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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 19:25

    Karl Theodor zu Guttenberg: eine Selbstdemontage

    21.02.2011

    Ertappter Dieb auf Mitleidstour

    Der Lieblingsspruch der Schauspielerin Marianne Hoppe, behauptet Werner Schroeter in seiner eben erschienenen Autobiografie, sei gewesen: »Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz.« Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Als ich das jetzt las, musste ich erneut an Karl-Theodor zu Guttenberg denken. Und zwar sogar noch bevor er am Freitag, den 18.2.2011, den Beweis geführt hatte, dass ein summa cum laude promovierter Jurist aus Stolz dumm & aus Arroganz unverschämt dumm sein kann & er sich nicht nur dumm angestellt hatte, als er eine Dissertation vorgelegt & dabei nicht in Betracht gezogen hatte, dass sein akademisches Prestigeunternehmen zur Abrundung des öffentlichen Bildes eines hochqualifizierten Berufspolitikers einmal von seinen Kritikern unter die Lupe genommen werden würde.

     

    Dass »eine Dummheit auch der Gescheiteste macht«, diente dem russischen Dramatiker Alexander Ostrowski bereits 1868 als Titel seiner bekanntesten Komödie. Aber wenn es doch nur eine Dummheit beim nachlässigen Zitieren & Zitatausweisen gewesen wäre, die dem gescheiten Oberfranken in seiner Promotionsarbeit unterlaufen wäre! Dann hätte er den peinlich Berührten, der untröstlich über sein »Versehen« sei, so recht mit dem ihm eigenen Gusto spielen können & der kleinkarierte Denunziant eines kleinen Malheurs des Bayreuther Studenten hätte sich wie ein begossener Pudel jaulend in die hinterste Ecke öffentlicher Wahrnehmung verziehen müssen.

     

    Aber so - wo doch die Arbeit des tadellosen Ministers buchstäblich von A bis Z mit zigfach unausgewiesenen gedanklichen Übernahmen aus fremden Händen durchsetzt ist, so dass dem Waidmann darob ein Hasenleib vor Augen steht, der von einer Ladung Schrot aus nächster Nähe zur Strecke gebracht worden war!

     

    Was allein qua Internet (das - wie wir doch alle wissen - ein Überwachungsmedium sein kann) aus Karl Theodor zu Guttenbergs Dissertation zweifelsfrei an freibeuterisch angeeigneten Hehlerwaren zutage gefördert werden konnte, reichte aus, um in der wahnwitzigen Sammlung eine zielvolle plagiatorische Methode zu sehen. Mit anderen, nämlich von Guttenbergs eigenen Worten: eben jene »Abstrusität« - allerdings im Sinne einer »versteckten« Verbergung, von der der Duden spricht -, aber nicht im Sinne einer »absonderlichen Torheit«, wie zu Guttenberg nach den ersten Fundstücken deren journalistische Finder am Dienstag zu insinuieren beliebt hatte.

     

    Nach dieser Ausflucht, die den ertappten Dr. jur. nicht nur verbal in den zweideutigen Bereich der Fremdwörter, sondern mit der Bundeswehr aviatorisch gleich bis nach Afghanistan geführt hatte, war er am Donnerstag nach Berlin zurückgekehrt, wo mittlerweile feixende wie bangende »Parteifreunde« angesichts der wachsenden Zahl von Beweisen einer Schuldvermutung über den schweigenden Minister höchst unruhig wurden - bis hin zur Kanzlerin, die ihn zur nächtlichen Stunde zu sich einbestellte.

     

    Als er dann am Freitagmorgen sich nicht der Bundespresse stellte und sie ebenso politisch provokativ wie persönlich feige brüskierte, indem er gleichzeitig sich vor einer Batterie von Kameras in seinem Ministerium aufbaute, eine Erklärung ablas & keine Nachfragen zuließ (von wem auch, wenn die Fragenden sprachlos an anderem Ort ihn erwarteten?), war ihm nichts wichtiger, als gleich zu betonen: »Für diese Stellungsnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht.«

     

    Das Gegenteil dürfte wahr sein - behaupte ich gegen einen Tartüffe, der auf seiner fortgesetzten Flucht vor der Wahrheit sich von der Regierungschefin gezwungen sah, sich kurzzeitig zu erklären. Dabei inszeniert er nun erst recht eine »abstruse Posse«, wenn er die Öffentlichkeit mit der Behauptung abzuspeisen versucht: »Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf  weise ich mit allem Nachdruck von mir.«

     

    Nun hat niemand behauptet, seine Dissertation sei in toto ein Plagiat. So dumm war keiner, ihn für so dreist zu halten. Aber er habe sich nur in deren Verlauf verschiedener Plagiate bedient: das hat man ihm schließlich nachgewiesen - was akademisch ein Nonplusultra des Verbotenen ist, wie es auch das wäre, wenn der schludrige Umgang mit fremden Texten nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen und/oder nur von ihm zusammengeführt worden wäre.

     

    Wer im TV gesehen hat oder auf  Spiegel Online sich ansieht, wie theatralisch zu Guttenberg diesen - übrigens nach einem Versprecher wiederholten! -Satz gesprochen hat, wird - wenn er alt genug ist - möglicherweise von einer erschreckenden Assoziation heimgesucht. Mit genau dem gleichen (scheinheiligen) längeren Augenschließen hatte damals Uwe Barschel lügend mit allem Nachdruck seines »persönlichen Ehrenworts« den Vorwurf von sich gewiesen, von der Bespitzelung Björn Engholms gewusst zu haben, die er doch selbst angeordnet hatte.

     

    Was zu Guttenberg dann vortrug, war von einem abgefeimten Kalkül bestimmt, Mitleid zu erheischen, wenn er den Kameras vorlas, seine akademische Arbeit sei »über etwa sieben Jahre neben« seiner »Berufs- und Abgeordnetenzeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit« entstanden. So sollte dann jeder glauben, dass bei dieser jahrelangen Doppelbelastung von Beruf & Familie und der Mühe mit Fitzelkram »fraglos Fehler« entstanden seien - wer wagte da noch skeptisch zu bleiben & zu fragen: welche Fehler, wie, wodurch, warum?

     

    Allerdings glaubt man ihm aufs Wort, wenn er nun behauptet, über »jeden einzelnen Fehler« sei »er selbst am unglücklichsten« - vorausgesetzt, man fügte hinzu: weil sie nämlich jetzt entdeckt wurden.

     

    Das ist natürlich alles höchst peinlich. Aber der Gewiefte versteht es, aus der öffentlichen Peinlichkeit seiner aufgedeckten Verfehlung noch moralischen Gewinn zu simulieren, indem er sich den Superlativ des Unglücks zuspricht und zugleich großzügig hinzufügt, dass es ihm »aufrichtig leid« tue, wenn sich durch sein Verhalten jemand »verletzt fühle«.

     

    Das ist in etwa so dreist, wie wenn der auf frischer Tat ertappte Dieb weinerlich sein aufrichtiges Beileid für die von ihm Geschädigten bekundet und ihr Mitleid erbittet, weil ja nun schließlich er am unglücklichsten dran sei von allen Beteiligten.

     

    Man könnte nun dem weiteren Verlauf dieser Selbstdemontage bis zum nahen Ultimo mit Fremdscham über dieses würdelose Großmaul abwarten, wäre es nicht beunruhigend zu erfahren, dass angeblich zwei Drittel der Deutschen Karl Theodor zu Guttenberg nach wie vor bewundern & wie der BILD-Kolumnist F.J. Wagner finden: »Macht keinen guten Mann kaputt (weil er immer besser aussah als alle anderen). Scheiß auf den Doktor.«

     

    Der Angesprochene hat letzterer Empfehlung von BILD (wie schon in der Gorch-Fock-Affäre) »vorübergehend, ich betone: vorübergehend« entsprochen, indem er seinen Doktortitel derzeit nicht mehr führt. Zugleich wird von dort, wo der Slogan »Macht keinen guten Mann kaputt« als Verschwörungstheorie auf den populistischen Begriff gebracht wurde, eine Entlastungs- (statt einer Entlassungs-)Kampagne lanciert, die bis ins I-Tüpfelchen jener Verleumdungsstrategie entspricht, mit der augenblicklich Berlusconis Pressemafia zugunsten ihres »Paten« gegen die republikanische Justiz hetzt. (Vergl. Aus Sorge um Italien vom 18. 2. 11 mit Titel Moralischer Putsch)

     

    So unterschiedlich die Vergehen und das politisch-gesellschaftliche Ambiente in beiden Fällen auch sein mögen (und sie sind es), so zielt doch die populistische Mobilisierung darauf ab, von menschlichen »Sünden« im Falle Berlusconis und von lässlichen, bubenhaften Schummeleien im Falle zu Guttenbergs zu sprechen, die ihnen nur eine böswillig-terroristische, linksradikale, intolerante und volksfremde Intellektuellen-Verschwörung zum Vorwurf mache. So werden Gesetzestreue und Wissenschaftsethik als »weltfremder« moralistischer Furor diskreditiert.  

     

    Herr zu Guttenberg lässt sich jetzt entschuldigen; er ist als Verteidigungsminister zum Schiff Gorch Fock unterwegs. Er hat dort etwas Wichtigeres zu tun - als seine Glaubwürdigkeit und Ehre zu wahren. Nämlich über Glaubwürdigkeit und Ehre der Gorch-Fock-Militärs zu urteilen & zu entscheiden. 

     

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