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Bill Laws: Zwiebel, Safran, Fingerhut

09.03.2012

Botanische Kulturgeschichte(n)

Nicht nur Zwiebel, Safran, Fingerhut, auch Weizen, Hanf und Chinarinde haben unser Leben von Grund auf geprägt. Der britische Autor Bill Laws erzählt die Geschichte einiger bemerkenswerter Pflanzen, die die Welt verändert haben. Von INGEBORG JAISER

 

Ihretwegen wurden Kriege ausgefochten und Menschen geopfert, Ozeane überquert und Kontinente erobert, Maschinen erfunden und wissenschaftliches Neuland erforscht. Und dennoch ist die Geschichte der Pflanzen bedeutend älter als die der Menschen – sie besiedeln die Erde seit 470 Millionen Jahren. Doch nicht immer geriet ihre Nutzung zum Wohle der Menschheit: auf Hopfen und Kokastrauch, Schlafmohn und Tabak mag oft auch ein Fluch gelegen haben. 

 

Mal Krimi, mal Kunstbuch

Aus den annähernd 300.000 Arten von Pflanzen, die auf der Erde gedeihen, hat der britische Autor Bill Laws jene 50 ausgewählt, die seiner Meinung nach am stärksten, nachhaltigsten, spektakulärsten unsere Welt verändert haben. Es sind Pflanzen, denen die Menschheit viele entscheidende Durchbrüche bei der Kolonisierung der Erde verdankt. Entstanden ist ein überaus spannendes, anschauliches botanisches Geschichtsbuch, das politische und ökonomische Entwicklungen vor dem Hintergrund der Nutzbarmachung der Pflanzen erzählt. Das lässt sich streckenweise wie ein Krimi lesen oder wie ein Kunstbuch genießen – immer jedoch auch als zweckmäßiges Nachschlagewerk benutzen.

 

Egal, ob wir Pflanzen als Nahrungs- oder Heilmittel, als Werkstoff oder Handelsware ansehen, sie haben bis heute eine große Bedeutung für die Entwicklung unserer Zivilisation: »Der Gang der Geschichte wurde nie durch eine Pflanze allein verändert, sondern durch die Art, wie Menschen sie nutzten, missbrauchten oder davon profitierten.« Nie wäre Aspirin erfunden worden, ohne das Wissen um die Wirkung der Silberweidenrinde. Hätten wir die Kaffeebohne nicht nutzbar gemacht, wäre eine ganze Riege von Kaffeehausliteraten – von Karl Kraus bis Robert Musil – nie zusammengekommen. Und ohne Sojabohne würde den Vegetariern weltweit eine der Haupteiweißquelle fehlen.

 

Von Bambus bis Wildapfel

Bill Laws stellt zahlreiche prominente Nutzpflanzen wie Bambus, Baumwolle und Kautschuk vor, präsentiert jedoch auch weniger bekannte wie Hundsrose, Stieleiche oder Wildapfel. Er folgt der Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts, der Champagnerrevolte von 1910, der legendären Seidenstraße und dem Jahr der Kartoffel. Spezifikationen zu Typus, Wuchs und Herkunftsgeschichte einzelner Pflanzen verwebt er geschickt mit literarischen Zitaten, Liedgut, Legenden, Anekdoten.

 

Auch haptisch und visuell ist dem traditionsreichen Gerstenberg-Verlag, der sich anspruchsvollen und ästhetisch reizvollen Büchern verschrieben hat, wieder ein handwerklich fundierter Band gelungen: die Leitfarbe Grün zieht sich in allen Changierungen vom Umschlag über die Vorsatzblätter bis zum Lesebändchen. Historische Fotografien und botanische Zeichnungen lockern die fakten- und ideenreichen Texte angenehm auf. So lebendig kann Kulturgeschichte vermittelt werden!

 

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