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Ernst Hofacker: Von Edison bis Elvis

20.04.2012

Archäologie der Popmusik

Vom ausgehenden 19. Jahrhundert – als es Edison gelang, per Phonographen Töne festzuhalten – bis zu Elvis (and beyond) geht diese Archäologie der Popmusik. Im Mittelpunkt stehen dabei die wechselseitigen Beziehungen von Kunst, Technik, Business sowie der Welt der Medien. Von TOM ASAM

 

Musik begleitet beziehungsweise verfolgt uns heutzutage ja immer und überall. Sei es, weil wir sie – je nach Mode der Saison als Knöpfchen in bzw. mit auffällig bunten Hörern auf den Lauschern – freiwillig mitführen, oder weil sie uns selbst im Supermarkt, Café oder Werbespot aufgezwungen wird. Das war, wie jeder weiß, nicht immer so. Man kann sich jedoch kaum vorstellen, wie still es vor gerade mal 150 Jahren auf der Erde gewesen sein muss. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es Schlag auf Schlag. Zahlreiche Erfindungen, darunter die Nutzbarmachung der Elektrizität und das Automobil sorgten für Fortschritt, Beschleunigung – und Beschallung! Edisons Phonograph eröffnete 1877 das Zeitalter des Tonträgers. Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus Ernst Hofacker die Entwicklung der Popmusik beschreibt.

 

Vor der Erfindung des Tonträgers musste man schlicht dahin gehen, wo die Musik spielte. Neuerungen, wie das auf den Phonographen folgende Grammophon sowie die Möglichkeit, Musik per Radiowellen in die Welt zu schicken, legten erst die Grundsteine für so etwas wie eine Kultur der Popmusik, deren Erzählung ja oft ihren Ausgangspunkt in den 1950ern der USA und einem gewissen Elvis Presley nimmt. Das Spannende an Hofackers Buch sind aber gerade die Beschreibungen der Verwicklungen zwischen technischen Neuerungen, Musik und Business in der Zeit, die der Titel nahelegt. Die Seiten über Genie und Sonderling Nikola Tesla etwa sind informativ und spannend wie ein guter Krimi zugleich. Dass sein Name heute nicht noch viel heller leuchtet, liegt lediglich darin begründet, dass er durch und durch Tüftler, Denker und Erfinder war. Ruhm interessierte ihn nur am Rande – und so was wie Geschäftssinn ging ihm gänzlich ab.

 

Nach der »Zündung in Memphis« erlischt die Flamme

Gerne folgt man Hofacker auch vom ersten Plattenmillionär, Enrico Caruso, in die frühen Tage des Jazz, Blues und Folk, zu Satchmo und Duke, Robert Johnson, Hank Williams oder Jimmie Rodgers. Auch wenn man in diesem Bereich schon belesen ist, legt man das Buch (noch) nicht aus der Hand, vor allem da immer die jeweiligen kulturellen Entwicklungen mit ins Geschehen einbezogen werden. Auch der flüssige Schreibstil des Musikjournalisten, der unter anderem für Rolling Stone und Musikexpress tätig war, trägt zum Lesespaß bei.

 

Ausführungen zum ersten professionellen Plattenstudio der Welt, zur Elektrifizierung der Gitarre oder zu den ersten Streiks im Musik-Business – all das verschlingt man mit Genuss. Nur – und das ist der einzige Makel an diesem Buch – hätte vielleicht wirklich bei Elvis und der »Zündung in Memphis« Schluss sein sollen. Denn die Art und Weise, wie auf den letzten 50 der 410 Buchseiten (Zeittafel und Register nicht mitgerechnet) etwa ebenso viele Jahre Pop abgehandelt werden, ist schlicht überflüssig. Der Auto scheint dabei auch nicht mehr voll bei der Sache gewesen zu sein. Die Tatsache, dass es mit Edison bis Elvis nicht genug war, ist vermutlich redaktionellen Entscheidungen geschuldet. Von Elvis bis Eminem kennt jedoch leider jeder Leser, der ein solches Buch in die Hand nimmt, die Geschichte – zumindest in der hier durchgezogenen Schmalspurversion. Weiteres Manko, wenn man zwingend bis ins Jetzt erzählen will: In dem Moment, in dem man die Finger von der Tastatur nimmt, hat sich schon wieder was Neues getan. So etwa der Siegeszug diverser legaler Streaming-Angebote, der in den letzten Wochen in Deutschland erst richtig begonnen hat. Und das von Edison eingeleitete Zeitalter des Tonträgers seinem Ende entscheidend näher bringen wird. Das Buch lohnt die Anschaffung dennoch.

 

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