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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 17:03

    Geert Lovink: Zero Comments

    20.11.2008

    Kritik 2.0

    In seinem Buch Zero Comments gelingt es dem Medienwissenschaftler Geert Lovink nur bedingt, Elemente einer kritischen Internetkultur nachhaltig zu begründen. Von JÖRG AUBERG

     

    In der Geschichte beförderte nahezu jedes neue Medium utopische Visionen und enttäuschte sie – nach einem Prozess des Streitens und Kämpfens um die Vorherrschaft – stets aufs Neue. Schon die Entwicklung des Radios in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entlang an kommerziellen, autoritären Linien war nicht vorgezeichnet. Es wäre auch möglich gewesen, dass sich dieses Medium, ehe kommerzielle Networks totalen Besitz von ihm ergriffen, im Rahmen einer partizipatorischen, demokratischen Öffentlichkeit entwickelte. Ein ähnliches Potenzial hatte auch das Internet, das vom anarchischen, wenn auch technologisch fixierten Experiment zum von ökonomischen und politischen Herrschaftsinteressen bestimmten Ausstellungs- und Trainingsgelände mutierte.

    Wellen des Scheiterns

    Der niederländisch-australische Medienwissenschaftler Geert Lovink hat die Entwicklung der Internetkultur vom Zerplatzen der „Dotcom-Blase“ zu Beginn des Jahrtausends bis zum neuen Hype des „social networking“ (das unter dem Schlagwort „Web 2.0“ geführt wird) kritisch als multipler Charakter in Form des Essayisten, Journalisten und Aktivisten begleitet. Nach seinen Studien Dark Fiber (2002) und My First Recession (2003) bilden seine Zero Comments den (vorläufigen) Abschluss seiner Internet-Trilogie. In diesem Band sind recht unterschiedliche Texte versammelt: Prägnante Essays stehen neben akademischen Abhandlungen; journalistische Texte über Erfahrungen der „Neue-Medien-Kultur“ in Europa und Asien werden von theoretischen Erörterungen über Ästhetik und organisierte Netzwerke abgelöst.

    Konservativer Nihilismus

    Herausragendes Herzstück der Sammlung ist zweifelsohne der brillante Aufsatz „Blogging – der nihilistische Impuls“, in dem Lovink dem weitverbreiteten Urteil widerspricht, Blogging sei eine neue Form des „Bürgerjournalismus“. In seinen Augen ist es „ein nihilistisches Unterfangen, weil es die Besitzstrukturen der Massenmedien hinterfragt und attackiert“. Ähnlich wie die Autoren des New Yorker Intellektuellen-Magazins n+1 betrachtet Lovink die Masse der Blogger als ausgelagerte Modultester, die in ihren geschlossenen und selbstreferenziellen Parallelwelten vor allem PR für das eigene Selbst betreiben. In ihrer Blogosphäre gefangen, sind sie realiter nicht fähig, eine oppositionelle Praxis gegenüber den Systemen, Kartellen oder Netzwerken auszuüben. So ist es nicht zufällig, dass die Majorität der Blogger von einem Konservatismus gezeichnet ist, dessen Nihilismus sich vor allem gegen eine systemimmanente Kritik richtet, um die Reihen geschlossen zu halten. Mit ihrer Mischung aus Geschwätzigkeit, Gerüchten, Meinungen und Banalitäten stellen sich die „Blogokraten“ in den Dienst der Affirmation, während ihnen jegliche „Voraussetzungen zu ernsthafter Recherche und investigativem Journalismus“ fehlen, wie Lovink unterstreicht.

    Klopfzeichen der Eingeweihten

    Gegen diesen Essay fallen die übrigen Texte des Bandes mal mehr, mal weniger ab, da ihnen der kritisch-öffentliche Furor fehlt, der über die Kreise der Eingeweihten und vor allem deren Jargon-behaftete Sprache hinausgeht. Der Beitrag über den „Verbleib der deutschen Medientheorie“ ist allenfalls von akademischem Belang, während der Text über die „Internet-Zeit“ eine seltsame Bagatellisierung der Herrschaft der „Zeitklassengesellschaft“ (wie Lothar Baier das Phänomen nannte) betreibt. Zwar präsentiert Lovink alle Argumente gegen die „verführerischen Sirenen der kalifornischen Ideologie“ und die falschen Utopien der „libertären Techno-Prominenz“, doch er selbst blendet die ökonomischen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten in der digitalen Welt weitgehend aus. „Wir brauchen autonome Strategien“, gibt er als Direktive aus: „ein Zeitmanagement des Selbst“, als wäre die Ressource „Zeit“ außerhalb der herrschenden Ordnung in den technifizierten Lebensräumen durch „selbstbestimmte“ Individuen (die mittlerweile im technologisch determinierten System auf die Stufe der „User“ regrediert sind) zu organisieren.

    Einkapselung ins Sterile

    Das Problem der „Reformforderungen“ des sich selbst als Insider stilisierenden Medienwissenschaftlers Lovink ist die Einkapselung in eine sterile Gegenwart der kritischen Postmoderne, in der die üblichen Verdächtigen wie Slavoj ´i¸ek, Jean Baudrillard, Friedrich Kittler oder Marshall McLuhan als Unterstützer seiner Argumentation aufgefahren werden, während linke Kritiker der Vergangenheit in toto als von der Geschichte desavouiert dargestellt und des Kulturpessimismus geziehen werden. Trotz vieler guter Ansätze verliert Lovink in dem Bestreben, „überholte Konzepte“ zu aktualisieren, entscheidende Bereiche aus den Augen, die für eine Physiognomie der Internetkultur innerhalb kapitalistischer Strukturen unabdingbar sind. Kritik in Form von „Updates“ zu verabreichen, ist letztlich einem instrumentellen, technikfixierten Denken verhaftet, dem zunehmend das Gedächtnis und damit die Kritikfähigkeit abhandenkommt, ohne der Dialektik von Statik und Dynamik in den gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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