Juul / Høeg / Bertelsen: Miteinander
29.06.2012
Back to the roots
Jesper Juul, Peter Høeg, Jes Bertelsen, Steen Hildebrandt, Helle Jensen und Michael Stubberup haben zusammen ein Buch über Empathie geschrieben. Na und? Mag man sich da denken. Es soll aber eigentlich gar kein Buch sein. Ach so? Sondern? Eine Art Anleitung zum DIY Training für Erwachsene und Kinder. VIOLA STOCKER startete mit Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht einen Selbstversuch.
Jesper Juul und sein Autorenteam lassen sich Zeit. In einem langen ersten Teil wird erklärt, was die Autoren unter Empathie verstehen. Sie betonen, dass das Miteinander, von dem sie sprechen, in uns allen steckt und eigentlich nur von uns wiederentdeckt werden muss. Um empathiefähig zu sein, so die Autoren, sollte der einzelne sich entspannen können unter Entfaltung der eigenen Kreativität. Sehr kleine Kinder scheinen ihn zu kennen, den Zustand des In-Sich-Ruhens, den wir Erwachsene mühsam wieder herstellen müssen.
Empathiepentagramm
Die einzelnen Voraussetzungen, unter denen Empathie funktionieren kann, werden in einem Pentagramm aufgezählt, in dessen Zentrum sich die »Weisheit des Herzens« befindet. Auf dieses Innerste wirken Herz, Bewusstsein, Körper, Kreativität und Atmung. Erst bei einem entsprechenden Gleichgewicht kann das Innerste auch positiv auf das Miteinander nach außen wirken. In unserer Gesellschaft, so kritisiert das Autorenteam, werden Kinder sehr früh sich selbst entfremdet und einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt. Seit der Aufklärung glauben wir, dass der Mensch formbar sei und sich selbst verbessern könne. Unser Bildungssystem trägt dem Rechnung, vergisst dabei aber, dass der Mensch eine Art inneren Anker braucht.
Die Antwort, die Juul et al. auf die derzeit lückenhafte Bildung haben, ist eine Therapie, mittels derer wir uns unserer natürlichen Kompetenzen wieder bewusst werden. Es geht darum, sich als Mensch in seiner Ganzheit zu erfahren, in sich zu ruhen und Lebensfreude zu empfinden. Dann erst kann man auf andere zugehen. Genau diese Empathiefähigkeit gilt es sich anzueignen, um sie dann den Kindern weiter geben zu können. Nach Ansicht von Juul wird die Schule ihrem Bildungsauftrag in dieser Beziehung nicht gerecht.
Was die Welt zusammen hält
Im zweiten Teil ergehen sich Juul et al. über die allgemeinen Zustände dieser Welt. Umweltschutz, Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die steigende Kinderarmut sind das Thema der folgenden Seiten. Leider ist diese Vielfalt auch die Stolperfalle, an der die Autoren scheitern. Es erscheint schnell unglaubwürdig, dass alle Probleme der Menschheit durch mehr Empathie zu heilen wären. Zudem ist die Gruppe der »Rufer in der Wüste« stark angewachsen, sodass Juul auch nur mehr einer von vielen ist, die eine Umkehr der Menschheit verlangen. Davon abgesehen, entbehren seine Aussagen natürlich nicht der Wahrheit.
Kinder sind auf ihrem Weg zur Selbstbildung weitgehend allein gelassen. Alte Erziehungsmodelle wurden hinterfragt, neue Vorbilder sind nicht zu finden, Erziehende müssen aus einer großen Vielfalt verschiedener Modelle ihren Erziehungsstil auswählen und alle Beteiligten haben laut Juul den Kontakt zu sich selbst verloren.
Dies leitet zum dritten Teil über, in dem Empathiefähigkeit eingeübt werden soll. Es gilt, ein Bewusstsein für das Fundament des eigenen Wesens und die Art des Zusammenwirkens der Grundkompetenzen des Pentagramms zu entwickeln. Darüber hinaus wird angesprochen, wie man lernen kann, Pausen für sich zu nutzen und deren Bedeutung zu begreifen.
Übung macht den Meister
Den letzten Teil machen vor allem die Übungen aus. Zuerst für die Erwachsenen selbst geschrieben, geben Juul et al. schließlich auch Tipps für Übungen mit Kindern, z.B. in Klassen- oder Gruppenverbänden. Die Übungen sind bewusst sehr allgemein gehalten, das macht sie sympathisch, weil sie undogmatisch sind. Von Atemübungen über Gedanken zur Herzensweisheit und Kreativität und schließlich dem Zusammenwirken der Grundkompetenzen wird sehr schematisch vorgegangen. Das erleichtert das Verständnis, hinterlässt aber auch das lästige Gefühl, man würde etwas schulmeisterlich behandelt werden.
Letztendlich ist Miteinander ein sehr zwiespältiges Buch. Es enthält viele Binsenweisheiten aus einem Bereich, in dem man nur wenig richtig machen kann. Einiges vom Inhalt ist somit schlichtweg entbehrlich. Ganz abgesehen davon, dass es mit der Lektüre allein ja nicht getan ist. Juul et al. verlangen die Reform unserer Selbstwahrnehmung, die von uns anschließend aktiv vorzunehmen wäre.
Andererseits ist es aber offensichtlich so, dass wir die angesprochene Problematik eben noch lange nicht im Griff haben. Es gibt gewiss nicht viele, die von sich sagen würden, vollkommen in sich zu ruhen und entsprechend empathiefähig zu sein. Und das macht Miteinander notwendig. Manchmal ist es wie bei den eigenen Eltern: Es muss etwas sehr oft gesagt werden, bevor es begriffen wird.
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