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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 09:43

    Thiele: Sehnsucht nach dem Meer / von Soden: Strandgut

    07.09.2012

    Zur Sonne! Zur Freiheit!

    Die Sehnsucht nach dem Meer treibt uns an ferne Gestade. Wie schön, wenn wir mit angespültem Strandgut und farbenprächtigen Erinnerungen zurückkehren. Johannes Thiele und Kristine von Soden gehen mit uns auf die Reise. Von INGEBORG JAISER

     

    Was wäre Urlaub ohne erwartungsvolle Vorfreude und rückblickende Erinnerung? Durch unsere Köpfe scheint ein allgemeingültiges Idealbild von Sommer, Sonne, Strand zu schwirren, eine virtuelle Diaschau mit türkisblauem Meer, verwehten Sanddünen und gleißendem Abendrot. Eine vage Sehnsucht nimmt uns gefangen. Und jenseits von Fernsehen und Internet, von Urlaubskatalogen und Hochglanzmagazinen existieren tief in uns Bilder, die Sorglosigkeit, Glück, Freiheit suggerieren. 

     

    Reisen, um glücklich zu sein

    Zwei reizvolle Neuerscheinungen dieses Sommers kreisen um diese stets wiederkehrenden Sehnsüchte, die uns in die Ferne, ans Meer, an den Strand treiben. Sie handeln von der Wunderwelt der Dünen und von üppiger Flora, von den ersten Seebädern und seinen illustren Gästen. Wer möchte hier nicht am liebsten gleich Koffer und Badetasche packen?

     

    Was wäre die mondäne Sommerfrische ohne Eisenbahn und Schifffahrt gewesen? Nicht umsonst läuteten aufstrebende Bahngesellschaften und transkontinentale Ozeanriesen die Geburtsstunde des Reiseplakats ein. Farbenfrohe, exotisch angehauchte Poster und Broschüren warben für malerische Küstenabschnitte, elegante Hotels und ungetrübtes Badevergnügen. Heute gelten vor allem die Jahre zwischen 1920 und 1940 als die »Goldene Zeit des Reisens«. Ein prachtvoller Bildband aus dem Brandstätter Verlag fängt die Sehnsucht nach dem Meer ein und zeigt die eindrucksvollsten Plakate aus der Zeit, als Reisen noch als Inbegriff des Glücks angesehen wurde.

     

    Von der Cote d`Azur bis zur Ostsee

    Der Autor Johannes Thiele hat eine überbordende Vielfalt von Reiseplakaten zusammengetragen und mit kleinen, wissenswerten Geschichten zu den jeweiligen Destinationen geschmückt. Machen wir uns mit ihm auf eine Zeitreise in ein nostalgisches Lebensgefühl: Pinien im Stil des Art Déco werben für die französische Stadt Toulon an der Mittelmeerküste, wo Bertolt Brecht, Stefan Zweig und Franz Werfel Unterschlupf fanden; blütenübersäte Terrassen laden ein nach San Remo, das 300 Sonnentage im Jahr garantiert; sportive Damen und fröhliche Badenixen machen Lust auf das spanische San Sebastian, die französischen Seebäder oder die Insel Norderney. Wer gerät hier nicht ins Schwärmen angesichts all der Himmelsbläue, der schäumenden Meereswogen und des legeren Strandlebens?

     

    Dieses traumhaft schöne Coffeetable Book versammelt nicht nur die herausragendsten Reiseplakate aus 6 Jahrzehnten, sondern zeigt auch Meilensteine der Gestaltung auf: licht- und farbprächtige Sujets, Anleihen an Picasso und Braque, sowie einzigartige kolorierte Fotografien. Abwechslungsreicher könnte eine Reise von der Cote d`Azur bis zur Ostsee nicht sein!

     

    Sand, Salz und Sonnencreme

    Die Liebe zu den deutschen Küsten hat die geborene Hamburgerin Kristine von Soden quasi mit der Muttermilch eingesogen. In ihrem liebevoll arrangierten neuen Buch Strandgut hat sie mit mitreißender Verve zahlreiche Ingredienzien des maritimen Lebens zusammengetragen und in allen erdenklichen Schattierungen durchgespielt: Strandkorb und Strandburg, Krabben und Quallen, Wasserfarben und Meeresleuchten. Oder, um mit dem Untertitel zu sprechen: Warum das Meer blau ist, der Bikini nie baden ging und alle Möwen Emma heißen.

     

    So erfahren wir viel Amüsantes und Anekdotenhaftes über die Erfindung der Sonnencreme, die Italiensehnsucht in den Wirtschaftswunderjahren und dem Aufkommen der Freikörperkultur. Man kann nur staunen, mit welch immenser Begeisterung die Autorin jahrelang ihre literarischen, visuellen und kulturhistorischen Fundstücke in einem Strandtagebuch gesammelt hat, in dem sie nun aus dem Vollen schöpft. Ihre fantasievollen Seestücke »singen in allen Tonlagen, leuchten in allen Regenbogenfarben, schmecken nach Salz, baden die Seele«. Sie sind eine Liebeserklärung an das Meer mit all seinen schmückenden Attributen. Originelle Illustrationen und Collagen, sowie eine weiterführende Literaturliste runden den Lesegenuss ab. 

     

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