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Van Bo Le-Mentzel: Hartz IV Moebel.com

30.11.2012

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. Erschlagen von so viel Nachhaltigkeit und Menschenfreundlichkeit wagt VIOLA STOCKER sich an Hartz IV Moebel.com und freut sich über so viele neue Möglichkeiten in der Welt des Selbermachens.

 

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das sich Van Bo Le-Mentzel in seinem DIY-Buch vorgenommen hat. Tausenden Menschen, so zu lesen in der hochtrabenden Einführung, will er Arbeit verschaffen, ohne eine Überproduktion entstehen zu lassen. 2010 hat er seine Idee mit dem provokanten Namen »Hartz IV-Möbel« ins Leben gerufen, um sich selbst und die Menschen um ihn herum etwas mehr zu erden und der Globalisierung etwas entgegensetzen zu können. Von Anfang an hielt er seine Arbeit transparent, öffentlich und kostenlos, was ihm viele Fans verschaffte, seine »Crowd«, die auch an der Entstehung des Buches beteiligt ist.

 

Van Bo Le-Mentzel
Foto: Hatje Cantz Verlag Van Bo Le-Mentzel
Foto: Hatje Cantz Verlag

Bauhaus für alle

Durch reinen Zufall, so Le-Mentzel, entpuppten sich seine Möbelentwürfe als Bauhaus Nachfolger. Wirklich Zufall? Fakt ist, dass Van Bo mit seinen klaren, reduzierten Möbelstücken genau den Zeitgeist der Menschen trifft, die ansonsten bei IKEA oder VITRA einkaufen würden – je nach persönlichem Vermögen. Deshalb sprechen die Sessel und Stühle jeden so schnell an und auch deswegen ist der Nachbau überhaupt möglich. Le-Mentzel erklärt in einem vorangestellten Interview ausführlich, weshalb er welches Möbelstück wie konstruiert hat und dann darf der Leser sich auch schon an Hammer und Säge wagen.

 

Alle Möbel, vom 24-Euro-chair über den Berliner Hocker, den Kreuzberg Stuhl oder die Neon Hearts Lamp sind detailliert, aber schlüssig erklärt mit genauen Angaben zu Bauzeit und Kosten. Damit der Heimwerker alles im Blick hat, kann man das Buch lochen und aufhängen wie einen Kalender und um niemanden zu verschrecken, sind stets Schwierigkeitslevel angegeben. Hier kommt auch der Haken: einige Stücke sind durchaus anspruchsvoll nachzubauen, z.B. der Kreuzberg Stuhl, Berliner Volkshochschulen bieten deshalb bereits entsprechende Kurse an und selbst der Autor hat vor seinem Buch einen solchen Kurs besucht. 

 

Hartz IV Wohnung
Foto: Hatje Cantz Verlag Hartz IV Wohnung
Foto: Hatje Cantz Verlag

Geben und nehmen

Um das Ganze maximal transparent zu halten, gibt es einen großen Fototeil, in dem alle, die bereits Möbel aus der Hartz IV-Kollektion nachgebaut haben, mit Bild vorgestellt werden. Auch das gehört zum Plan: möchte man Baupläne von Van Bo Le-Mentzel haben, muss man dafür ein Stück seines Lebens zurücklassen in Form von Fragebogen und Fotos. Er nennt das Karma Economy, Geben und Nehmen, eine Art »Win-win situation«. Seine Crowd, die Menschen, die seine Möbel gebaut haben, machten Van Bo bekannt, sodass ein Buch entstehen konnte. Le-Mentzel beruft sich mit dieser Philosophie auf Globalisierungskritiker und Nachhaltigkeit.

 

Für alle, die selbst in Van Bo Le-Mentzels Fußstapfen treten möchten, gibt es schließlich ein »Social Design Manifesto«, in dem erklärt wird, wie man sich eine große Crowd und massenweise Karma selbst bescheren kann. In sieben Schritten wird der Weg zu einer Art Corporate Identity für jedermann geebnet.

 

Die Möbelentwürfe sind wirklich schön und definitiv nachzubauen – vorausgesetzt im jeweiligen Haushalt ist Platz und Bedarf vorhanden. Ein nerviger Nachteil an dem zweisprachig verfassten Buch ist leider die schlechte deutsche Version, wer kann, liest am Ende lieber die weniger holprige englische Fassung. Für alle, die sich nicht für ihr Karma oder Karma Economy interessieren, sind die Textteile vergeudete Zeit, nur 44 Seiten befassen sich mit den Entwürfen direkt. Dafür könnte man aber, wenn man will, eine ganze Wohnung mit Van Bo Le-Mentzels Entwürfen einrichten und das für einen sehr geringen Preis, nämlich 1400 Euro. Letztendlich geht es vor allem darum, die Leser zum Konstruieren zu bringen. Build more, buy less!

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