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Esposito / Mogahed: Was Muslime wirklich denken

25.11.2011

Demokratie plus Scharia

Dass das Gerede vom unausweichlichen Zusammenstoß westlicher und muslimischer Kultur und vom ebenso unabänderlichen Hass der Muslime »auf uns« weitgehend auf Behauptungen und Fehlinformationen beruht, dürfte sich herumgesprochen haben. Doch auch den wohlmeinendsten Beobachtern fehlten bisher verlässliche Gegeninformationen. John L. Esposito und Dalia Mogahed fassen unter dem Titel Was Muslime wirklich denken die Ergebnisse einer Langzeitstudie des US-amerikanischen Gallup-Institut zusammen. Von PETER BLASTENBREI

 

Zwischen 2001-2006 befragte das angesehene Meinungsforschungsinstitut – mit dem Gründungsjahr 1935 das älteste seiner Art – mehrere Zehntausend repräsentativ ausgesuchter Menschen in 38 überwiegend muslimischen Ländern, in den USA, Kanada und Europa in oft mehrstündigen, in der Landessprache durchgeführten Interviews. Ziel war es, der mit dem 11.9.2001 anschwellenden islamfeindlichen Kampagne in den USA mit modernen demoskopischen Methoden gewonnene, verlässliche Aussagen von Muslimen zu Religion, Demokratie, Terrorismus und Geschlechterrollen entgegenzustellen. Kurz, harte Fakten gegen »anekdotische« Welterklärungsmuster, zum Schaden der Hassprediger beider Seiten, wie das Esposito und Mogahed formulieren.

 

Wenn etwas sensationell an diesem Buch ist, dann dass eben das so überzeugend gelungen ist. Die übergroße Mehrheit der befragten Muslime zwischen Djakarta und Dakar, Teheran und Daressalam sind fast schon langweilig »normal« und politisch gemäßigt. Ihre Werteskala weicht kaum von der der Europäer oder US-Amerikaner ab: Demokratie, politische Freiheit, Frieden und wirtschaftlicher Wohlstand. Muslime beider Geschlechter schätzen allerdings ihre Religion bei weitem höher, als man dies im Westen tut. Deshalb sehen sie religiöse Einflüsse in der Politik durchaus positiv (nicht aber politisierende Religionsgelehrte!).

 

Einen generellen islamischen Antiamerikanismus oder den gerne imaginierten kollektiven Hass auf die westliche Lebensweise lässt sich dagegen empirisch-demoskopisch nicht aufspüren. Muslime und Musliminnen können aber mit großer Klarheit benennen, was sie am Westen stört: seine Arroganz, seine Tendenz, dem Rest der Welt seine vermeintlichen Patentrezepte aufzudrängen, Promiskuität und Pornografie, die besonders Musliminnen als Verachtung der Frauen empfinden.

 

Ein relativ kleiner Prozentsatz der Befragten, durchschnittlich etwa 7 Prozent, rechtfertigt oder befürwortet politische Gewalt. Überraschenderweise, auch für die Autoren, lag der Anteil solcher Radikaler unter den Interviewpartnern am höchsten in Indonesien. Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten unter den sozial recht heterogenen Gewaltbefürwortern, so sind dies technische Ausbildung, starke emotionale Betroffenheit über die westliche militärische und politische Dominanz und eher marginale Kenntnis des Islam (ähnliches ließ sich schon vor zwanzig Jahren bei der algerischen FIS beobachten).

 

Ungewöhnlich kenntnisreiche Autoren

Die Autoren warnen daher zu Recht davor, für alle Probleme muslimischer Länder pauschal die Religion verantwortlich zu machen und wirtschaftliche Unterentwicklung oder die Folgen des Kolonialismus zu übersehen. Eine vom Westen gewollte Konfrontation mit »dem Islam« in der Absicht einer erzwungenen Säkularisierung – Esposito und Mogahed zitieren einschlägige Äußerungen westlicher Politiker – würde in den betroffenen Regionen nur politischen Abenteurern helfen – zum Schaden aller. Gute Chancen räumen sie dagegen einer behutsamen Reformpolitik im Einklang mit der islamischen Tradition ein.

 

Beide verfügen über ein ebenso umfassendes Wissen zu den Ländern, wo die Interviews stattfanden, wie zum juristisch-religiösen Denkgebäude des Islam. So wird etwa der ansonsten eher befremdliche Wunsch einer Mehrzahl von Musliminnen nach Einbeziehung der Scharia in die Rechtssprechung mit Beispielen gegengeschnitten, in denen gerade die islamisch-juristische Argumentation Frauen zu einem fairen Prozess verhalf.

 

Die zuweilen provokante Gegenüberstellung west-östlicher Fakten, für die die Autoren eine Ader haben, zwingt zum Nachdenken. So wollen etwa in den USA nicht weniger als 19 Prozent der (christlichen) Befragten eine ausschließliche Inspiration der Rechtssprechung durch die Bibel. Geradezu erschreckend wird es, wenn tendenziell eine größere Minderheit in den USA Anschläge mit zivilen Opfern rechtfertigt als in irgend einem muslimischen Land.

 

Unentbehrliche Diskussionsgrundlage

Bezugsgröße sind überall US-Politik und US-Gesellschaft, was nicht ganz befriedigt. Europa kommt nur im letzten Kapitel in den Blick, wo es um die Integration von Muslimen in ausgewählten EU-Staaten geht (anhand anderer Gallup-Umfragen). Die Schaubilder in diesem Kapitel sind zudem wegen des winzigen Drucks unbrauchbar. Erstaunlich, dass so kenntnisreichen Autoren die spektakuläre Entlarvung der niederländisch-somalischen »Islamkritikerin« Ayaan Hirsi Ali als Betrügerin 2006 (mit dem anschließenden Sturz der niederländischen Regierung) entgangen ist (S.119). Die didaktischen Zusammenfassungen an den Kapitalenden schließlich sind überflüssig. Sie ebnen ein, was der Text an Komplexität bietet.

 

Sicher wird mancher den methodologischen Kinderglauben der Demoskopen nicht ganz teilen wollen, die aus ihren Ergebnissen durch Hochrechnung nun gleich die Meinung von einer Milliarde, sprich 90 Prozent aller Muslime, machen (S.10-11). Zu diesen Ungläubigen gehört auch der Rezensent. Dennoch, eine Befragung von solchen Dimensionen erbringt Ergebnisse, die nicht zu vernachlässigen sind. Wo, wenn nicht hier, aus der direkten Konfrontation und gezielten Nachfrage, sind relevante Informationen über die Meinung der Muslime dieser Welt zu erwarten? An dem Buch wird keine ernsthafte Diskussion über Islam und Muslime mehr vorbeikommen.

 

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Danke für diesen super Artikel! Mir als gemäßigtem Türken, der seine Religion abgelegt hat, und immer wieder für einen mittelalterlich denkenden Moslem gehalten wird, wird dieses Buch Spaß machen.
| von Alper, 25.11.2011

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