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Petits riens (21)

23.03.2011

Big Brother is watching you

Als die Causa Guttenberg mit seinem endlich vollzogenen Rücktritt an ein vorläufiges Ende gekommen & der Täter untergetaucht war, erklärte sein tief betroffener Doktorvater, der angesehene Prof. Thomas Häberle, »mit den seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln« wäre die Aufdeckung der Guttenbergschen Plagiatsakkumulation »kaum« möglich gewesen. Vehement widersprach ihm daraufhin seine Kollegin Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatorik an der TU Berlin. Denn sie habe schon 2003 – also 3 Jahre vor von Guttenbergs plagiatorischem Fischzug – in der Zeitschrift Forschung und Lehre unter dem Titel Kein Kavaliersdelikt: Wie man Plagiate entdeckt und was man dagegen tun muss aller akademischen Welt erklärt, wie man mittels des Internets Plagiate nachweisen könne. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Wie auch immer: ohne das Internet & the little help seiner zahlreichen anonymen Jäger & Sammler wäre der überwältigende Eindruck & die unabweisbare Wahrheit eines plagiatorischen Großbetrugs (& auch derart schnell) nicht möglich gewesen.

 

Allerdings wohl auch nur deshalb, weil der Plagiator sich nur des Internets bedient hatte - ohne zu bedenken, dass sein individueller Schleichweg zu seinen Implantaten von jedem anderen zurückverfolgt werden kann – bis zur Herkunft & der Identifikation jener Fremden Federn, mit denen er sich ausgiebig geschmückt hatte. Die moderne Kommunikations-Technik ist also, wie ich schon in Ertappter Dieb auf Mitleidstour (Titel-Magazin am 21.02.11) feststellte, immer zugleich auch ein nachhaltiges Überwachungsmittel.

 

Das offenbarte auch jener zweite, fast ebenso peinliche Vorfall im Verlauf der Causa zu Guttenberg. Ich meine den mittlerweile allseits bekannten Moment, in dem die auf der CeBit einer Ausführung zuhörende Bundeskanzlerin ihr Handy zückt & offenkundig die SMS-Nachricht von zu Guttenbergs Rücktrittswillen liest, daraufhin lächelt und die neben ihr stehende Vertraute, die Wissenschaftsministerin Schavan, anstupst & ihr das Handy weiter reicht & beide sich danach einverständig anblicken.

 

Also nicht Entsetzen, Trauer oder Empörung war die »authentische« Reaktion der Kanzlerin, sondern innige Genugtuung ist der Mimik der beiden Frauen über die offenbar von ihnen erwünschte Kapitulation des Betrügers im Ministerrang abzulesen. Wahrscheinlich hatten sie aber beide in diesem Augenblick vergessen, dass sie auch als bloß Zuhörende unter Kamerabeobachtung stehen: wahrscheinlich während einer Phoenix-Übertragung von der CeBit.

 

Ein neugieriger TV-Zuschauer, der womöglich die Veranstaltung aufgezeichnet hatte & besonders spitz darauf war, zu erfahren, was hinter diesem intimen Kommunikationsmoment mit verschwörerischem Blickkontakt zwischen den zwei Frauen in der Öffentlichkeit steckte, brauchte nur im Nachhinein Zeit & Ort & zu Guttenbergs Rücktritt zu synchronisieren, um das stumme Mienenspiel von Merkel & Schavan in Tateinheit eines Handys öffentlich lesbar zu machen und ein Geheimnis, an dem die Kanzlerin einzig Schavan teilnehmen lassen wollte, so indiskret zu lüften – wie die Plagiatsforscher des Internets zu Guttenberg auf seine versteckten Schliche gekommen sind. Der öffentliche Betrug über ihre Haltung & Empfindung – nämlich Merkels angebliche Trauer über den verlorenen Minister - wurde von der gewieften Politikerin ahnungslos nachgereicht: It´s technology, Stupid!

 

Philanthropische Betriebswirtschaft

Nachdem bekannt wurde, dass die nach mehr als zweijähriger Krankheit bislang nur halbwegs wieder genesene Sportschau-Moderatorin Monika Lierhaus demnächst von Frank Elstner die sonntägliche Weitergabe der Gewinnerzahlen der Fernsehlotterie übernehmen solle, sank der Mitleidsbonus für die Malade sofort, als der Spiegel meldete, dass Sie für diese Tätigkeit 450.000 € im Jahr erhalten sollte.

 

Im Verlauf der daraufhin einsetzenden öffentlichen Erregung, die angeblich zur überdurchschnittlichen Kündigung von Los-Abonnements geführt haben soll, wurde zwar auch bekannt, dass ihr Vorgänger Frank Elstner sogar noch mehr für seine Dienste erhalten habe; aber weder erregte sich darüber jemand, noch echauffierte man sich darüber, dass derlei jetzt erst bekannt gemacht wurde.

 

Dass aber diese unglückliche junge Frau von 40 Jahren, die krankheitshalber wohl kaum noch die Chance erhalten wird, ihren früheren Beruf auszuüben, der sie einmal zu einer vielgeliebten »Prominenten« gemacht hatte, mit dieser Aufgabe ökonomisch für sich »einen Platz an der Sonne« erhalten würde, erregte alle ihre Neider.

 

Wenn irgendeinem der Teilnehmer der Fernsehlotterie wöchentlich eine »lebenslange Rente« oder ein Traumhaus im Millionenwert zufällt – obwohl er nur ein Los erworben & Glück hatte –, käme keiner von den »leer« Ausgegangenen auf die Idee, den Gewinnern ihr Glück zu missgönnen. Aber hier neidet man der einst so beliebten Monika Lierhaus das Glück, mit ihrem Körper & ihrer Erscheinung doch noch als Invalide ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

 

Hat sich denn je nun mal jemand darüber aufgeregt, dass Frank Elstner, der ja sich längst als Spielshow-Moderator zum mehrfachen Millionär gemacht hat, in der Werbe-Funktion minimaler Präsenz ein weit höheres Zubrot über Jahre hin eingesackt hat als die erwerbslose & kranke Lierhaus? Und dass Thomas Gottschalck neben seinen sonstigen Werbeeinnahmen vom ZDF für dessen Aktion Mensch so fürstlich entlohnt wird, dass man den Betrag besser geheim hält – als sei es Schmiergeld –, lässt die öffentliche Empörung über die opulente Sozialhilfe für die arbeitslose Monika Lierhaus doppelt merkwürdig erscheinen.

 

Es ist wohl doch die Frau, der man´s nicht gönnt.

 

Die falsche Gerechtigkeits-Empörung der Lierhaus-Neider ist deshalb so selbstgerecht, weil die Lotterieteilnehmer sich selbst nicht als Gewinnspekulanten, sondern als uneigennützige Spender sehen, die mit ihrem Einsatz armen Bedürftigen zu »einem Platz an der Sonne« verhelfen, den das Motto der TV-Lotterie aber durchaus auch den Loskäufern verspricht. Sie sollen ja durch Prominenz-Personen & -Gesichter wie die von Elstner, Gottschalk & Lierhaus dazu animiert werden, sich auf ein Spiel einzulassen, mit dessen Hilfe philanthropisch »Gutes« getan werden kann und das eingenommene »Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird«, wie die gemeinnützige ARD-Fernsehlotterie verspricht.

 

Wie sich die Lotteriespieler nur als großzügige Spender sehen, so wünscht man sich auch von den prominenten Galionsfiguren, dass sie gewissermaßen sich selbst spendende, nämlich ohne Honorar auftretende Menschenfreunde seien. Wenn man dann aber erfährt, dass sie als »Schlepper« sich ihren Medienruhm in Gold aufwiegen lassen, ist man empört darüber.

 

Dem Gong entnehme ich, dass von den knapp 170 €-Mio., die im Jahre 2010 eingegangen waren, 45 % diesem philanthropischen Zweck zugeflossen, aber 30% (mithin Zweidrittel) als Gewinne an die Loskäufer zurückgeflossen sind & 17% an das Finanzamt überwiesen wurden. 7% der Einnahmen gingen für Verwaltung, Werbung & Marketing drauf – also für Selbsterhaltung & Profit der GmbH, als welche die Fernsehlotterie fungiert. Das waren 2010 gut 12 Millionen €uro - wobei in der Gong-Rechnung (nach Adam Riese) eine Million € unter den Tisch gefallen ist.

 

Wo auch immer sie geblieben sein mag: der Platz an der Sonne ist wie jedes Lotto & Glückspiel ein Geschäftsunternehmen, das auf die vielfältigste Art für die unterschiedlichsten Betreiber & Nutznießer Gewinn bringt, aber für die meisten der spendablen Teilnehmer (außer deren Gewinnern): kontinuierlich Verlust.

 

Ist der Platz an der Sonne nicht sogar vom Titel bis zur Gewinn- & Verlust- Bilanz die Allegorie der neoliberalen Ideologie: der kollektive Eigennutz aller daran Teilnehmenden hinterlässt – nach Abzug aller (Un-)Kosten (& individuellen Gewinne) – die philanthropisch verwendbare ökonomische Verfügungsmasse?

 

Selbstbedienerische Betriebswirtschaft

Einer Meldung im Wirtschaftsteil der der FR (v. 15.3.11) entnehme ich, dass die Deutsche Bank  »ihre gerade umgebaute Konzernzentrale in Frankfurt a. M. an einen geschlossenen Immobilienfonds (verkauft), den das Tochterunternehmen DWS aufgelegt hat«. Der Preis, den DB & DWS familiär unter sich ausmachen, liege bei 600 Mio €. Der DWS-Fonds wiederum soll »exklusiv an Privatanleger des Instituts vertrieben werden« (FR) - also nicht an Krethi & Plethi, sondern als offenbar lukrative Anlage nur an die eigene Klientel. Die Deutsche Bank wiederum wird in den zwei 155 Meter hohen Frankfurter Zwillingstürmen (genannt. »Soll & Haben«) als Mieter residieren wie zuvor als Besitzer.

 

Nun war sie aber erst (wieder) Besitzer der Immobilie seit 2007 geworden, als sie sie für 272 Mio € von sich selbst, nämlich dem geschlossenen Immobilienfonds Deutsche Bank Real Estate (DBRE), gekauft hatte. Unter diesem Imprint waren die gewaltigen Türme für 2800 Mitarbeiter sei 1984 gebaut & verwaltet worden, in denen seither die Mutterzentrale zur Miete saß.

 

Dem Wirtschaftsteil der FAZ entnehme ich, dass die DBRE-Investoren über die Laufzeit von 23 Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von 8,9% (!) »erzielten«. Die DB-Konzernspitze hat ihren Ableger nur deshalb angekauft, um ihn in dreijähriger Arbeit für 200 Mio € von Grund auf zu renovieren.

 

Warum dieses Bäumchen-wechsel-dich-Geschiebe?

 

Ich bin zwar kein Investment-Banker & kenne auch die einschlägigen steuergesetzlichen & bilanztechnischen Regularien nicht – & schon gar nicht en detail wie die Steuerfüchse der Deutschen Bank. Aber dass hier nicht in aller Öffentlichkeit Glasperlenspiele von Herrn Ackermann et al. veranstaltet werden, sondern gewinnrelevante Geschäftstransaktionen am Laufen sind, dürfte ja wohl sicher sein. Nur fragt weder die FR noch die FAZ, was da eigentlich vorgeht.

 

Nun, nicht ganz ist es so. Die FAZ zumindest betrachtet das Hin-& Her einzig unter dem Gesichtspunkt, welchen Vorteil daran sowohl Anleger der DB-Real Estate (8,9%) hatten, als auch künftig Anleger von DB DWS (anfangs 5%) haben würden. Da die DB als Mieterin (laut FAZ für 15 Jahre) selbst für ihr Anlagegeschäft sorgt, »hält sich das Risiko in Grenzen«, kommentiert die FAZ im Sinne ihrer & der DB-Klientel mit äußerstem Understatement. Eine sicherere Bank als die DB gibt´s ja wohl kaum.

 

Aber wenn ich das ganze Geschäftsgebaren sowohl als Laie & daran unbeteiligter Beobachter, aber auch unter dem Blickwinkel eines Staatsbürgers betrachte, der nach den Verlusten des staatlichen Steueraufkommens fragt, gehe ich davon aus, dass kein Schritt der DB ohne ihren, bzw. auch von deren Kunden Gewinn gemacht wird.

 

1. Die Zwillingstürme werden von der DB Real Estate errichtet. Deren Anleger bekommen zuerst Verlustzuweisungen, später die genannten Gewinne, während die dort als Mieterin bei sich selbst logierende DB ihre Miete beim Fiskus als Gewinnminderung ausweist.

 

2. Die DB kauft das Objekt von der DBRE zurück und renoviert es, so dass es als eines der umweltfreundlichsten Bürogebäude der Welt den Energieverbrauch um 50%, den Wasserverbrauch um 70% & die Kohlendioxidemission um fast 90% reduziert, wie die FAZ berichtet. Die Investitionen von 200 Mio €, die von der RE nur getätigt hätten werden können, wenn die Gewinne ihrer Anleger reduziert oder gar davon geschluckt worden wären, werden vom nun zeitweiligen Neubesitzer, der DB, aufgebracht.

 

Die Deutsche Bank hat einen doppelten Vorteil von der Renovierung. Nicht nur diese selbst, sondern auch über den Weg von deren Finanzierung. Der scheinbare Gewinn des Ankaufs von 275 Mio. reduziert die steuerliche Abgabe durch die Investitionen, und diese nehmen wahrscheinlich auch die kürzlich erlassene steuerliche Entlastung zur Förderung der Umweltverträglichkeit der Gebäude in Anspruch.

 

3. Der Verkauf der 2007 für 275 Mio. erworbenen, dann für 200 Mio. renovierten Doppeltürme zum Preis von 600 Mio. bringt einen satten Gewinn von 125 Mio. Der Mietpreis, den die DB jährlich an ihren Immobilienfonds zahlt (derzeit 32,2 Mio €) wird natürlich weiterhin von ihr als Betriebskosten, also steuerlich abzugsfähig ausgewiesen und mindert damit die anderweitig angefallenen Steuern der DB.

 

Dass die Bank (& die in ihren Fonds versammelten Anleger) im Verlauf der Transaktionen Gewinne gemacht haben, steht außer Frage; ebenso auch, dass sie es nur aufgrund einer Steuergesetzgebung machen konnten und können, die in ihrem Sinne ist & zu ihrem Nutzen fungiert. Einzig verloren aber hat dabei der Staat.

 

So oder so ähnlich wird es gelaufen sein. Seit mir einmal der Oberbürgermeister von Darmstadt erklärt hat, dass (& wie) der dort alles beherrschende Pharmakonzern Merck keinen Pfennig Steuern in den Stadtsäckel bezahlt, kann ich die Klage von individuellen und juristischen Personen (wie Konzerne oder Banken), die Großverdiener & -gewinner sind, über die deutschen Steuerlasten nicht mehr hören.

 

Umso weniger, als ihnen die auf sie zugeschnittenen Steuervorteile immer noch nicht genug waren & sind, um sie nicht auch noch durch illegale Machenschaften der Steuerhinterziehung zu übertrumpfen.

 

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Sehr interessanter Artikel, danke!
| von Hannah, 21.02.2012
Nur: 30 Prozent sind niemals nie "mithin Zweidrittel", sondern nichtmal Eindrittel - und mit der fehlenden 1 Mio. ist wohl ein fehlendes Prozent gemeint, mithin 1,7 Mio. Euro.
| von Carlos, 21.02.2012

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