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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 16:37

    Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur

    28.02.2008

    Pfadfinderei in "Kritischen Wäldern"

     Ein bauchiger Wälzer von 1200 Seiten der (weitgehend) amerikanischen Germanistik bietet neugierigen Lesern überraschende & aufschlussreiche Einsichten in die deutsche Literatur- & Kulturgeschichte. Ein Buch der Entdeckungen, zu denen deutsche Germanisten kaum fähig wären. Von WOLFRAM SCHÜTTE  

     

    Das dickste Buch, das der von dem ehemaligen Insel- & späteren Dumont-Verleger Gottfried Honnefelder gegründeten Verlag “Berlin University Press“ (bup) in seiner ersten Auslieferung auf den deutschen Markt brachte, war “Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur”. Dabei wäre es bei seinen 1219 Seiten nicht geblieben, wenn man nicht ein Hoch- oder Lexikonformat gewählt hätte für die jeweils 6-8 Kapitelseiten, die 152 (!) Mitarbeiter verfasst haben, von denen nur 23 von deutschen Universitäten stammen; der Rest sind nordamerikanische Germanisten.

    Denn das voluminöse Kompendium ist zuerst in den USA erschienen & gewissermaßen & hauptsächlich ein Spiegel dessen, was von der deutschsprachigen Literatur jenseits des Atlantiks in den dortigen Universitäten angekommen ist und/oder angenommen wurde. Zweidrittel der deutschen Mitarbeiter, hat die Stuttgarter Germanistin Hannelore Schlaffer errechnet, beschäftigen sich mit unserer Literatur vor dem 16. Jahrhundert, was wohl darauf hindeutet, dass die Germanistik der USA verständlicherweise soweit zurück sich nicht buchstabiert. Hierzulande tut´s ja auch kaum einer (der´s nicht professionell muss).

    Aber der “amerikanische” Wälzer über die deutsche Literatur ist auch etwas ganz Neues & Anderes als alle bisherige deutsche Literaturgeschichten, deren jüngste “Die kurze Geschichte der deutschen Literatur” (2002) von Heinz Schlaffer war, der auf den 158 Seiten seines polemischen Großessays nur die Perioden von 1750/1830 und 1900/1950 als weltliterarisch relevante Epochen in der deutschen Literatur ausmachte und den übergroßen Rest davor und danach zur quantité négligeable erklärt hatte.

    Wie ihr deutscher Kollege, der durch den kurzen Prozess, den er mit seinem Fach machte, jedoch seine Kollegenschaft und heutige Lektoren bewusst vor den Kopf gestoßen hatte, haben auch die amerikanischen Wissenschaftler für ihr voluminöses Buch nicht Akademiker & Studierende vor Augen. Sie gehen von der “Vision” eines potentiellen Lesers aus, der “angesichts der internationalen Mobilität, der modernen Buchherstellung, der elektronischen Kommunikation und ethnischen Vielfalt in den großen Städten der Welt (....) aus welchen Gründen auch immer neugierig ist auf deutsche Literatur und Kultur”. Also jemand, der “Werke von Schiller oder Kafka gelesen oder eine Oper von Mozart oder Wagner gehört hat und schon immer mehr über die Tradition wissen wollte, aus der diese Werke hervorgegangen sind“. Oder aber in diesem Log- & Findebuch der deutschen Literatur als Laie ganz einfach “schmökert”.

    Was hier als gewissermaßen von außen, aus anderen kulturellen Kontexten kommendes Interesse angenommen wird, trifft zweifellos auch auf potentielle deutsche Interessenten zu, die als “gebildet“- neugierige Laien gelten könnten und vielleicht sogar anregende Handreichungen erhoffen für (Lese-) Abenteuer, um dann auf eigene Faust etwas zu entdecken, wovon man auch bei uns sowenig durch die Schulweisheit sich etwas träumen lassen könnte, wie auch von den tagesaktuellen Rezensentenempfehlungen dazu ermuntert würde. Wie findet das historisch Gewesene heute noch neue Leser - abseits und jenseits des immer schmaleren kanonischen Bestands? Hier wäre also die Möglichkeit, sich zur individuellen lesenden Retrospektive anstiften zu lassen.

    Das Internet hat sinnvoll Pate gestanden

    Das wäre also der praktische Gebrauchswert dieser “Neuen Geschichte der deutschen Literatur”, die von den “Merseburger Zaubersprüchen“ bis zu W.G. Sebalds letztem Roman “Austerlitz“(2001) reicht und (natürlich) den geläufigen Kanon der Großen Werke & Autoren nicht auslässt, sie aber mit dem weiten (Um)Feld ihrer historischen und politischen Einbettung vernetzt.

    Eine fortlaufende Lektüre von A bis Z ist weder beabsichtigt noch erforderlich; entgegenkommend erwünscht sind eher punktuelle Einstiege, “Probebohrungen“, die man durch die Verweise am Ende der einzelnen Artikel dann zu thematisch verwandten anderen Artikeln ver“linken“ kann. Das Internet hat dabei offensichtlich Pate gestanden.

    Denn das Buch ist gewissermaßen eine Sammlung der deutschen Literatur in Einzeldarstellungen - nur dass es sich dabei nicht um trockene Lexikonartikel zu einzelnen Werken oder Autoren handelt, sondern um eine chronologisch fortschreitende Pointierung von Ereignissen (in einem Jahr, Monat, an einem Tag), an denen sich die deutsche Literatur & Kultur kristallisiert hatte: das kann der Erscheinungstag eines Buches oder eine Erfindung, ein Gerichtsurteil oder eine folgenreiche politische Entscheidung etc. sein, kurzum: kulturhistorisch einschneidende Augenblicke und Wendepunkte von zeit- & entwicklungstypischer Relevanz.

    Dabei wird nicht selten der Charakter einer journalistischen Titelgebung benutzt, um Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken - z.B. “Der Kaiser hat alles im Griff”, “Ein deutscher Mameluck im kolonialen Brasilien”, “Die Nacht der Phantasie” oder “ Das Rätsel der Ankunft“. Andere Titel summieren die unter ihnen beschriebene & verhandelte Problematik: “Dramaturgie des Reisens”, “Eine neue Wissenschaft des Schönen” oder “Der Beginn des modernen Denkens”, “ Der Krieg und die Presse”, oder “Dichtung nach Auschwitz“, “Migranten und Musen“.

    Der entscheidende Grundsatz dieser “neuen Geschichte der deutschen Literatur” richtet sich aber zum einen gegen deren geschlossene, subsumierende Form, der gerade das zum Opfer fällt, was hier Ziel bleibt: die Einzigartigkeit des literarischen Ereignisses innerhalb einer vielfachen Vernetzung unterschiedlicher Bezugssysteme. Weiterhin blickt diese Sammlung von Artikeln weit über den im engeren Sinne literarischen Tellerrand hinaus: in Philosophie, Religion, Geschichte & Politik und die anderen Künste wie z.B. dem Film (“Kino und Expressionismus”, “Photographie, Typografie und Modernisierung des Lesens”, Riefenstahls “Triumph des Willens”), so dass immer wieder Momentaufnahmen der deutschen Kultur- & “Unkultur”- Geschichte entstehen, die eine auf kanonische Höhepunkte fixierte deutsche Literaturgeschichte gar nicht in Betracht gezogen oder entschieden missachtet hätte (wie z.B. Hitlers “Mein Kampf”, als er ab 1936 deutschen Brautpaaren verordnet wurde oder Hannah Arendts Untersuchung der “Elemente der totalitären Herrschaft”, die zwar erst 1951 publiziert, aber bereits 1942/43 konzipiert worden war.)

    Methodenvielfalt & individueller Zugriff

    Schließlich haben die amerikanischen Herausgeber ihre Beiträger “gebeten, im Lichte der eigenen Entdeckungen über das zu schreiben, was sie in einem Werk, bei einem Autor oder Ereignis angesprochen hat”, wobei “der Blickwinkel des thematischen Interesses ihnen überlassen wurde”. Manche sind dabei eng bei ihrem Gegenstand geblieben, andere greifen & holen weiter aus, was in der Regel nutzbringender und interessanter für einen als Leser ist.

    So bietet sich “Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur” als ein methodenvielfältiges, mitunter auch anekdotisches und gelegentlich bizarres Kaleidoskop dar, in dem “Fachleute” versuchen, nicht fachsimpelnd, sondern manchmal sogar im klassischen Sinne essayistisch ihre akademischen Steckenpferde zu reiten. Das gelingt natürlich nicht allen, und manchen gar nicht: teils, weil ihre Gegenstände sehr komplex (oder an sich schon dunkel sind wie J.G. Hamann) oder sie an der eigenen darstellerischen Fähigkeiten scheitern. Auch merkt man gelegentlich den Texten an, dass ihre Übersetzer nicht immer begnadet und manchmal mit den darin verhandelten subtilen Gegenständen nicht vertraut sind und den von den Autoren gewiss intendierten Sinn verfehlen.

    Von Setzfehlern (bei 1219 Seiten!) will ich schweigen - um nach solchen Einschränkungen den spezifischen Reiz, die unbezweifelbare Qualität und animierende Originalität dieses monumentalen und intimen Kaleidoskops von Innen-& Außenansichten der deutschen Literatur (& Kultur!) gebührend zu loben und das für die bundesdeutsche Germanistik beispiellose amerikanische Unternehmen gerade für unsereins nicht-akademische Leser entschieden zu begrüßen & zu empfehlen.

    Nicht nur fügt die überwiegend empathetische Außenwahrnehmung deutscher Literatur & Kultur unserer Selbstwahrnehmung (gesetzt, es gibt sie überhaupt noch) eine informative, innovative Nuance hinzu; sie setzt auch andere Akzente: zum einen durch den unüberhörbaren amerikanischen Resonanzraum, den die Autoren einbeziehen, wenn “Das Cabinet des Dr. Caligari” die “Amerikaner in eine neuen Ästhetik einführt”, die folgenreich sein wird; zum anderen aber auch durch den Blick auf das “erste Auftreten jiddischer Literatur” 1382 (!) bis zu einem “Höhepunkt der jiddischen Renaissance” 1594.

    Das sind Aufschließungen und Entdeckungen, die der deutschen Germanistik auf die Sprünge helfen könnten. Ein ebenso erhellendes, unbekannte literarische Landschaften beleuchtendes Stück liefert z.B. der Beitrag, der von Ferdinand Kürnbergers Roman “Der Amerikamüde” (1855) die “deutsch-amerikanischen Literaturbeziehungen” in den Focus rückt und dabei über deutschsprachige Zeitungsromane der USA (!) informiert, die wie Ludwig von Reitzensteins “Die Geheimnisse von New Orleans”, der 1854/55 nur einmal in der “Louisiana Staatszeitung” erschienen ist, weil die Zensur eine Buchveröffentlichung verhinderte, als gemischtrassige Liebeskomödie mutiger ins “volle Menschenleben” gegriffen hat, als die englischsprachige amerikanische Literatur ihrer Zeit.

    So steckt der bauchige “Wälzer”, zu dessen Pickwickhaftem Umfang viele Autoren nach ihren Kräften und Fähigkeiten beigetragen haben, voller Merk- & Denkwürdigkeiten, die auf neugierige Leser warten, die in diesen “Kritischen Wäldern” auf eigene Faust sich pfadfinderisch aufs Lustvollste ergehen können; und stolpern sie auch manchmal über Wurzelwerk oder tappen sie auch einmal in ein Sumpfstück, so öffnen sich ihnen doch gleich danach wieder schönste Aussichten, die keine deutsche Literaturgeschichte vor dieser “Neuen“ aus Amerika ihnen dargeboten hatte.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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