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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:30

    Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit

    23.11.2012

    In der »Lebensschule«

    Alain de Bottons entdeckerische Essays über die Freuden und Mühen der Arbeit.

     

    Von WOLFRAM SCHÜTTE 

     

    Der Titel Freuden und Mühen der Arbeit klingt »pfäffisch«, zumindest nach Calvinismus, der einem die Last, sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, als eine existenzielle Lust einreden will.

     

    Dabei sollte man doch bei Alain de Bottons Buch eher an A Toast to the working people der »Rolling Stones« denken. Auf Anhieb jedenfalls scheint der ungewöhnliche Titel eher einen Käufer abzuschrecken – & würde ihn dann doch um eines der originellsten Leseabenteuer des Augenblicks bringen.

     

    Erzähler von Graden

    Der 1969 geborene englische Autor mit dem französischen Namen lebt heute in London. Seine Bücher erscheinen in 25 Ländern, teilt uns der Klappentext des von Bernhard Robben übersetzten Buchs mit, ebenso auch, dass de Botton 2008 in London eine »School of life« gegründet hat, über die es in Wikipedia u.a. heißt, sie biete in Abendkursen eine Reihe von Programmen und Dienstleistungen an, die sich damit beschäftigen, wie man »weise« und »gut« lebe. Das klingt nach einer Philosophischen Akademie. Der vielseitige Autor hat so unterschiedliche Bücher geschrieben wie u.v.a. Religion für Atheisten, Wie man richtig an Sex denkt, Eine Woche in Heathrow oder Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Zweifellos ein breites thematisches Spektrum!

     

    Wer nun de Bottons Freuden und Mühen der Arbeit liest, wird schnell bemerken, dass der offensichtlich »sehr britische« Autor wie ein sehr guter Journalist seine Themen bis in die verborgensten Winkel erforscht, um sich Fachkompetenz zu verschaffen, aber dabei sein Philosophen-Licht nicht unter den Scheffel stellt. Alain de Botton ist ein begnadeter Essayist, der alles, was ihn literarisch affiziert & interessiert, wie ein leidenschaftlicher Ethnograph die Terra incognita fremder Welten, durchforscht & beschreibt, um es sich zu erklären & anzueignen. Als sein Leser wird man von ihm auf seine essayistischen Erkundungen mitgenommen. Weil der Autor auch ein Erzähler von Graden ist, lässt man sich diesen lesenden Aufenthalt in seinem Windschatten gerne gefallen.

     

    Der turbulente Weg eines erlegten Thunfischs

    Die Idee zu dem Buch mit 10 Essays, die sich so absonderlichen Themen wie z.B. Logistik, Keksproduktion, Berufsberatung, Energieübertragungstechnik oder Wirtschaftsprüfung widmen, sei ihm, schreibt der Autor in seinem ersten Beitrag, beim Beobachten des Shipspottings an der Themsemündung gekommen, wo er auf Männer traf, die just for fun Ozeanfrachter beobachten. Diese Männer, die dort verfolgen, wie Frachter aus aller Herren Länder eintreffen & dann an der Hafenpier entladen, ihre Güter in riesigen Lagerhallen gehortet & nach logistischen Plänen über die gesamte Britische Insel auf Lastwagen verteilt & zuletzt konsumiert werden, haben ihn motiviert, »eine« mehrstimmige »Hymne auf die Vielfalt, Eigenart, Schönheit und die Schrecknisse moderner Arbeit anzustimmen« und von (globalisierten) Lebensbereichen der Spezialisierung (Pareto) und »Entfremdung« (Marx) zu berichten, denen wir zu wenig oder gar keine Aufmerksamkeit widmen.

     

    »Wie unwissend sind die meisten von uns«, ruft der Autor aus, »umgeben von Maschinen und in mitten von Arbeitsabläufen, von den wir eine nur höchst ungefähre Kenntnis haben; wir, die wir nichts über Portalkräne und Großraumfrachter wissen, für die Wirtschaftliches nur ein Reihe von Zahlen ist, die jedes genauere Studium von Schaltanlagen, Weizenlagerung und jede nähere Bekanntschaft mit den Fertigungsabläufen bei der Herstellung von hochfestem Stahl vermieden haben.«

     

    Sein Buch hat de Botton zusammen mit dem Fotografen Richard Baker konzipiert. Die engste Verbindung des Schriftsteller mit dem Fotografen ist in einer Fotoreportage zu sehen, in der en detail der turbulente Weg eines im Indischen Ozean bei den Malediven erlegten Thunfischs bis zu dessen Verzehr in einer englischen Familie in Bristol 52 Stunden später dokumentiert wird.

     

    In anderen seiner Erkundungen von reizlosen Industrielandschaften, riesigen Hallen und Zweckbauten – gewissermaßen literarischen Parallelaktionen zu W.G. Sebalds westenglischen kulturhistorischen Streifzügen in dessen Ringen des Saturn – besuchen der Autor & der Fotograph Großfirmen, die Kekse herstellen, oder ein internationales Unternehmen, das Wirtschaftsprüfungen vornimmt oder in der Berufsberatung arbeitet. Einmal wandert er mit einem Ingenieur eine Fernleitung ab, immer orientiert an den riesigen Leitungsmasten in der Landschaft: eine kuriose Orientierung für eine Reise in Raum & Zeit. 

     

    Wunderlich wie wundervoll

    Der britischen Neigung zum Exzentrischen geht de Botton bei Besuchen einer Erfindermesse nach, wo er dem »Unternehmertum« einen ironischen Kranz windet, oder er besucht die Luftfahrtausstellung von Le Bourget nahe Paris & einen Flugzeugfriedhof in der kalifornischen Mojave-Wüste. Angesichts der dort vor sich hinwesenden, teilweise ausgeweideten Flugzeugwracks stimmt Alain de Botton noch einmal sein Hohes Lied auf die »Freuden und Mühen der Arbeit« an, in der er »neben der Liebe den wichtigsten Quell für die Bedeutung des Lebens« sieht. »Es fällt schwer, an den Tod zu denken, wenn es Arbeit zu tun gibt«, behauptet er. Die Arbeit zerstöre zu unserem Glück unser »Gefühl für die Perspektive», lautet de Bottons Begründung für die existenzielle Notwendigkeit von Arbeit im menschlichen Leben:

     

    »Arbeit verwehrt es uns ihrem Wesen nach, sie anders als allzu ernst zu nehmen«. Sie erlaube uns, auf einer Vielzahl von Hochzeiten zu tanzen, und dass sie uns den »Gedanken an den eigenen Tod und das Ende unserer Unternehmungen mit einer solchen Leichtigkeit ertragen lässt, als handele es sich dabei um ein intellektuelles Gedankenspiel, dem wir uns hingeben, während wir nach Paris fahren, um Maschinenöl zu verkaufen«, offenbare die »pure Energie der Existenz«. Erst »diese notwendige Kurzsichtigkeit erlaubt es uns zu funktionieren«, will sagen: schützt uns vor der Depression im Hinblick auf die Endlichkeit unseres Lebens, das die Bibel mit dem trostlosen Satz »Alles ist eitel« ausgedrückt hat.

     

    Wer dieses ebenso wunderliche wie wundervolle Buch gelesen hat, wird seine philosophische Begründung von Arbeit für unser alltägliches Leben als die zentrale »Arbeitsweisheit« in der Lebensschule Alain de Bottons verstehen. »Tätigsein« war schon für Goethe das Wichtigste im Leben. Umso wichtiger & lebensbeglückender ist aber eine sinnvolle Tätigkeit beim Arbeiten

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