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    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:14

    Konjektur und Krux. Zur Methodenpolitik der Philologie / Kulturtechnik Philologie: Zur Theorie des Umgangs mit Texten

    13.04.2012

    Nova Methodis

    Zur erfreulichen Unruhe aktueller Philologie-Debatten – Von MARTIN ENDRES

     

    Nach einer beklagenswert langen, vonseiten der meisten Fachvertreter jedoch stoisch oder resigniert hingenommenen Zeit, in denen eine besonders signifikante Absenz philologischer Theoriediskussion in den Literaturwissenschaften herrschte, kündigt sich in den letzten Jahren, wenn schon nicht eine Renaissance, so doch zumindest ein ›Wiedererwachen‹ derselben an. Ob  sich diese Bewegung nun gegen eine Methodenträgheit bzw. -vergessenheit richtet oder gegen die mitunter offen bekundete Hilflosigkeit angesichts eines heutzutage ›unüberschaubaren‹ Methodenpluralismus, mag dabei offen bleiben. Jedenfalls macht sich mehr und mehr eine wohltuende Unruhe breit, wie sie seit den aufrüttelnden Kränkungen der neueren französischen Philosophie in den 1960er und 1970er-Jahren nicht mehr zu vernehmen war. Dies ist deswegen so angenehm, da die Selbstbefragung des philologischen Tuns nicht nur eine besondere szientifische Tugend darstellt, sondern schon immer als Grundlagenforschung und wesentlicher Teil der Literaturwissenschaften verstanden wurde. Ich möchte im folgenden zwei Publikationen besprechen, die sich sozusagen mit dem Herzstück der Literaturwissenschaft befassen und hier neue Ansätze diskutieren und erproben – gemeint ist die Textkritik und die Editionswissenschaft.

     

    Der erste, von Anne Bohnenkamp, Kai Bremer, Uwe Wirth und Irmgard M. Wirtz herausgegebene Band versammelt unter dem Titel Konjektur und Krux. Zur Methodenpolitik der Philologie die Beiträge einer gleichnamigen Tagung von 2007. ›Konjektur‹ und ›Krux‹ dienen hier als Grenzposten »eines epistemischen Bezirks, der von unterschiedlichen philologischen Methodenpolitiken konfiguriert wird«. Das Spannungsfeld, dem sich die einzelnen Untersuchungen und Studien widmen, ist das zwischen einer »inferentiellen Intervention«, dem durch »plausible Vermutung[]« legitimierten Eingriff »zur Verbesserung des Textes« (Konjektur), und der durch eine marginale Markierung ausgestellten ›Verzichterklärung‹ gegenüber solchen Eingriffen, einer »indizierten Nicht-Intervention« (Krux). Das Hauptanliegen des Bandes besteht darin, die Wechselwirkung dieser beiden Extreme für die philologische Theorie und Praxis fruchtbar zu machen, d.h. die hauptsächlich im 20. Jahrhundert angetretene »Flucht in die Krux« kritisch zu hinterfragen, ohne dabei in die ›Konjekturitis‹ zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückzufallen.

     

    Die ›Vorüberlegungen‹ von Kai Bremer und Uwe Wirth beleuchten dabei detailliert, präzise und kenntnisreich die wissenschaftshistorischen, editionsphilologischen, interpretationstheoretischen und epistemologischen Implikationen dieser Fragestellung, rehabilitieren den spekulativen Wert der Konjektur als »initialisierende Wissensfigur« und machen deutlich, wie sehr sich »philologische Kompetenz [an] der ›Abschätzung beider Methoden‹« bemisst. So formulieren sie die Forderung der Literaturwissenschaft an sich selbst, die allzu lange unausgesprochen blieb: stets neu »den Versuch einer wissenschaftstheoretisch und wissenschaftsgeschichtlich geschulten Philosophie der Philologie« zu wagen.

     

    Diese – durch einen kurzen Text von Jean Bollack ergänzte – thematische Grundlegung bildet den Boden der editionstheoretischen und -praktischen Beiträge. Eigens hervorzuheben ist hier zunächst Stephan Kammers Text »Konjekturen machen«, der diese als ›epistemische‹ Figuren philologischer Kritik profiliert. Nach einer historischen und sachlichen Kontrastierung der beiden Verfahren Konjektur und Krux und dem Grenzbereich zwischen der »Skylla übertriebener Gebundenheit an das materialiter Überlieferte und der Charybdis ingeniöser Exzesse«, der sich zwischen beiden auftut, schließt er eine Analyse der ›kühnen‹ Konjekturen von Hardounin, Bentley und Bodmer an und erläutert deren kulturpolitische, theologische sowie literaturhistorische Auswirkungen.

     

    Besonders bemerkenswert sind weiterhin Carlos Spoerhases Überlegungen zum Verhältnis von Konjektur und Divination, die dezidiert die unumgängliche Differenzierung zwischen Textedition und Textinterpretation vornehmen. Der sechsteilige Fragenkatalog, mit dem Spoerhase die zentralen Aspekte philologischer Konjektur und Divination diskutiert, besticht durch seine systematische Präzision und Klarheit und regt dadurch zu einer grundsätzlichen Neubestimmung der Verfahrensweisen an.

     

    Stefan Willer unternimmt demgegenüber eine Revision der ›Krux‹ und verbindet diese in seiner Analyse mit einer Untersuchung zum erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Konzept des experimentum crucis, dem in den empirischen Wissenschaften die »Funktion zugeschrieben wird, über Wahrheit einer ganzen Theorie zu entscheiden«. Der Gewinn des durch die Krux ausgelösten Denkprozesses, so Willer, ergibt sich aus dem experimentellen Versuch, »Unlösbarkeit zu erproben« und sich daran abzuarbeiten. Am Beispiel von Schleiermachers Kratylos-Übersetzung vermag Willer das Wechselspiel der Erfahrung eines unauflösbar Problematischen und einem darauf reagierenden experimentell-konjekturalen Denken besonders eindrücklich darzustellen.

     

    Von den Beiträgen, die sich im zweiten Teil des Bandes den editionspraktischen Aspekten von Konjektur und Krux widmen, ist besonders Felix Christens Text Konjektur und Chronologie zu nennen, der auf die Untrennbarkeit von Edition und Interpretation aufmerksam macht. Anhand der Unterscheidung zwischen »scription und écriture« und deren chronologischen Differenz entwickelt Christen den Gedanken einer »doppelten Transkription«: »Transkribiert wird sowohl die Schrift als auch das Schreiben, also etwas Anwesendes und Abwesendes«. Am Beispiel der Oktavhefte Franz Kafkas skizziert er die editorische Verantwortung gegenüber dieser in sich gespaltenen Temporalität, nach der »die Logik der Schrift […] eine andere [ist] als die des Schreibens«.

     

    Irmgard M. Wirtz zeigt schließlich anhand der Überlieferungsträger von Friedrich Dürrenmatts Text Midas oder Die schwarze Leinwand, welche poetologische Dimension Konjektur und Krux besitzen können und wie die Reflexion auf deren Verhältnis den Schreibprozess prägt und eine mehrfache Transformation des gewählten literarischen Stoffes motiviert. Damit komplettiert sie das vielfältig diskutierte Spektrum methodischer Überlegungen, das der Band anhand der beiden bislang (fälschlicherweise) zumeist als unversöhnlich angesehenen philologischen Verfahren aufspannt.

     

    Der von Pál Kelemen, Ernö Kulcsár Szabó und Tamás Ábel herausgegebene Band Kulturtechnik Philologie. Zur Theorie des Umgangs mit Texten nimmt sich einer vergleichbaren Aufgabe an und kommt dabei Jürgen Paul Schwindts Forderung nach, die Philologie »aus ihren verleugneten Anfängen heraus« zu denken, um so »elementare Formen der philologischen Tätigkeit« zu diskutieren und auf ihre »technisch-mediale[] Bedingtheit« hin zu reflektieren. Für die Herausgeber ist die Bestimmung der Philologie als ›Kulturtechnik‹ gleich zweifach begründet: Erstens konturiere sich die Philologie als eine »aus verschiedenen gesellschaftlichen Praktiken bestehende[] komplexe Tätigkeit« durch die Absage an die – andernorts vielfach für beendet und überwunden erklärten – ›theory‹. Im Hintergrund steht dabei die Forderung nach dem neuen Zeitalter der (David C. Greethams Terminologie folgend) ›post-philological days‹, in denen die »Gedankenfigur des Fundierens im Bezug auf das Verhältnis von Theorie und Praxis verabschiedet wird«. Zweitens könne die Philologie den Zustand eines aufgeklärten Selbst-Verhältnisses nur dann erreichen, wenn sie die ideologische Distanzierung gegenüber den sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen und Praktiken zurücknehme, in die sie nicht nur eingebunden sei, sondern durch die sie erst hervorgebracht werde: Tätigkeiten, die »den Zugang zum Text bzw. den Text selbst« vorstrukturieren. Für beide Aspekte gelte, dass sich die »Selbstvergessenheit« der Philologie nur im Zuge einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer »Materialvergessenheit« kurieren lasse. Die Überwindung des ›textuellen Idealismus‹ sei nur möglich, wenn das Medium in seiner Wider- und Eigenständigkeit wahrgenommen und jede Vorstellung eines »vehikularen Textmodells« suspendiert werde.

     

    Dieser im Vorwort entworfenen Programmatik folgt ein kurzes elegantes Geleitwort von Hans Ulrich Gumbrecht, das die wissenschaftshistorische Entwicklung der Philologie in den letzten Jahren nachzeichnet und diese als Reaktionsform auf die philosophischen, literaturwissenschaftlichen und medienwissenschaftlichen Tendenzen des vergangenen Jahrhunderts kennzeichnet. Die einführende Eloge des »so mehrfach Außenstehenden« im Blick auf die gegenwärtige Philologiedebatte verheißt die Qualität der im Band versammelten Beiträge sowie den Nutzen des kulturwissenschaftlichen Ansatzes. Entsprechend hoch ist die Erwartung gegenüber den vielversprechenden und vielgelobten Ansätzen, auf die im folgenden – wie zuvor – nur in einer Auswahl eingegangen werden kann.

     

    Glenn W. Mosts Text Die Sehnsucht nach Unversehrtem eröffnet den Band. Most stellt »Überlegungen zu Fragmenten und deren Sammlern« an und zielt darauf, die in verschiedenen Epochen je eigene philologisch-editorische Haltung gegenüber Fragmenten kulturgeschichtlich nachzuzeichnen. Leider besitzt dieser historische Bericht nicht das Diskussionsniveau des Vorworts, und so findet sich hier eher eine umherschweifende und nur tangentiale Beschreibung der Phänomene denn eine systematische Auseinandersetzung. Der Text verliert sich allzu oft in vorschnellen Überblendungen etymologischer, kulturwissenschaftlicher und editorischer Reflexionen, ohne einem dieser Bereiche wirklich gerecht zu werden – und endet schließlich mit psychologistisch-launigen Gedanken zur ›Faszination‹ des Unvollständigen.

     

    Ungleich differenzierter gestaltet sich demgegenüber der Beitrag von Ernö Kulcsár Szabó mit dem Titel Der hermeneutische Koloss und die mediale Unterscheidung. Geleitet von der Frage, ob die »Philologie (noch) eine Textwissenschaft« darstellt, zeichnet Szabó den Einfluss philosophischer Theoriebildungen auf die Philologie und Literaturwissenschaft historisch nach, diskutiert eingehend die sich darin verändernde Bewertung der Relation von ›Geist‹ und ›Buchstabe‹, die Spannung zwischen ›Ästhetik‹ und ›aisthesis‹ sowie den material turn der Philologie, durch den sie sich vom Dogma ›reiner‹ und idealisierter Textualität befreien konnte. Nur durch die unaufhörliche Problematisierung der Materialität des Textes, so macht Szabó deutlich, vermag sich die Philologie neu zu situieren und angemessene editorische Konzepte zu entwickeln.

     

    Auf einer vergleichbaren Diskurshöhe bewegt sich István M. Fehérs Text zum Verhältnis von »Textkritik, Editionsgeschichte, Interpretation«. Fehérs kritischer Editionsbericht zu den Werken Hegels beweist, dass jede konzeptuell-philologische Entscheidung in ihrer meist bewusst gesuchten ›Wahlverwandschaft‹ mit dem Vorverständnis der zu edierenden Texte zu beleuchten ist. Durch die Gegenüberstellung der ›Vollständigen Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten‹ von 1832/45 und der aktuellen Historisch-Kritischen Ausgabe der ›Gesammelten Werke‹ wird deutlich, wie tiefgreifend sich das jeweilige geistesgeschichtliche Klima einer Epoche und deren Leitgedanken auf die philologische Praxis auswirken. Allein die der Analyse zugrundegelegte Logik, wonach die Revision einer Edition durch den historisch-kulturellen Wert motiviert werde, den man einem Autor zumesse, und sich auch maßgeblich durch diesen legitimiere, ist prekär. Hier hätte man sich eine stärker an den Überlieferungsträgern orientierte Argumentation gewünscht. 

     

    Wiedererwachte Lust an einer Theoriediskussion

    Die beiden vorgestellten Bände bezeugen das in den vergangenen zehn Jahren in der Philologie wieder erstarkende Bewusstsein für die eigene Methodik und die wiedererwachte Lust an einer auf verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichen Schauplätzen geführten Theoriediskussion. Der zuvor (oftmals bereitwillig) als übermächtig und lähmend empfundene Methodenpluralismus dient nicht mehr als Alibi, jeden Versuch philologischer Selbstverständigung für einseitig und daher unzureichend zu erklären. Die Reflexion auf die Bedingungen des eigenen Tuns – das kann als Erkenntnis nahezu aller aktuellen Debatten betrachtet werden – ist nicht (genauer: war noch nie) dem Einheitsjoch einer allgültigen Meta-Theorie verpflichtet. Im Gegenteil: Dynamisch und dem jeweils individuellen Gegenstand angemessen ist die Philologie dann, wenn sie in Theorie und Praxis von Transparenz und Offenlegung der gewählten Prinzipien geprägt ist – darin lag ihre Stärke in der Vergangenheit, und daran bemisst sich ihre Zukunft. 

     

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