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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:23

    Karl Theodor zu Guttenberg: eine politische Mutmaßung

    06.02.2011

    Der Sündenbock-Finder

    Schon als er zum erstenmal überregional politisch auftrat - im Februar 2009 als Bundeswirtschaftsminister -, war mir das »neue Gesicht« in der herrschenden politischen Klasse suspekt. Wenn er seine Miene zu einem zähnefletschenden Lächeln verzog, erinnerte ich mich daran, dass die »Simplicissimus«-Karikaturisten den »Eisernen Kanzler« auch oft als Bulldogge dargestellt hatten; dabei wusste ich damals noch  gar nicht, dass der politische Newcomer der CSU mit einer sehr hübschen »von Bismarck« verheiratet ist. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Zwar wirkte der fliegende Wechsel von dem behäbigen »Opa« Michael Glos zu dem erkennbar alerten »Enkel« Karl Theodor zu Guttenberg kurzzeitig belebend auf der politischen Bühne der Republik. Auch sprachlich hatte man den Eindruck: das ist einer, der nicht den ausgelaugten Politjargon der »Berliner« aller politischen Lager »drauf hat«. Das Gesprochene des »Neuen« wirkte manchmal sogar auch wie gedacht.

     

    Aber was er dann sogleich in der internationalen Finanz- & Wirtschaftskrise von sich gab, klang nicht nach dem Paternalismus der CSU, sondern viel eher nach dem knallhartem Neoliberalismus der FDP. (Wie einer der ihren sah er ja auch aus). Karl Theodor zu Guttenberg war für Steuersenkungen & gegen Mindestlöhne, forderte mehr »Leistungsgerechtigkeit» als »Umverteilungsgerechtigkeit« - wie er überhaupt monierte, dass »das Wort Gerechtigkeit sich einer großen Beliebtheit« in Deutschland erfreue, sozusagen: einer zu großen Beliebtheit.

     

    Letzteres galt sehr bald für ihn selbst. Der Shootingstar aus dem alten fränkischen Adel wirkte mit seinen 37 Jahren wie ein jugendliches Goldkind inmitten ältlicher & altgedienter Bedenkenträger - während er keine Bedenken trug, zu allem schnell eine klare Meinung zu haben & sofort entscheidungsfreudig zu sein.

     

    Könnte es sein, dass die aufschäumende Popularität, die der gegeelte, immer wie aus dem Ei gepellte politischer Arbiter elegantiarum sehr schnell in der bürgerlichen Bevölkerung gewann, von deren Rosamunde-Pilcher-Konsum befeuert wurde? Sah es nicht gar so aus, als sei nun »der junge Herr Graf mit den guten Manieren« von einer Weltreise heimgekehrt und übernähme endlich das Regiment im Deutschen Demokratischen Haus, das bislang nur von senil gewordenen Domestiken verwaltet worden war, die er mit seinem jugendlichen Charme erst so recht alt aussehen ließ?

     

    Mir jedoch schien er, je länger ich ihm phänomenologisch bei seinen öffentlichen Auftritten zusah - die sich erkennbar an usamerikanischen Publicity-Mustern orientierten & tatkräftigen jugendlichen Optimismus ausstrahlen sollten -, alle meine Vorurteile vom Phänotypus des arroganten adligen Schnösels zu bestätigen, der sich als jederzeit modisch perfekter Dressman derart körperbetont inszeniert, dass ihm von der Krawatte über Hemd, Jackett, Hose & Schuhe sein elegantes Outfit wie eine smarte Uniform angepasst schien.

     

    Keiner seiner Kollegen - aber auch keine seiner ministeriellen Kolleginnen! - setzt derart auf seine bella figura wie der sich als auffällige, abweichende & singuläre Erscheinung in Szene setzende Enkel seines gleichnamigen Freiherrlichen Großvaters, der mir aus meiner Jugendzeit noch erinnerlich ist als einer der eloquentesten wie reaktionärsten Bonner Politiker der Adenauerzeit.

     

    Die phänomenale Popularität, die Karl Theodor zu Guttenberg als Wirtschaftsminister binnen weniger Monate zuwuchs, hatte nichts mit Entscheidungen zu tun, sondern einzig mit seinem selbstbewussten, entschiedenen öffentlichen Auftreten. Selbst als er mit seinen forsch geäußerten Ansichten zweifach von der Bundeskanzlerin desavouiert und vom Kabinett isoliert worden war - für einen konservativen »Mann von Ehre« Grund genug, zurückzutreten (& nicht nur damit zu drohen, wie er es tat) -, wurde ihm Mut attestiert, nicht »den Bettel hingeworfen« zu haben. Der Außergewöhnliche hatte offenbar die gewöhnliche politische Vernunft des Aussitzens (Helmut Kohl) unverzüglich für sich adaptiert. Da konnte man ahnen: der Mann will Karriere machen; und zwar qua personam  - als Charakter & dessen Darsteller.

     

    War er schon der jüngste jemals ernannte Wirtschaftsminister, so traf das gleichermaßen auf  den Posten des Verteidigungsministers zu. Wieder wurde Karl Theodor zu Guttenberg nach einem Rücktritt - der Hessenbub Franz Josef Jung sah nach der Kundus-Affäre so alt & dumm aus wie zum Jahresbeginn der verschlafene Michael Glos - von Angela Merkel auf die Überholspur gesetzt.

     

    Hat die Kanzlerin, deren machtpolitischer Instinkt erwiesenermaßen machiavellistischer ist als ihre Gender-Zugehörigkeit vermuten lässt, mit von Guttenbergs Berufung zum Verteidigungsminister Ende 2009 eher den fixen »Feuerwehrmann« favorisiert, der sich Dank Image & Intelligenz (die dem biederen Hessen abgingen) auf dem Feuerstuhl dieses Ex- & Prä-Kriegsministeriums souverän halten würde; oder hat sie ihn eher, als Konkurrenten um die Wählergunst, durch einen Urias-Brief  ins prekäre Gefecht geschickt? Das ist bei der brandenburgischen Sybille schwer zu entscheiden.

     

    Obwohl der Reserveoffizier der Gebirgsjäger sich sogleich in der Kundus-Affäre, über die sein tumb lügender Vorgänger gestolpert war, auch verhedderte - durch vorauseilende Urteile, die er  bald darauf revidieren musste -, konnte er sich stabilisieren, indem er zwei Sündenböcke ausmachte und abschoss: die in den vorzeitigen Ruhestand geschickten Generalsinspekteur Schneiderhahn und den Staatssekretär Wichert. Eventuellen Unmut im Heer gegen den bestimmenden Zivilisten an der Spitze begegnete er durch möglichst häufige Besuche bei der »kämpfenden Truppe« in Afghanistan.

     

    Dabei ist seine dienstherrliche Präsenz »an der Front« immer öfter auch & zuletzt nur zur Selbstdarstellung verkommen, als er, mit seiner Frau und dem »eingebetteten« Talkshow-PR-Master Johannes B. Kerner im Huckepack, in Kundus vorübergehend Hof hielt. Wieder zuhause in Berlin, sieht er sich dann aber verwundert von der Presse mit gleich drei schwerwiegenden, von seinem Ministerium lange unter der Decke gehaltenen Vorfällen auf dem Segelschulschiff Gorch Fock & in Afghanistan (2 Tote, Meuterei & Postüberwachung) konfrontiert.

     

    Auf Wunsch der BILD suspendiert er den Gorch-Fock-Kommandanten - ohne ihn sogleich gegen Vorverurteilungen, die er gerade der Presse in diesem Falle vorgeworfen hatte, in Schutz zu nehmen. Der Todesfall und die Postöffnung in Afghanistan - also dort, wo er sich gewissermaßen schon heimisch fühlen dürfte & deshalb bestens informiert sein müsste - sind noch nicht einmal auf der ersten Stufe seiner dreifachen Handlungsmaxime angelangt: »Aufklären, abstellen, Konsequenzen ziehen.«

     

    Nicht verwunderlich ist es, dass der schneidige Technokrat, der die Zukunft der Bundeswehr weltweit als militärischer Begleitschutz deutscher, europäischer, westlicher (Wirtschafts-)Interessen sieht, die voraus kalkulierbaren, vermehrten Todesfälle an den Fronten lieber als individuelles Risiko von Angestellten eines Berufsheeres abgerechnet sehen möchte, denn als tragischen Opfertod zwangsweise Eingezogener fürs Vaterland. Das wird zwar in jeder Hinsicht teurer; aber für die jeweilige Abwicklung der anfallenden menschlichen Kollateralschäden problemloser, weil »normaler« - als Geschäftsrisiko der Söldner. 

     

    Der schnelle, federnde Gang mit nach vorgebeugtem Oberkörper und nachflatternden Rockschößen, mit dem er unter den Kollegen & Abgeordneten als Gehender auffällt, signalisiert eine nach vorne drängende Dynamik, die sich von niemandem und schon gar nicht von Zweifeln oder Skrupeln aufhalten lässt. Es ist jedoch sichtbar die Verklemmtheit in Person & bestimmt nicht die Körpersprache einer souveränen Person.

     

    Der aparte Mann ist so selbstherrlich wie ängstlich - vor allem ängstlich darauf bedacht, sich immer aus der Schusslinie zu nehmen & Sündenböcke zu finden, die er vorführen kann. Unter Deutschen, die so was bewundern, wird er gewiss noch etwas werden - mehr jedenfalls, als was er schon bisher in einem Jahr geworden ist, nachdem er beschlossen hatte, Politiker zu werden.

     

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    Kommentar:
    Die "Sybille" sollte wohl eher eione "Sibylle" sein, wie?
    | von René Artois, 07.02.2011
    Guttenberg ist kein Reserveoffizier, sondern nur Stabsunteroffizier der Reserve. Großer Unterschied!
    | von BSch, 17.02.2011

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