, auf die er ausführlicher eingeht. Dabei beeinträchtigt seine kritische Distanz niemals seine Begeisterungsfähigkeit, meint THOMAS ROTHSCHILD

     

    Der Spiegel, oder vielmehr dessen Jungredakteur Tobias Becker, der seine Lehrjahre vorwiegend bei der Frankfurter Rundschau absolviert hat, erkennt in dem Buch „ein hellsichtiges ABC des Gegenwartstheaters, eine kluge Schule des Sehens“. Peter Michalziks Gebrauchsanweisung fürs Theater sei „ein ideales Buch für junge Studenten der Theaterwissenschaft und der Germanistik: Es sollte einen Platz finden auf den Literaturlisten für Erstsemester“. Ein ambivalentes Kompliment.
    Denn was bietet das „hellsichtige ABC“ dann jenen, die übers erste Semester hinaus sind? Den Hinweis etwa, „wo die besten Plätze sind: nicht in der ersten Reihe, sondern mittig in der fünften oder sechsten Reihe, dem ‚imaginären Zentralpunkt des Theaters’, weil da der Regisseur bei den Proben sitzt“. Tobias Becker begeistert diese Erkenntnis. Und der ist eigentlich auch kein Erstsemester mehr.

    Wenn Journalisten Journalisten loben, ist Skepsis angebracht. Man will sich schließlich bei der nächsten Premiere in die Augen sehen können. Vergessen wir die Person und die Funktion des Autors, und sichten wir, was in der „klugen Schule des Sehens“ tatsächlich steht, ob und wie weit das Buch über Plattitüden hinausgeht und ob seine Behauptungen, wenn schon nicht beweisbar, wenigstens plausibel sind.
    Einige Sätze sind so offensichtlich wahr, dass man sich darüber wundern muss, wenn sie nicht längst Konsens sind: „Dummerweise prägt der durchschnittliche TV-Darsteller das Bild des Schauspielers in der Öffentlichkeit nachhaltig. Im Fernsehen ist der Schauspieler heute ein braver, bürokratenhafter Rollenvertreter. Mit dem Schauspieler im Theater hat das nicht mehr viel zu tun.“ Dass selbst dies nicht absolut gilt, belegen Ausnahmen wie Hannelore Hoger oder Rüdiger Vogler. Michalziks Plädoyer für die „lange Aufführung“ – nicht als Prinzip, aber als Möglichkeit – ist sympathisch, die Behauptung, dass es sie nicht mehr gebe, Unsinn. Richtig ist dagegen, dass der Verzicht auf eine Pause nicht nur positive Aspekte aufweist.

    Peter Michalzik spricht zunächst von verschiedenen Schauspielertypen, vom Erlebnis eines Theaterabends für den „normalen“ Zuschauer und den Kritiker, von den Bestandteilen der Bühnenkunst (hier spricht er noch am ehesten zu den zitierten Erstsemestern), von Regiesprachen, die zu Markenzeichen werden, und schließlich von Stücken.
    Er bietet eine Liste von mehr als hundert Schauspielern an, „die auffällig gut sind“, und er gesteht sogleich ein, dass er mit Sicherheit einige vergessen habe, die dazu gehörten. Aber gerne wüsste man, was es zu bedeuten hat, wenn er Heinz und Anne Bennent, Doris Schade, Ilse Ritter, Elisabeth Rath, Traugott Buhre, Gert Voss, Ignaz Kirchner, Kirsten Dene, Rosel Zech, Eva Mattes, Angela Winkler, Barbara Sukowa, Elisabeth Schwarz, Susanne Lothar, Edith Clever, Tina Engel, Jutta Lampe, Libgart Schwarz, Corinna Kirchhoff, Dörte Lyssewski, Cornelia Froboess, Christiane von Poelnitz, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Dieter Mann, Ursula Höpfner, Wolfgang Hübsch, Jule Böwe vergisst, Sylvie Rohrer jedoch dafür doppelt nennt? Das kann doch nicht nur eine Frage des Gedächtnisses sein, zumal Michalzik seinen Zettelkasten (oder muss man heute sagen: seinen Computer) ansonsten ausgiebig plündert.

    Theaterkritik, schreibt Michalzik, dürfe nicht ideologisch sein. Was wäre ideologisch, wenn nicht eben dieser Satz? Zustimmen darf man dem FR-Redakteur wiederum in seiner Abneigung gegen eine Kritik (und gegen Zuschauer, möchte man hinzufügen), die zu wissen glaubt, „wie Theater gemacht werden muss“. Vielleicht sollte man sich ja darauf einigen, dass Aussagen bedenklich sind, die so anfangen: „Das Theater muss…“, „Das Theater hat die Aufgabe…“ Woher kommen diese entschiedenen Vorstellungen davon, was Kunst zu sein habe? Sie muss gar nichts. Und sie darf alles. Schluss der Debatte.

    Dass Michalzik selbst nicht auf eine „Richtung“ festgelegt ist, erkennt man an der Auswahl der Regisseure, auf die er ausführlicher eingeht. Dabei beeinträchtigt seine kritische Distanz niemals seine Begeisterungsfähigkeit. Das jedenfalls spricht für den Autor. Nichts ist so sehr Betrug am Leser wie die Kritik eines Zeitungsangestellten, der seines Berufs im Grunde seines Herzens überdrüssig ist.

     

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