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    Dienstag, 25. April 2017 | 14:28

    Wilfried Stroh: Latein ist tot, es lebe Latein!

    07.02.2008

    Non vitae, sed scholae discimus?

    Was kann man erwarten, wenn ein emeritierter Professor für Klassische Philologie auf immerhin fast 400 Seiten eine „kleine Geschichte“ der lateinischen Sprache schreibt? Eine wissenschaftlich fundierte Einführung? Sicherlich. Eine spannende, ja gar witzige Lektüre? Nicht unbedingt. Außer natürlich jener Professor heißt Wilfried Stroh. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Wer sich mit Schrecken an seinen Lateinunterricht zurückerinnert und bei den Worten „hic – haec – hoc“ panisch zusammenzuckt, der muss dieser Tage unbedingt Wilfried Strohs „Latein ist tot, es lebe Latein!“ in die Hand nehmen. Zwar wird die Lektüre dieses Buches aus gestandenen Lateinmuffeln sicherlich keine eingeschworene Fangemeinde des elegischen Distichons machen, aber Respekt vor der größten Sprache aller Zeiten wird Stroh wohl auch den hartgesottensten Kostverächtern beibringen können. Ohne Zweifel, der Autor liebt sein Latein. Seine kleine Sprachgeschichte saust rasant von der Antike zur Gegenwart und führt uns in Auszügen nicht nur die Meisterlateiner Cicero und Vergil vor, sondern auch den lateinischen Schulaufsatz eines gewissen Karl Marx. Es ist nämlich nicht die goldene und silberne Latinität, die Stroh am meisten am Herzen liegt, sondern die Sprache an sich: Latein in all seinen Facetten.
    Dies äußert sich schon allein am Fokus seines sprachgeschichtlichen Essays. Zwar tauchen die einschlägig bekannten Namen der lateinischen Literatur – also neben den beiden bereits genannten beispielsweise Horaz, Ovid und Seneca – hier durchaus auf, ihnen wird jedoch bewusst nicht mehr Platz eingeräumt als den späteren Vertretern Franceso Petrarca, Erasmus von Rotterdam oder Jakob Balde.

    Die Totengräber der lateinischen Sprache

    Der etwas befremdlich anmutende Titel des Großessays – „Latein ist tot, es lebe Latein!“ – leitet sich aus einer der pfiffigsten Thesen des Altphilologen ab: So sei laut Stroh der Tod der lateinischen Sprache nicht etwa in der Zeit des Humanismus oder dem Jahrhundert der Aufklärung zu verorten, sondern ausgerechnet in der goldenen Periode der lateinischen Literatur, die untrennbar mit den Namen Cicero und Vergil verbunden ist. Ihr anbetungswürdiger Umgang mit den diversen Facetten der Sprache und das Faible der Römer für bleibende Werke hätten im Prinzip zu einer grammatischen Erstarrung der Sprache geführt, die zwar stets neue künstlerische Großtaten, aber keine grundsätzlichen Änderungen der Sprache an sich mehr erlaubt hätte. Auf der Grundlage dieser These entfaltet Stroh seine weiteren Ausführungen.
    Wer mit dem Tod des Lateinischen argumentiert, verfehlt das Wesen, den Zauber der Sprache. Latein ist seit seinen Hochzeiten eine tote, das heißt nahezu unveränderliche Sprache. Gerade deswegen aber konnte bis weit in das 18. Jahrhundert hinein jede Generation von Dichtern Latein stets aufs Neue im direkten Vergleich mit den Vorgängern entdecken.

    Do you speak Latin?

    Auch dem Vorurteil, Latein sei keine gesprochene Sprache mehr, begegnet Stroh auf Heftigste. Seinen ersten Lateinunterricht hätte er natürlich auf Latein gehalten – und dafür von den Schülern andächtiges Staunen und konzentrierte Stille geerntet. Ein lateinischer Vortrag habe in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gar dem bayerischen Kultusminister Hans Maier sein Amt gekostet. Der Vortrag sei schlichtweg so gut gewesen, dass Franz Josef Strauss, seines Zeichens der damalige Ministerpräsident und ein passionierter Latinist, um seinen Rang als oberster bajuwarischer Römer fürchten musste.
    Latein muss auch gesprochen werden, und das sollten wir nicht dem Vatikan allein überlassen, so lautet das überraschende Fazit des selbst praktizierenden Lateinsprechers. Wohltuend unorthodox ist dabei, dass Stroh nicht allzu viele Gedanken an die altbekannten Argumentationsmuster verschwendet: Latein bilde das rationale Denkvermögen aus, vermittle Schlüsselkompetenzen etc. In Wahrheit ist Latein viel mehr – ein lebendiges Weltkulturerbe, ein weiterhin erlebbares kulturelles Gedächtnis, das auf dieser Erde einzigartig ist. Damit nimmt der Autor auch den in letzter Zeit wieder stärker blühenden neobürgerlichen Phantasien den Wind aus den Segeln. Denn Latein darf sehr wohl von jedem erlernt und gesprochen werden und sollte nicht zum oberflächlichen Distinktionsmerkmal verkommen.
    Strohs Ton ist dabei stets charmant subjektiv, nüchterne Wissenschaftsprosa bietet sein Essay – in diesem Falle ist ein „gottlob“ durchaus angebracht – nicht. Eine amüsantere und kurzweiligere Einführung in die Königin der Sprachen kann man sich derzeit jedenfalls nicht vorstellen. Damit lässt sich auch die Seneca entlehnte Frage der Überschrift eindeutig beantworten: Bei Wilfried Stroh lernt man eindeutig etwas fürs Leben.

     

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