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    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:45

    Cornelia Stolze: Vergiss Alzheimer!

    11.11.2011

    Mediziner in der Zwickmühle

    Was haben Harald Hampel, Günther Deuschl und Jörg Debatin gemeinsam? Sie alle forschen zur Demenzkrankheit Alzheimer und sie alle werden in Vergiss Alzheimer! heftig kritisiert. Die Diplom-Biologin und Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze entwirrt in ihrem bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch das Etikett der neuen »Volkskrankheit« und zeigt, wie die finanziellen Interessen der Industrie die Medizin in große ethische Nöte bringt. Genährt wir der Text durch die Hoffnung, eine Debatte anzustoßen. Von BASTIAN BUCHTALECK

     

    Medikamente gegen Alzheimer zählen zu den Blockbustern. So bezeichnen Pharmafirmen ihre Produkte, wenn sie jährlich einen Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar erzielen. Dabei gebe es bis heute weder eine zuverlässige Diagnose noch eine langfristig wirksame Behandlung, schreibt Stolze. Sie bezeichnet Alzheimer als ein Konstrukt, »mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren schaffen lassen.«

     

    Wie wenig über die Krankheit bisher bekannt ist, zeigt sich am Beispiel der Amyloid-Plaques im Gehirn: Lange Zeit galten sie als sicheres Zeichen für Alzheimer. Solche Ablagerungen können zwar erst nach dem Tod festgestellt werden, weil dafür der Schädel geöffnet werden muss, aber selbst diese kleine Gewissheit gilt nicht mehr. Tatsächlich weist rund ein Drittel aller normal alternden Menschen Amyloid-Plaques auf.

     

    Konstrukt zum Geldverdienen

    Um sich vor dem Verdacht zu schützen, dass wirtschaftliche Vorteile wichtiger seien als das Wohl des Patienten, gibt es in der Medizin Leitlinien – hier die S3-Leitlinie »Demenzen«. Nach Stolze sind solche Leitlinien der Goldstandard für Mediziner. Aber leider sei es eben so, dass die Mediziner, die die Leitlinie erarbeiten, von der Krankheit profitieren, zum Beispiel durch eine Zusammenarbeit mit Pharmafirmen. Die Mediziner geraten dadurch in einen Interessenkonflikt. Obwohl sie sich unabhängig fühlen, zeigt Stolze, dass Alzheimer manchmal falsch und generell zu häufig diagnostiziert wird und die Behandlungsoptionen in ihrer Wirksamkeit zweifelhaft sind.

     

    Dann stellt sie den Zusammenhang her, den sich ein Teil der Mediziner zu sehen weigert. Zum Beispiel sollten im Methodenreport der S3-Leitlinie »Demenzen« mögliche Interessenkonflikte angegeben werden. Keiner der 68 angegebenen Fachleute sah einen Interessenkonflikt bei sich. Daraufhin recherchierte Stolze kurz im Internet und fand für 30 der Beteiligten potenzielle Konflikte. Der Goldstandard wird zum Altblech.

     

    Dement durch Medikamente

    Über diese Interessenkonflikte hinaus diagnostiziert Stolze mannigfaltige Fehler. Demenzen können im Unterschied zu Alzheimer durch verschiedene Erkrankungen oder toxische Schädigungen ausgelöst werden und sind in vielen Fällen reversibel. Häufig werden Demenzsymptome durch »Polymedikation« infolge von »Verschreibungskaskaden« ausgelöst. Eine Verschreibungskaskade entsteht, wenn ein neues Medikament verschrieben wird, um die Nebenwirkungen eines anderen Medikaments abzufangen. Die Polymedikaten betrifft vor allem ältere Menschen. Ein durchschnittlicher 70jähriger bekommt heute 7 bis 10 verschiedene Medikamente, sodass es zu Mischwirkungen geradezu kommen muss. Diese Mischwirkung der Medikamente kann genau die Merkschwierigkeiten hervorrufen, die vermieden werden sollen.

     

    Acht Strategien für eine bessere Welt

    Wenn Stolzes Buch etwas deutlich macht, dann dies: Es gibt Medikamente gegen Alzheimer. Aber ihre Wirkung ist medizinisch nicht belegt. Häufig bekämpfen die Arzneien weniger die Krankheit als die Angst davor, sich selbst schleichend zu vergessen.

     

    Nachdem Stolze in ihrem Buch das für Mediziner komfortable »Haus Alzheimer« eingerissen hat, stellt sie ihre eigenen Überlegungen jenen der Schulmedizin gegenüber. Da viele Gedächtnisschwächen und -störungen eigentlich »vaskuläre Demenzen« seien (dabei handelt es sich um Mini-Schlaganfälle, die nach und nach das Gehirn zerstören), schlägt Stolze zur Abhilfe die älteste Medizin der Welt vor: gesunde Lebensführung, Bewegung und Geselligkeit. Die aufgestellten acht Strategien sind allerdings mäßig überzeugend, weil sie kaum mehr bieten, als Großeltern ihren Enkeln auch empfehlen.

     

    Zwar macht Vergiss Alzheimer! auf ein wichtiges gesellschaftliches Thema aufmerksam. Aber die notwendige Debatte um die Rolle der Medizin und welchen Anteil ökonomische Überlegungen dabei spielen, kann das Buch weder entzünden noch lösen. Dafür ist es zu einseitig recherchiert, eine Gegenstimme fehlt komplett. Vergiss Alzheimer! ist ein Schritt hin zu einer Debatte, die geführt werden muss. Wünschenswert ist eine Reaktion der namentlich genannten Mediziner und vielleicht ist das dann der Debatteneinstieg.

     

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