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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 10:54

    Hitler und die Künstler

    28.12.2006

    Pflicht-CD

    Was an Volker Kühns Hörbild erschüttert, ist das alle Vorstellungen überschreitende Ausmaß des mörderischen Opportunismus, und sind die Details, der Wortlaut einzelner Ergebenheitsadressen. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Der Kabarettist Peter Ensikat hat in seinen Erinnerungen zerknirscht bedauert, dass er sich in der DDR nicht mutiger gegen die bestehenden Missstände ausgesprochen habe. Eine vergleichbare Selbstkritik hat man von all den Künstlern, die vor der SS, vor Goebbels, Hitler und Göring aufgetreten sind, die schwiegen, als ihre jüdischen Kollegen in KZs gesteckt und ermordet wurden, nicht vernommen. Warum auch? Die Kollaborateure des Nazi-Regimes waren in der Bundesrepublik Deutschland wie in Österreich ohne Unterbrechung angesehene und geförderte Personen des kulturellen Lebens.

    Volker Kühn nennt sie beim Namen, die Legion der überzeugten Nationalsozialisten unter den Schlagerproduzenten, -sängerinnen und -sängern, unter den Kabarettisten und Alleinunterhaltern, die feigen "unpolitischen" Mitläufer, die ihren Frieden mit den Machthabern schlossen und ihre "belasteten" Freunde von gestern, selbst ihre jüdischen Ehefrauen und Ehemänner dem Messer auslieferten, aber auch die Opfer, die das Land verlassen mussten oder, weil ihnen die Flucht nicht gelang, elend umkamen. Die Doppel-CD über "Hitler und die Künstler" müsste, wenn es dieser Republik mit der demokratischen Erziehung ernst ist, zur Pflichtanhörung in jeder Schule verbreitet werden. Die Unschuld, mit der nach wie vor Heinz Rühmann, Johannes Heesters oder Zarah Leander goutiert werden, wäre danach hoffentlich wenigstens irritiert.

    Manches von dem, was hier erzählt und mit Tonbeispielen illustriert wird, war bekannt, konnte man, wenn man sich nicht dumm und taub stellte, wissen. Was aber an Volker Kühns Hörbild erschüttert, ist die große Zahl, ist das alle Vorstellungen überschreitende Ausmaß des mörderischen Opportunismus, und sind die Details, der Wortlaut einzelner Ergebenheitsadressen. Da kommt mehr als die übliche Eitelkeit zum Vorschein, die Künstlern alles zu erlauben scheint, was Auftritte und Erfolg garantiert. Viele von ihnen haben sich weit über das erforderliche Maß hinaus jenen angedient, deren kritische Beobachtung angeblich das Metier des Kabarettisten ist. Und wie genau selbst scheinbar harmlose Schlager den Zielen der Nazis ins Konzept passten, wird aus diesem vorzüglichen Hörbuch mehr als deutlich.

    Judy Winter und Dietmar Schönherr sprechen den informationsreichen Text in angenehm sachlichem Ton. Die Fakten sprechen für (oder genauer: gegen) sich selbst, sie bedürfen nicht einer kommentierenden Empörung. Und wem am Ende Zweifel kommen, ob es in der Unterhaltung und im Kabarett nach 1945 jemals einen wirklichen Einschnitt gegeben hat - um es in aller Klarheit zu sagen: er hat nicht stattgefunden -, der könnte zu dem naheliegenden Schluss gelangen, dass es in der Politik (nicht zu reden von der Justiz oder der Wissenschaft) kaum anders war, dass sich in der Klein-Kunst die Welt spiegelt. Ermunternd ist diese Erkenntnis nicht. Wer aber vor dieser Wahrheit die Augen verschließt, verhält sich, wenn auch unter weniger heiklen Umständen, also auch bei geringerem Risiko, just wie jene Künstler, von denen Volker Kühns großartiges Hörbild handelt. Das vorbildlich gestaltete Beiheft enthält Kurzbiographien der genannten Personen, ist also nicht weniger als ein Minilexikon zum Thema.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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