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Klaus Stanjek: Die Babelsberger Schule des Dokumentarfilms

05.10.2012

Wir bauen uns was Echtes

Der von Klaus Stanjek herausgegebene Band Die Babelsberger Schule des Dokumentarfilms verwechselt Konstruktion mit Authentizität, und verklärt damit sein eigenes Thema. Von JAN FISCHER

 

Was muss, was darf, was soll ich, als Vermittler von Informationen, meinen Zuschauern zeigen? Soll ich ihnen – so gut es eben geht – objektive Informationen liefern, damit sie sich ihr eigenes Urteil bilden können? Soll ich aus der Informationsflut das Wichtige auswählen, es vermitteln, aufbereiten, kommentieren, und ihnen damit unvermeidbarerweise meine eigene Meinung aufdrängen? Oder, weniger abstrakt gefragt: Reicht das Foto, oder braucht es noch eine Bildunterschrift?

 

Die Publikumsschlager unter den Dokumentarfilmen der letzten Jahre – Werke wie Super Size Me, Bowling for Columbine oder Plastic Planet – neigen sich ganz heftig in Richtung der gnadenlosen Subjektivität, bis an die Grenze des offen Manipulativen. Und mussten dafür auch einiges an Kritik einstecken.

 

Der Bitterfelder Weg

Die Gegenströmung hat in den 60er Jahren im französischen »cinema verité« oder im amerikanischen »direkt cinema« ihre Anfänge, deren Macher versuchten, nicht mit der Kamera in die Lebenssphäre ihrer Objekte einzudringen, die versuchten, das Vorgefundene möglichst unverändert festzuhalten, keine Aufnahmen stellten, die immer auch versuchten, auf eingesprochenen Kommentartext zu verzichten, sondern die Bilder für sich sprechen zu lassen. Und genau das ist die Richtung, in die sich die Absolventen der Filmhochschule Babelsberg orientieren, als klar wurde, dass der Bedarf an DDR-Propagandafilmen, die sich immer nur als Dokumentation verkleideten, gedeckt war. 

 

In Die Babelsberger Schule des Dokumentarfilms entwickelt Klaus Stanjek die These, dass die Babelsberger Schule »aufgrund ihres eigenen thematischen Ansatzes und ihrer eigenen Methodik den Namen Babelsberger Schule des Dokumentarfilms verdient.« Die Mitglieder dieser »Babelsberger Schule« zogen aus, um die tatsächlichen Lebensumstände in der DDR zu beobachten, oft, wie es zur Zeit des Bitterfelder Weges üblich war, Arbeiter und Bauern, das Leben in Fabriken und Industriestädten. Die Filme konnten nicht offen subversiv sein, aber sie konnten beobachten, und mithilfe ihrer Bildsprache, der Schnitte oder – hier unterscheidet sich laut Stanjek die »Babelsberger Schule« vom »direct cinema« und dem »cinema verité« – mit Hilfe von Poetisierungen ihrer Objekte mehr oder weniger deutlich Stellung beziehen. Sie reflektieren auch oft im Film den Entstehungsprozess des Filmes mit, auch das wieder etwas, was im »direct cinema« oder dem »cinema verité« oft nicht getan wurde.

 

Was Echtes

Stanjek und seine zwei Mitautoren – die Filmemacher und Dozenten Günter Jordan und Marie Wilke – grenzen die »Babelsberger Schule« von anderen Strömungen ab, beschreiben ihre Eigenheiten. Sie versuchen den Weg zu ebenen für eine tatsächliche wissenschaftliche Anerkennung der »Babelsberger Schule« als eigener Strömung.

 

Es ging darum, so liest man es aus allen Beiträgen des Bandes heraus, das »echte« Leben so gut wie möglich im Dokumentarfilm einzufangen. Dennoch – und das ist vielleicht gar nicht so sehr ein Problem des Buches, sondern vielmehr der Begeisterung seiner Autoren für die »Babelsberger Schule« – wirkt das alles sehr verstaubt. Nicht, dass nicht heutzutage noch Filme im Stil der »Babelsberger Schule« gemacht würden, von Zeit zu Zeit, meint Stanjek, passiert das noch. Nur sind die Themen nach wie vor die, wie das Buch sie nennt »einfachen Menschen«, am besten noch solche, die in irgendeiner Schwerindustrie arbeiten. Nur ist die Herangehensweise nach wie vor eine, die sich den unmöglichen Anspruch setzt, etwas Authentisches, etwas Echtes einzufangen. Und damit wirkt die ganze Poetik der »Babelsberger Schule«, vor allem aber die der Nachfolger, eher gestrig.

 

Das sind Themen und Herangehensweise der idealistischen 60er Jahre. Das ist der Muff realsozialistischer Naivität, aus dem sich die Idee entwickelt, man bekäme etwas Authentisches, wenn man es nur gut genug abbildet, und nicht, weil man es – als Regisseur, als Kameramann – so gebaut hat. Als sei diese Idee, etwas nicht zu inszenieren nicht auch schon wieder eine inszenatorische Entscheidung. Tatsächlich ist das die Stelle, an welcher der Band Die Babelsberger Schule des Dokumentarfilms mit einer kritischen Betrachtung beginnen könnte. Das versäumt er leider und bleibt damit eine verträumte Schilderung einer veralteten Idee davon, wie Dokumentarfilme funktionieren können.

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