Das große geographische Gastronomierätsel
Der Gault Millau für Österreich ist nicht mehr, wie bisher, alphabetisch nach Orten geordnet, sondern nach Bundesländern. Kein Vorteil, wenn jemand nicht weiß, in welchem Bundesland ein Ort liegt, dessen Name er kennt. Das wiegt umso schwerer, als es zwar einen Lokalindex, aber kein Ortsregister gibt. Vorteile bringt diese Neuerung kaum. Wer etwa im Salzkammergut Urlaub machen will, muss nun in Salzburg, Oberösterreich und Steiermark getrennt nach Hotels und Restaurants suchen. Ansonsten hilft die Landkarte, und auch da spielen die Grenzen zwischen den Bundesländern eigentlich keine Rolle. Auch die übersichtlichen Listen, die es bisher für die Großstädte gab, wurden eingespart. Verschlechterung statt Verbesserung – was denkt man sich dabei?
Manchmal fragt man sich, was die Tester uns eigentlich sagen wollen. So überschlägt sich die Beschreibung über das Restaurant im Hotel Tristachersee in Lienz mit Lob, aber es bekommt einen Punkt weniger als im Vorjahr. Warum bloß? An Bösartigkeit grenzen die Ausführungen zum Eckel in Wien-Sievering. Das Traditionsgasthaus verdiente fürwahr mehr als 13 Punkte. Zu Recht wurde das Schloss Aigen in Salzburg auf 16 Punkte aufgewertet. Der Rindfleischtopf in diesem gemütlichen Restaurant kann den Vergleich mit dem gleichen Gericht im berühmten Wiener Plachutta aufnehmen. Auch das Gasthaus Zur Dankbarkeit im burgenländischen Podersdorf hat die Aufwertung auf 14 Punkte redlich verdient. Nicht ohne Befriedigung registriert man die Abstufung des Wiener Schickimickilokals Fabios um gleich 2 Punkte. Allzu harsch verfuhren die Tester hingegen mit der Villa Schratt in Bad Ischl, deren offensichtliche Schwächen eher in Äußerlichkeiten liegen als in der Kochkunst. Ganz und gar unbegreiflich ist die Abwertung der Salzburger Riedenburg. Eine bessere Adresse wird man in der Festspielstadt kaum finden.
Zu den – allerdings knappen – Anhängen für Südtirol, Kroatien, Prag, Bratislava und Budapest ist erstmals auch Slowenien hinzugekommen. Südtirol findet man auch im Deutschland-Guide. Wieso Südtirol und nicht das Elsaß, Luxemburg, das Salzkammergut oder der Westen der Tschechischen Republik? Die gastronomische Geographie des Gault Millau stellt Rätsel.
Bleibt der Hauptvorwurf, den man dem österreichischen Gault Millau Jahr für Jahr machen muss. Er nimmt nicht zur Kenntnis, dass in Österreich – anders als in Frankreich – gerade Restaurants und Gasthäuser der mittleren Preislage, die sich auf die heimische Küche konzentrieren, bessere Qualität liefern als vorgebliche Gourmettempel. Sie werden vom Guide missachtet. Zum Schaden des Touristen, der gut beraten ist, wenn er Lachs und Seeteufel nicht ausgerechnet in einem Land bestellt, das seit bald hundert Jahren keinen Zugang zum Meer hat.
Von den Spezialauszeichnungen am überzeugendsten ist der Ambiente Award für das Restaurant Tanglberg. Wer die Westautobahn entlang fährt, sollte im hässlichen Vorchdorf, kurz vor Linz, Halt machen. Das Tanglberg garantiert wirklich ein Erlebnis, das weit übers Ambiente hinaus geht. Beim Wein gibt es auch heuer keine aufregenden Veränderungen. Man trifft sie alle wieder, die üblichen Verdächtigen aus der Wachau, der Südsteiermark und dem Burgenland.