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Alfred van Cleef: Die verborgene Ordnung

12.10.2012

Kunstvoll rund wie die Null

Die Null ist eine faszinierende Zahl, weil sie keine ist. Sie ist ein willkürlich gesetztes Zeichen für etwas ohne konkreten (Zahlen-) Wert. Was passiert eigentlich, wenn man eine ebenso willkürlich über den Globus gezogene, unsichtbare Linie als Reiseroute wählt? Davon erzählt in seinem neuen Buch Die verborgene Ordnung. Eine Reise entlang des Nullmeridians der niederländische Journalist und Reiseschriftsteller Alfred van Cleef. Von PIEKE BIERMANN

 

Die Null ist eine mysteriöse, gefährliche Zahl. Die Angst, dass im Moment der Jahrtausendwende Y2K Computersysteme versagen, Flugzeuge abstürzen, Züge stecken bleiben, bloß weil das binäre Rechensystem mit der Null nicht klarkommt, sitzt vielen noch heute in den Knochen. Die Null fasziniert, weil sie gar keine Zahl ist. Sie ist nur ein willkürliches Zeichen für etwas ohne konkreten (Zahlen-) Wert. Ein Lückenfüller aus Indien, vermutlich inspiriert vom babylonischen Sexagesimalsystem (nach dem wir heute noch Zeit und Winkel berechnen), die O-Form vielleicht abgeleitet vom griechischen oudén (»nichts«). Ein Artefakt, weit östlich von Europa erdacht zur besseren Beherrschung der Natur durch Berechnung der Planeten. Elementar für die Ordnung der Welt in Zeiten und Räume. Und schließlich conditio sine qua non für die erste Form der Globalisierung, lange bevor das Wort aufkam: Der weltweite Handel ist ohne Dezimalsystem nicht denkbar. Ein Paradox obendrein – wer eine Null ist, zählt nichts, aber jede Zahl, hinter der eine Null steht, wird zehnmal größer.

 

Ordnung und frühe Freud´

Alfred van Cleef wächst auf in einem Stadtteil »aus rechteckig angelegten Straßen«. Er inszeniert Straßenverkehr auf dem Teppich und verspürt schon als Kind einen »unaufhaltbaren Ordnungsdrang«. Weshalb ihn alles »Chaotischere«, die Ränder seiner allmählich wachsenden Welt magisch anziehen. Er wird erst manischer Sammler von Karten und Plänen, dann Reporter, reist über den Globus und beobachtet und berichtet, wie es wo um Ordnung und Chaos, zum Beispiel durch Krieg, bestellt ist.

 

Alfred van Cleef
Foto: privat Alfred van Cleef
Foto: privat

So jemand muss eines Tages ein Buch schreiben, dessen erstes Kapitel die Zählung 0 und den Titel Null hat und das von einer Reise entlang eines heute fast absurd willkürlich wirkenden Artefakts namens Nullmeridian erzählt: Jener imaginären Linie zwischen Nord- und Südpol, die 1884, in den Glanzzeiten des Weltmeere und -handel beherrschenden British Empire, gezogen wurde und nicht nur Greenwich zum Zentrum der Weltzeit machte, sondern auch definierte, wer »im Osten« und wer »im Westen« wohnt. 

 

Der unsichtbare Pfad

Der Nullmeridian zerteilt Flüsse, Wüsten, Dörfer, Städte und Straßen, sogar einzelne Häuser. Zum Glück, ohne dass deren Bewohner schizophren werden, bloß weil sie ein Ost-Schlafzimmer und eine West-Küche haben, oder umgekehrt.

 

An manchen Orten wird der Nullmeridian mit Denkmälern gewürdigt und anderweitig gefeiert. In London zum Beispiel, wo das Königliche Observatorium in Greenwich vor gut 150 Jahren zum Referenzpunkt erklärt wurde. Zu sehen ist er – natürlich! – nirgends. Er ist ein unsichtbarer Pfad, der eine verborgene eurozentrische Weltordnung markiert. Und er führt nur zum kleineren Teil und ausschließlich auf der nördlichen Halbkugel über Land: vom Städtchen Tunstall in Yorkshire bei 53°46' nördlicher Breite, wo die Klippen langsam in die Nordsee bröckeln, durch England, Frankreich, Spanien, Algerien, Mali, Burkina Faso und Togo bis in die künstlich erweiterte Hafenstadt Tema bei 05°37' nB, in Ghana am Atlantischen Ozean kurz vorm Äquator. Boden unter die Füße bekäme man erst 8.400 Kilometer weiter südlich, im antarktischen Neuschwabenland: Eisboden.

 

Alltag und Geschichte(n)

Eines Augusttages zieht van Cleef mit Rucksack, GPS-Navi und Satellitentelefon für Notfälle los. Er beobachtet und berichtet, was alles so am Wegesrand liegt und wer dort wohnt. Wie leben die Menschen, was tun, was essen sie, wie machen sie sich (und ihm) das Leben schwer – bürokratisch, kriegerisch zum Beispiel. Er trägt immensen Recherchestoff zusammen, um die in den vielen Geschichten der Menschen verborgene Menschheitsgeschichte herauszudestillieren. Und gleichzeitig bekommt man beim Lesen eine Ahnung von der Winzigkeit aller Menschenordnung gegenüber der Natur, der Macht des Meeres zum Beispiel: »Was in Tunstall von den Klippen ins Meer gespült wurde, kam in Tema als Hafenerweiterung wieder hinzu.«

 

Van Cleef, von Marlene Müller-Hass glänzend übersetzt, ist ein wunderbarer Erzähler. Seine Reise entlang einer ebenso fiktiven wie realitätsmächtigen Route ist ein Meisterstück reflektierter Abenteuerliteratur und selbst ein faszinierendes Artefakt. Und der Bogen, den er am Ende gespannt hat, ist nicht nur kunstvoll rund wie die Null, sondern ein Paradox für sich: Er hat etwas Tröstliches. 

 

 

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 14. August 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

 

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