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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 18:21

    Vorschau auf den glorreichen Buch-Herbst des Verlagshauses Hanser

    18.05.2011

    Getrüffelte Gänseleber

    Der Münchner Carl-Hanser-Verlag hatte schon zu Lebzeiten Siegfried Unselds dessen Frankfurter Suhrkamp-Verlag immer mal wieder den Rang als führender, literarische Maßstäbe setzender deutscher Verlag abgelaufen. Zumindest in den Augen der deutschen Rezensenten, die das Ende der seit den Sechzigern dominanten »Suhrkamp-Culture« mit dem glanzvollen Aufstieg des Münchner Verlags unter der glücklichen Verlegerhand Michael Krügers gekommen sahen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Es waren vor allem die jüngeren Rezensenten (wie auch einige der »altgedienten« Kollegen), die immer öfter auf das Herbstprogramm des Münchner Verlags von Philip Roth, Milan Kundera, Julien Green, Primo Levi, Elias Canetti, Botho Strauss ed. al. gespannter & erwartungsfroher blickten als auf Unselds zumeist deutschsprachige Autorenmannschaft, die der Verleger alljährlich mit neuen Werken lautstark auf den Markt schickte.

     

    Der große »Alte«, der zweifellos der bedeutendste deutsche Verleger nach dem Krieg war, hat diese – zumindest atmosphärische – »Wachablösung« schon in den Neunziger Jahren selbst gespürt & sogar den Erzähler & Lyriker Michael Krüger an seinen Verlag geholt. Der späte Unseld hätte den jüngeren Kollegen – dessen Spürsinn, mitreißenden Enthusiasmus und dessen geistesgegenwärtige Kennerschaft den C. Hanser-Verlag erst zu dem gemacht hatte, was er schon damals war – liebend gerne als seinen Nachfolger gesehen, nachdem der alt gewordene Suhrkamp-Verleger nicht nur seinen Sohn, sondern auch zwei ins Haus geholte Externe als seine potentiellen Nachfolger schnell verschlissen hatte.

     

    Aber warum hätte der national & international »Gott & die Welt« der Literatur & des Geisteslebens kennende »Michel« (wie ihn die Freunde nennen) denn Suhrkamp übernehmen sollen, wo er doch mit seinem Hanser-Schiff & dessen hoch kompetenter Lektoren-& Geschäftsführungsmannschaft schon seit 1986 (als er literarischer Leiter geworden war), auf Erfolgskurs segelte?

     

    Navid Kermanis »Neuerfindung des Romans«

    Zum Geheimnis seines verlegerischen Gelingens zählt bei Michael Krüger wohl auch, dass er mit seinen Autoren als einer der ihren verkehren kann. Der Hanser-Verlag (der ein Krüger-Verlag sosehr ist wie Suhrkamp ein Unseld-Verlag war) hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nicht nur unter Kritikern & Lesern, sondern auch unter Autoren ein solches Renommee erworben, dass ihm andernorts enttäuschte oder alleingelassene Schriftsteller nur zu gerne zugelaufen sind – wie vor einem Jahrzehnt (Wilhelm Genazino), danach Herta Müller und Martin Mosebach und eben jetzt der nach Ammanns Geschäftsaufgabe freigesetzte Navid Kermani.

     

    Der vielseitige Orientalist, Erzähler & Essayist – einer der herausragenden deutschen Intellektuellen – bestückt nun mit seinem Hanser-Debüt ein hoch-, um nicht zu sagen höchstkarätiges Herbstprogramm des Verlags, das seinesgleichen sucht: an literarischer Vielfalt und ästhetischer Gewichtigkeit.

     

    Kermanis bislang umfangreichstes Werk von ca. 1200 Seiten (!) mit Abbildungen (!) heißt Dein Name und wird von Hanser annonciert als »Neuerfindung des Romans«, der »das Privateste ebenso in den Blick nimmt wie die Geschichte, in der wir leben«. Navid Kermanis Buch, verspricht sein neuer Verlag, werde »für jeden Leser das Bild der Gegenwart nachhaltig verändern«.

     

    Natürlich sind das große (Werbe-)Worte & selbstverständlich gehört Klappern zum Handwerk. Aber Autor wie Verlag sind bislang seriös genug gewesen, um auch jetzt annehmen zu dürfen, dass sie den Mund nicht zu voll nehmen. Dabei läuft einem beim staunenden Durchblättern des Prospekts des Hanserschen Herbstes nicht nur in Erwartung von Kermanis monumentalem Buch das Wasser im Mund zusammen. Es geht einem dabei wie dem Gourmet, der auf ein Baiersbronner 3-Sterne-Buffet blickt, das sich vor exquisiten kulinarischen Köstlichkeiten biegt, die auf ihm verschwenderisch versammelt sind.

     

    Umberto Eco, mit dessen deutscher Publikation von Der Namen der Rose (1982) der Hanser-Verlag erstmals auf die »Sunny side of the street« gelangte, sorgt auch diesen Herbst mit seinem jüngsten historischen Spannungs-Roman Der Friedhof in Prag, der in einer Erstauflage von 200.000 Exemplaren vorgelegt wird, für eine sichere ökonomische Unterfütterung der weitreichenden verlegerischen Unternehmungen dieses Jahres.

     

    Deren Aufwendigste – neben der Eco-»Kampagne«, deren Lesereise des Autors jetzt schon ausgebucht ist – dürfte die Promotion des mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren lancierten jüngsten Romans des »Welten sammelnden« Ilija Trojanow sein. Beides sind logistische & ökonomische Anstrengungen, wie sie gewöhnlich von sogenannten »Publikumsverlagen« für deren internationales »Lesefutter« unternommen werden.

     

    Der nach Jahren in Afrika & Indien derzeit in Wien lebende Trojanow habe nun mit dem Antarktis-Roman EisTau ein ebenso »poetisches« wie »zorniges« Buch über das Hinschmelzen der Gletscher geschrieben, das sich gegen die Gleichgültigkeit von »jedem von uns« richtet, behauptet der Verlag. Das mit einer erstmals erscheinenden mehrseitigen Hanser-Literaturzeitung und einer großen Lesereise des Autors in Begleitung eines Kammerensembles, das extra dafür geschriebene Musik aufführt, breit & intensiv beworbene Buch zielt offenbar synergetisch nicht nur auf ein Genres übergreifendes ästhetisches Experiment, sondern auch auf das dadurch erzeugte politisch-moralische Empörungspotenzial eines appellativen »Tua res agitur«.

     

    Allein diese drei Bücher gleichzeitig im Programm zu haben, könnte einem genügen, von schönsten Aussichten für den Herbst zu sprechen. Aber bei Hanser kann, will oder muss man (gar?) aus dem Vollen schöpfen. (Weil man so viele großartige Bücher & Autoren in der Hinterhand hat?)

     

    Große Erwartungen neben »Großen Erwartungen«

    Nachdem Hanser die Rechte an Roberto Bolanos Oeuvre von Suhrkamp übernommen & dessen kleinere Romane publiziert hatte, bevor dann, nach Bolanos frühen Tod, dessen monumentales opus Maximum 2666 postum vor 2 Jahren Hanser in den Schoß fiel, erscheint, nach dem letztjährigen schmalen Spätwerk des Lumpenromans, nun in diesem Jahr Bolanos immerhin 320seitiges Debüt Das Dritte Reich.

     

    Hanser, der einmal auch als Klassiker-Verlag in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts reüssierte, dem wir u.a. vorzüglichste Ausgaben von Wieland bis Fontane, von Goethe bis Keller, von Lessing, Heine & Jean Paul (!) verdanken, hat es auch verstanden, alle Jahre wieder einzelne Klassische Werke so zu präsentieren, dass den Neuübersetzungen unter editorischen Begleitschutz von Kommentaren & ausführlichen Nachworten (zuletzt Don Quijote und Krieg und Frieden) großer öffentlicher Aufmerksamkeit ebenso sicher waren wie buchhändlerischem Absatz. Dieses Jahr – im Vorgriff auf seinen 200. Geburtstag 2012 – sind es Dickens' von Melanie Walz übersetzte und herausgegebene Große Erwartungen.

     

    Das ist ein Titel, der für ein Publikations-Programm gut passen würde, das mit dem ca. 800-seitigen Spätwerk des grandiosen Viktorianers noch längst nicht an sein Ende gekommen ist. Denn neben umfangreichen Essaysammlungen, essayistischen Selbstaussagen oder Briefwechseln seiner Autoren Elias Canetti, Umberto Eco, Claudio Magris, Martin Mosebach & Rafik Schami treten auch noch große biographische Monografien von Novalis (Wolfgang Hädecke) und Alfred Döblin (Wilfried F. Schoeller)!

     

    Offenbar hat man bei Hanser auch keine Angst, dass trotz aller dieser auffälligen literarischen Sensationen und Attraktionen in diesem Herbst z.B. der jüngste, wie immer schmale Roman Wilhelm Genazinos (Wenn wir Tiere wären) übersehen würde, weil er – wie ein merkwürdiger Reisebericht Thomas Glavinics (Unterwegs im Namen des Herrn) oder der vergleichsweise winzige, aber heitere Abschied, den sich der 1998 gestorbene Julien Green kurz vor seinem Tode noch erschrieb (Der Unbekannte) und andere Bücher – gewissermaßen im Schatten der großen Projekte steht.

     

    Die immense Breite & Vielfalt des diesjährigen Hanserschen Herbstprogramms heißt uns hoffen. Darauf, dass es trotz aller kulturpessimistischen Unkenrufe (auf die Michel Krüger spezialisiert ist) & aller Konformitätsentwicklungen im Literaturbetrieb (der vornehmlich auf seine selbstlancierten »Deutschen Buchpreise« schielt) doch noch ein deutschsprachiges Publikum gibt, dessen Interessen, Erwartungen & Sehnsüchte solchen verlegerischen Anstrengungen entsprechen und das sie mit regem Zuspruch in den Buchhandlungen honoriert. Gut könnte man sich jedenfalls einen passionierten Leser vorstellen, der allein mit der Lektüre des diesjährigen Hanserschen Herbstprogramms sein auskömmliches und abwechslungsreiches Vergnügen bis ins nächste Jahr hinein hätte. Und bedürfte bis dahin keiner anderen Bücher mehr ...


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