Stephen Vizinczey: Die zehn Gebote eines Schriftstellers
05.05.2005
Donnerwetter!
Der kanadisch-britisch-ungarische Schriftsteller Stephen Vizinczey trennt in seinen Essays zur Weltliteratur die Spreu vom Weizen. Manchmal greift er daneben, aber sein polemisches Temperament macht Lesespaß. Von Wolfram Schütte
Temperamentvollere literarische Essays wird man so leicht nicht finden, und schon gar nicht von einem Schriftsteller über seinesgleichen, wie die Aufsätze und Rezensionen des kanadisch-britisch-ungarischen Schriftstellers Stephan Vizinczey. Ebenso erstaunlich wie mutig war es von dem neugegründeten Münchner Verlag SchirmerGraf, den 1933 in Ungarn geborenen, nach dem Aufstand 1956 nach Kanada emigrierten Autor zuerst mit der Auswahl seiner meist polemischen und enthusiastischen Arbeiten zu Autoren der Weltliteratur deutschen Lesern vorzustellen und erst danach seinen internationalen Erfolgsroman In Praise of Older Women (1966!) in einer Neuübersetzung wieder vorzulegen. Gewöhnlicherweise werden nämlich die essayistischen Arbeiten von Romanciers und Erzählern als „Zugabe“ von deren Verlagen herausgebracht, weil man zu Recht vermutet, sie fänden weniger Leser als das Narrative. Vielleicht aber hat die Leidenschaft, mit der Vizinczey für und gegen Autoren in seinen Essays streitet, ebenso „heiß“ auf ihn als Erzähler gemacht, wie die Rolle, die er der Erotik und der Sexualität zumisst bei der Frage über „Wahrheit und Lügen in der Literatur“, wie eine seiner Arbeiten des Bandes Die zehn Gebote eines Schriftstellers (und der englische Originaltitel) heißt, aus dem der deutsche Verlag eine Auswahl getroffen hat. In der Tat geht es dem Ungarn, der in seinem Geburtsland während des Kommunismus als Dramatiker nicht aufgeführt wurde und der erst in der kanadischen Emigration als englisch schreibender Erzähler mit seinen Büchern, wie der Verlag stolz mitteilt, „weltweit“ mit einer Gesamtauflage von 5 Millionen Exemplaren reüssierte: – um „Wahrheit und Lügen in der Literatur“. Damit ist nicht das „Wahrlügen“ gemeint, worunter Mario Vargas Llosa den grundsätzlichen Vertrag zwischen Lesern und Autoren versteht, die Fiktionen als Lüge einer erfundenen Realität für so wahr zu nehmen wie die „wirkliche Wirklichkeit“ des gelebten Lebens. „Wahrheit“ für Stephen Vizinczey bedeutet: „Wahrhaftigkeit“, in der er (neben der „Vitalität“) „die einzige Tugend eines Dichters“ erblickt, der alle seine Kunst und die Kunstfertigkeit dafür aufwenden soll, „sich klar auszudrücken“ bei der endgültigen, mehrfach überarbeiteten Niederschrift seines „tagträumerischen“ Weges, „eine Phantasiewelt zu entwerfen“. Erst wenn Vizinczey hinlänglich „zu wissen glaube, was meine Figuren gefühlt, gesagt, getan haben“, versuche er als Erzähler, „zu berichten, was ich miterlebt habe“. Denn kein Schriftsteller sei in der Lage, auch nur „eine einzige Figur, eine einzige Szene zu erschaffen, die außerhalb seiner emotionalen Reichweite liegt“ – oder um mit dem von ihm verachteten Goethe zu sprechen: „Wenn ihr`s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen.“
Asketisches Programm für literarische Größe
Vizinczeys Beschreibung seines kreativen Aktes gehört zu einem seiner Zehn Gebote eines Schriftstellers, dem er empfiehlt, sowohl nicht eitel, als auch nicht bescheiden zu sein, und nur zu schreiben, „um mit Dir selbst zufrieden zu sein“ und zugleich doch wiederum auch selbst „schwer zufriedenzustellen zu sein“. Dabei solle der Autor weder „London/New York/Paris anbeten“ (also sich nicht an grassierenden Moden, noch an angeblich „richtigen Themen oder richtigem Stil oder was auch immer einem Preise einbringt“ orientieren), noch „kostspielige Gewohnheiten haben“, also nicht nach Reichtum schielen, weil man sich ein für allemal „entscheiden muß: entweder gut zu leben oder gut zu schreiben“. Und um diesem asketischen Programm einer rigiden schriftstellerischen Existenz, die von der eigenen Karriere des mittellosen Emigranten in einer fremden Sprache ausgeht, noch eine Pointe aufzusetzen, verlangt Vizinczey von dem angehenden Schriftsteller: „Du sollst weder trinken noch rauchen, noch Drogen nehmen“ – woran sich allerdings nicht wenige seiner von ihm geschätzten Kollegen (wie Balzac, Baudelaire, Graham Greene, Italo Svevo oder Norman Mailer) gehalten haben, um von Autoren, die er nicht erwähnt, die aber zu seinem Kanon gewiss gehörten, weil sie die „Wahrheiten über unsere Existenz“ rückhaltlos ausgesprochen haben (wie Joseph Roth, Malcom Lowry, Hemingway, Faulkner oder Juan Carlos onetti), jedoch ganz zu schweigen. Nun gut: für angehende Schriftsteller mag dieses Askeseverbot von Rau(s)chmitteln empfehlenswert sein. Aber es gibt noch zwei Gebote des ungarisch-kanadisch-britischen Schriftstellers, die ich noch von keinem anderen (auch nicht von Danilo Kis) empfohlen gesehen habe: „Du sollst ständig jene in Deinen Gedanken haben, die wahrhaftig groß sind“ und „Du sollst keinen Tag vergehen lassen, ohne etwas Großes wiederzulesen“.
Drei Sympathie-Werte
Donnerwetter! Ich gestehe, das hat mir Stephen Vizinczey ungemein sympathisch gemacht, aus mehreren Gründen: 1. Weil er die Zehn Gebote für eine Zeitschrift namens „Writer´s Monthly“ verfasst hat, die ihn um „vernünftige und praktische Ratschläge für Leute“ gebeten hatte, „die im Zweifelsfall noch nicht viel Ahnung vom Schreiben haben“. Der erfolgreiche Schriftsteller hat damit die literarischen Ansprüche für Newcomer so hoch angesetzt, dass er womöglich bloße „Möchtegern-Autoren abschreckt, wie sie die amerikanischen „creative writers“-Kurse en masse in den Literaturbetrieb einschleusen. 2. Weil er damit einen Begriff vom Schriftsteller vor Augen stellt, der dem Beruf die Würde einer hohen Kunst und eines Lebensernstes zurückgibt und vom Schriftsteller die Kennerschaft einer beruflichen Erfahrung verlangt, die sich auf das Eigenstudium der „Großen Meister“ stützt. 3. Weil damit literarische Erfahrung und Erkenntnis von Qualität und Technik an die gelungensten Beispiele der weltliterarischen Tradition gebunden und diese wieder als maßgebliche Meisterwerke der Gegenwart zugesellt werden.
Stephen Vizinczeys literarisches Selbsterfahrungsprogramm – das natürlich auch für Leser gilt – ist mitnichten „akademisch“, kanonisch oder steril, wenngleich primär auf existentiellen Realismus eingeschworen. Jeder möge sich seine alten Meister selbst aussuchen, empfiehlt er seinen literarischen Adepten, rät seinen angelsächsischen Lesern jedoch „eindringlich davon ab, viktorianische Romane zu lesen, die vor Verlogenheit strotzen und mit redundanten Wörtern aufgebläht sind“, womit er wohl vor allem Dickens, Collins und Bulwer Lytton meint. Denn Dickens z. B. habe kein „einziges wahres Wort über Sex gesagt“ und politisch habe er sich „lieber der spießbürgerlichen, selbstzufriedenen Kaufmannskaste seiner Tage angedient“, statt „die Vorherrschaft der besitzenden Klasse, die politische Unmündigkeit der Frauen sowie die häuslichen Tyranneien und Verbrechen des viktorianischen Englands“ bloßzustellen. Nun ja, was den gesellschaftskritischen Dickens angeht, sollte Vizinczey doch ein- oder noch mal Bleakhaus oder Unser gemeinsamer Freund lesen.
Lebensrealismus mit Sex-Erfahrung
Das radikal auf (Lebens-)Realismus und Eros justierte literarische Verständnis des englisch schreibenden gebürtigen Ungarns Stephen Vizinczey hat zwei Säulenheilige. Es sind der Franzose Stendhal und der Deutsche Heinrich von Kleist – und man wird wohl annehmen dürfen, dass er sie im jeweiligen Original lesen kann. Wie könnte er sonst aus Kleists dramatischem Erstling, der Familie Schroffenstein, subtile Passagen zitieren und interpretieren? Beiden Fast-Zeitgenossen widmet er die umfangreichsten, detailliertesten und originellsten Essays zu Werk und Person. Es sind enthusiasmierte Hommagen eines Kenners und Liebhabers, der im Grunde seines Wesens ein Existentialist und Moralist ist wie der Sartre von Das Sein oder das Nichts, der „Stendhal viel und den deutschen Philosophen, die er so ausführlich zu Wort kommen läßt, wenig verdankt“, behauptet Vizinczey. Was seine beiden Lieblingsautoren verbindet, ist ihrem Bewunderer oberste Maxime literarischer Kunst: kein Wort zu viel schreiben und damit, wie Kleist einmal bemerkte, sogar „das zu sagen, was er nicht sage“. Vizinczey geht sogar soweit, den Franzosen- und Napoleonhasser von Kleist und den von den Deutschen angewiderten napoleonischen Offizier Stendhal vergleichbar nahe Empfindungen zuzusprechen, weil sie beide „für Musik, Malerei und Mathematik empfänglich waren“ und ihre soldatischen und Kriegserfahrungen ihrem „Stil seine Entschiedenheit und Schärfe verliehen“ hätten: „Keiner von beiden hielt sich damit auf, Scheinprobleme zu erörtern, und beide schrieben mit der Objektivität des intelligenten Offiziers, der weiß, daß irreführende Informationen tödliche Folgen haben können und es deshalb keinen Sinn hat, etwas anderes als die Wahrheit zu sagen.“
Wovon Stendhal und Kleist erzählen
Vizinczey zitiert Stendhals berühmte Bemerkung in seinem Dankesbrief an Balzac, wonach er seinen Stil am „Code Civil“ geschult habe; und auf Balzacs Kritik, dass er nicht „schön“ schreibe wie Chateaubriand, entgegnete Stendhal, das liege „zweifellos an meiner übertriebenen Liebe zur Logik“. Statt nun aber Heinrich von Kleist mit einer starken Metapher nachzurufen: „Wahrhaftig ist dieser preußische Offizier unter allen Giganten der Weltliteratur derjenige, dessen Stil am ehesten der eines Generals ist“, hätte der kanadische Bewunderer von Kleists Prosa, „in der er ein größerer Dramatiker als in seinen Dramen ist“, besser den „Alleszermalmer“ Immanuel Kant angeführt, der für Kleists episch-erzählerischen Periodenbau so prägend war, wie für Stendhal der Code Civil und seine Liebe zur Logik. Zwar „erzählt uns Stendhal, wie Menschen sich verlieben“, während uns Kleist „erzählt, wie Menschen zu Mördern werden“, aber Vizinczey wird trotz dieser existentiellen Differenz zwischen dem französischen Enthusiasten des Glücks, dessen Quelle in der rückhaltlosen Empfindung von starken Gefühlen liegt, nach deren Bild er die Welt noch einmal in seinen Romanen und autobiografischen Schriften erschaffe, und dem „klassischen Autor im griechischen Sinne des Wortes“, der „Schicksalhaftes und Charakteristisches als dramatische Einheit zusammenschmiedet“, nicht müde, diese beiden „an die Grenzen der Leidenschaften, des Willens und der Fähigkeiten gehenden“ Autoren als komplementäre Säulenheilige einer „wahrhaftigen“ Kunst zu sehen, „die unsere Finger verbrennt“, weil sie ihre „emotionale Reichweite“ grenzenlos ausdehnen. Balzac, diesen „Shakespeare des Romans“, stellt Vizinczey mit seinen Tolldrastischen Geschichten und den Verlorenen Illusionen, den „ergreifenden“ Gérard de Nerval, der in seiner Erzählung Aurélia vom „Rande des Wahnsinns“ berichtet oder Nikolai Gogol, bei dem „alles absurd und dennoch verständlich – verständlich, aber dennoch absurd ist“: – sie stellt er Stendhal und Kleist zur Seite.
Thomas Mann, von dem er allerdings nur eine Briefsammlung rezensiert, findet seine Nachsicht, weil er nach Stefan Zweigs Selbstmord an dessen erste Frau schrieb: „War er sich keiner Verpflichtung bewußt gegen die Hunderttausenden (...), auf die seine Abdankung deprimierend wirken mußte?“ Thomas Mann messe hier „menschliches Tun an der Wirkung, die es auf andere hat“, und darum wird ihm von Vizinczey „eine epische Auffassung des Lebens“ attestiert, die „auch die einzig moralische ist“. Zwar sieht er auch einen „Schatten“ auf Thomas Manns „strahlendem Schicksal“ liegen: dessen Abhängigkeit von seinen Bewunderern. Aber „als Liebling der Mächtigen und Einflussreichen bewies Mann weit mehr Integrität als Goethe“, schreibt Vizinczey und kommt damit auf den „Weimarer Dichterfürst“ zu sprechen, den er wie keinen zweiten Autor am tiefsten als Mensch und Autor verachtet – einmal abgesehen vom „akademischen Spießertum“, das Rousseau „auf den Kopf spuckt“, Gogol auf seinen „Kriechgang“ herabziehen will oder in der Person des französischen Literaturpapstes Saint-Beuve dessen Eitelkeit, Feigheit und Konformismus als Zeitgenosse Stendhals, Balzacs oder Baudelaires geißelt, die er missachtete, unterdrückte oder verriet.
Der Speichellecker Goethe und sein denkwürdiger Faust
Aber am schärfsten geht Stephen Vizinczey mit Goethe ins Gericht, dessen „Ruhm stets viel mit seiner Ehrfurcht vor der Macht zu tun hatte“ und der ihm das „beste Beispiel für einen Künstler ist, der Verrat an sich selbst begangen hat“. Goethe, dekretiert er, „hatte das Talent eines großen Dichters, doch den Charakter eines Speichelleckers“. Ohne es zu ahnen, schließt er sich damit Ludwig Börnes Polemik an, der als radikaler Republikaner des Vormärz immer wieder gegen den „Fürstenknecht“ angeschrieben hatte. Vizinczey stützt sich bei seinem vernichtenden Urteil über Goethes Charakter aber auf die Forschungsergebnisse Daniel Wilsons, der mit einem missliebig beachteten Buch 1999 die 250. Jahrfeier von Goethes Geburtstag in Deutschland vorübergehend gestört hatte. Der amerikanische Germanist Wilson stellte aufgrund seiner Recherchen im Staatsarchiv von Weimar den Freund und Minister Herzog Karl Augusts als einen mitleidlosen Machtmenschen und Polizeiminister dar – gewissermaßen ein verschwiegener Vorläufer des Stasi-Generals Ernst Mielke –, der insgeheim sogar seinen Freund Schiller überwachen ließ. Als Person, die sich willig zensieren ließ, hätten ihm (laut Vizinczey) „moralische Courage“ ebenso gefehlt wie „starke Gefühle“. Der Faust z. B. stecke „voller verblüffender Szenen und herrlicher Verse“, erzähle aber „eine niederträchtig falsche Geschichte“, nämlich: „man könne mit dem Teufel paktieren, übelste Taten begehen und doch ein edler Mensch bleiben und am Ende den Sieg davontragen“ und das habe „mehr mit der Unterstützung des Bildungsbürgertums für Hitler zu tun als sämtliche Werke von Nietzsche zusammen“.
Vizinczeys Problemzonen
Das ist, trotz aller polemischen Verkürzung, dann doch ein erstaunlicher und bedenkenswerter Gedanke über die moralische Seltsamkeit unseres Nationalepos´ – im Lichte unserer Geschichte. Erst recht sind dem Erotiker (und deshalb Frauenverehrer) Vizinczey Goethes Römische Elegien und sein Tagebuch-Gedicht „selbstgefällig“ und „verlogen“ suspekt, ganz zu schweigen von Goethes abfälligem Umgang mit Christiane Vulpius. Den Werther allerdings heute als „unlesbar“ zu erklären, weil dessen Autor zur Zeit der Niederschrift angeblich noch keine sexuellen Erfahrungen gehabt habe, ist natürlich schlichter Unsinn und deutet Kurzschlüssigkeiten in Vizinczeys genitalistischer Urteilsfindung an. Nicht nur Goethe ist in den Augen des engagierten Moralisten, der empirische Person und Kunstwerk engführt, wegen seiner „kunstvollen Vermengung von Wahrheit und Heuchelei“ ein „korrumpierter Schriftsteller“, der „geistige Trägheit bei Lesern weckt“. Auch Gregor von Rezzori wird wegen eines mittlerweile längst vergessenen, wohl aber im Angelsächsischen einst hoch gelobten Romans als „hirnlos und hinterhältig“ charakterisiert und der Autor von Lolita als „großer Lügner“ denunziert. Weil Nabokov nicht „die hellsichtige Objektivität in Dingen wahren kann, die ihn aufs höchste faszinieren“, sei er ein Pädophiler gewesen, der „die große Lüge“ literarisch verschönte, wonach „der Kinderschänder“ Humbert Humbert „die sensibelste, eindruckvollste Person in der Geschichte des Verbrechens ist“.
Jetzt wird’s mulmig oder der blinde Fleck des Moralismus
Spätestens hier wird es einem etwas mulmig zumute, wenn nicht gar schon vorher, als Vizinczey von den „besten menschlichen Instinkten und Gefühlen“ spricht, die durch „lügnerische Literatur“ beleidigt und „geschwächt“ würden. Man sieht sich dabei nicht einmal so sehr an den sozrealistisch verkümmerten Georg Lukacs erinnert, dem Vizinczey, der ihn wohl persönlich gekannt hat, seine „Zwielichtigkeit“ nachsieht, weil er „allerhand wiedergutmachende Leidenschaft für die Meister der realistischen Literatur“(!) bewiesen habe. Eher muss man an die gleichlautenden, pauschalen Hasstiraden eines Schdanow, des stalinistischen Kultureinpeitschers, denken, wenn der Moralist in seinem Eiferertum mit seinen eigenen „starken Gefühlen“ für seine geliebten „Meister“ übers kritische Ziel hinausschießt. Vizinczeys empörte Verachtung für kleinlaute, „prätentiöse“ oder politisch-gesellschaftlich opportunistische Autoren in allen Ehren; aber seine existentialistisch-moralistische Durchmusterung des weiten Feldes der Literatur und ihrer Autoren hat ihren großen blinden Fleck, wo sich der literarische Prozess vom lebensrealistischen Existentialismus entfernt, den der Autor favorisiert. Das wird in seinem empörten Verriss von Herman Melvilles postumem Billy Budd ebenso schmerz- wie auch fast lachhaft deutlich, weil er mit der komplexen Deutungs- und Interpretationsambivalenz dieser Erzählung nichts anzufangen weiß. Wenn er an seine Verstehensgrenzen stößt, versauert sein Moralismus zum schrillen Ressentiment, und der entschiedene Verteidiger der Freiheit, des Mutes und der Wahrhaftigkeit wird pfäffisch, anmaßend und dumm. Aber wo der Schuster bei seinem Leisten bleibt, kann man, gerade auch als Bewunderer von Stendhal und Kleist, von seinem Enthusiasmus, seiner Intelligenz und seiner polemischen Verve entzückt sein. „Wahre Größe ist wie die Unendlichkeit; wir können sie nicht ermessen“, beginnt Vizinczey seinen Stendhal-Essay. Wahrlich, es gibt noch Größen der Literatur, die jenseits seines Ermessensspielraums zu Hause und zu entdecken sind, wohl aber nicht von ihm.
Wolfram Schütte
Stephen Vizinczey: Die zehn Gebote eines Schriftstellers. Essays zur Weltliteratur. Aus dem Englischen von Melanie Walz und Bernhard Robben. SchirmerGraf Verlag 2004. Gebunden. 282 Seiten. 22,80 Euro.
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