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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 06:26

    Ulrich Tadday (Hg.): Musik-Konzepte - Frederick Delius

    03.11.2008

    Schöngeistiger Nietzscheaner from England

    Junge Musikwissenschaftler entdecken Frederick Delius für die „Musik-Konzepte“. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

     

    Seit dem Dahingang des Bildungsbürgers und des von notablen Amateuren gepflegten „stillvergnügten Streichquartetts“ ist der musikintellektuelle Diskurs kein Gegenstand allgemeiner Erörterung mehr; auch in den Feuilletons gibt es ihn (im Gegensatz zu Fußballexpertisen) allenfalls noch auf Schwundstufe. Die Musikverlage fördern ihn unzureichend und höchstens im Zusammenhang mit den von ihnen „betreuten“ Komponisten. Es war verdienstvoll, dass der Verlag Text + Kritik einst die Buchreihe „Musik-Konzepte“ ins Leben rief (als Pendant zu ihren Literatur-Publikationen), die mit den Gründer- und langjährigen Herausgeberfiguren Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn rasch Respekt und sogar (Insider-)Ruhm errang. Mit der Zeit und nach weit über 100 vorgelegten Bänden (meistens Monographien über Komponisten, seltener über einen Themen-Fokus) machte sich indes eine gewisse Einseitigkeit der Sujetauswahl bemerkbar, was damit zusammenhing, dass die Herausgeber zumindest von der Moderne nur das gelten ließen und berücksichtigten, was in unmittelbaren Bezug zum Darmstädter Serialismus und zu John Cage zu bringen war. Bei ihren „Musik-Konzepten“ tauchten demnach Namen wie Henze und Britten, aber auch Strauss, Pfitzner oder Korngold, nicht auf. Auch aus Gründen eines Generationswechsels war es mithin nicht unsinnig, als die beiden Legenden des neuen deutschen Musiktheoretisierens die Buchreihen-Stafette (nicht ganz freiwillig) vor fünf Jahren dem jungen Bremer Musikologen Ulrich Tadday übergaben.

    Taddays jüngster „Musik-Konzepte“-Titel gilt denn auch einem Komponisten, der völlig außerhalb des (adornesk bestückten) Horizonts von Metzger und Riehn zu verorten ist. Der Engländer Frederick Delius (1862-1934) ist auf dem Kontinent und in Deutschland überhaupt nicht sonderlich bekannt. Er gehörte nicht zu den Einflussreichen und Schulbildenden. In seinem faszinierenden Personalstil mischten sich nostalgische Elemente einer sehr romantisierenden Schönheitssuche mit „impressionistischer“ Formauflösung, harmonischer Ruhelosigkeit und raffinierter, „emanzipierter“ Klangfarblichkeit. Schon lange vor der vorletzten Jahrhundertwende entdeckte Delius, wohl als erster europäischer Komponist, die Musik der amerikanischen Schwarzen (und integrierte sie in seine Oper „Koanga“). Mit der „Mass of Life“ bot er (noch über Strauss hinausgehend) die ambitionierteste und monumentalste Musikalisierung von Nietzsches „Zarathustra“. Zu diesem mit Abstand extrovertiertesten (Chor-)Werk Delius’ kontrastieren eine Vielzahl lyrisch versonnener, versunkener oder eingesponnener Werke, paradigmatisch etwa die Gottfried-Keller-Vertonung „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Sie ist nicht die einzige Oper, die Delius (einer aus Deutschland eingewanderten Kaufmannsfamilie entstammend) ursprünglich auf Deutsch schrieb. Obwohl also Exponent „britischer“ Musik, ist Delius, der die meiste Zeit seines Lebens außerhalb Englands verbrachte, eher als Kosmopolit und Paneuropäer anzusprechen, jedenfalls als sehr verschieden vom Typus eines glanzvoll-repräsentativen victorianisch-edwardianischen Nationalkomponisten, wie ihn Edward Elgar brillant verkörperte.

    Dem Verschwinden entrissen

    Der umfangreiche Band enthält, ungefähr paritätisch, Beiträge englischer und deutscher bzw. österreichischer Autoren. Kurioserweise wurde das Thema „Delius in der deutschsprachigen Rezeption“ einem Engländer anvertraut. James Deaville erschloss die Rolle, die Delius zu Lebzeiten in Mitteleuropa spielte, aus den verfügbaren Quellen für die aktuellen Bedürfnisse zwar zuverlässig, aber aus den letzten Jahrzehnten lagen ihm offenbar nur Zufallsdaten vor. Aus eigener Anschauung dürfte er die nicht sehr dramatische, aber doch nahezu das gesamte Oeuvre erfassende Delius-„Renaissance“ hierzulande jedenfalls nicht wahrgenommen haben. Die Darstellung wichtiger Aufführungen wie „Fennimore und Gerda“ (von John Dew inszeniert) in Bielefeld oder „Koanga“ in Kassel fehlt. Deaville kann so auch keinen Zusammenhang herstellen zwischen den (Wieder-)Entdeckungen von Schreker, Zemlinsky, Goldschmidt, Schulhoff einerseits, die sozusagen im Zeichen einer doppelten Wiedergutmachung motiviert waren – nach vorangegangener Ächtung als „entartete Kunst“ von Juden und unter dem rigoros avantgardistischen Verdikt als „gemäßigt“ beiseite geschobene Musikphänomene -, und der „nur“ vom mainstream der Moderne verdeckten Originalität, ja Exterritorialität der Delius’schen Musik andererseits. Spannend wäre auch das Nachdenken darüber gewesen, wie jenseits der Materialästhetik eine neue Kompositionspraxis Impulse von bisher wenig genutzten und deshalb vielleicht umso frischeren Seitenströmungen der Moderne erfährt (Wolfgang Rihm oder Manfred Trojahn sprechen zwar kaum von Delius, haben aber ähnlich „abseitige“ Oeuvres wie die von Sibelius oder Pfitzner längst für sich entdeckt).

    Die Befürchtung, dieser Delius-Band, die erste ernstliche deutschsprachige Publikation über den Komponisten seit mindestens einem Dreivierteljahrhundert, habe sich in musikwissenschaftlichen Unzulänglichkeiten verheddert, ist dennoch gegenstandslos. Zwar wäre es schön gewesen, wenn ein Praktiker zu Wort gekommen wäre – etwa der sprachmächtige Claus Helmut Drese, Regisseur der atmosphärisch liebevoll rekonstruierten Oper „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ am Zürcher Opernhaus. Da Musikwissenschaftler oft aus Sekundär- oder Tertiärliteratur zitieren und sie paraphrasieren, haben ihre Texte leicht etwas gulaschartig Laugekochtes und Aufgewärmtes. Autoren wie Rebekka Sandmeier („Frederick Delius’ Brigg Fair und das Englische in der Musik“), Andres Dorschel („Von Nietzsches zu Delius’ Zarathustra“) oder Anthony Gritten („Delius’ Konzerte und der Wert der Vielstimmigkeit“) vertiefen sich aber vor allem in Werke und Werkdetails, ohne sich dabei allzu auffällig in Fliegenbeinzählerei zu verlieren. Einen Hauch von Musikphilosophie atmen einige allgemeiner beleuchtete Gesichtspunkte (Delius’ Naturbegriff bei Julian Johnson, die Idee einer Vokalmusik ohne Worte bei Guido Heldt). Sicher wendet sich der Band vornehmlich an Fachleute, ist also Teil einer kontinuierlichen Gulaschproduktion. Der umfassender interessierte Laie, wenn es ihn denn doch noch gibt (der Erfolg von Ulrich Schreibers gewaltigem „Opernführer für Fortgeschrittene“ ist ein Hoffnungszeichen) kann es aber ebenfalls dankbar begrüßen, dass ein Mann wie Delius der Furie des Verschwindens entrissen wurde. Dem manchmal trockenen und kühlen Zugriff der Musikologen sollte die heiße Liebe eines jetzt besser informierten Publikums auf dem Fuße folgen.

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