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Petits riens (20)

26.01.2011

Bunt getrieben

WOLFRAM SCHÜTTE über Geister-Beifahrer, Sprach-Intelligenz, His Masters Voice, reaktionäre Alleinstellungsmerkmale und verschwenderischen Gemeinnutz.

 

Geister-Beifahrer - Es ist höchst verwunderlich, dass nicht schon längst der Beifahrer, der neben Bischöfin Käßmann saß, als sie am 20. Februar 2010 nachts von der Hannoveraner Polizei mit erheblichen Promille gestoppt wurde, von der einschlägigen Boulevard- und/oder Klatschpresse namhaft gemacht worden ist, obwohl es diese ja weiß Gott BUNTE treibt. Die wahrlich besonders auffällige Meldung, die Bischöfin habe von der Polizei bei ihrer Alkoholprobe erwirkt, dass ihr Beifahrer anonym bleibe, schien geradezu den journalistischen Tabubruch zur Indiskretion zu provozieren, weil damit ja ein panisches Interesse der bischöflichen Verkehrssünderin annonciert wurde. Es muss so scheinen, als habe sie auf  ihrer nächtlichen Fahrt mit 1,54 Promille jemand begleitet, der entweder durch die Bekanntgabe seiner Beifahrt mehr geschädigt werden könnte als die Fahrerin selbst, oder dessen Anwesenheit in Käßmanns Dienst-Phaeton für beide noch kompromittierender sein könnte, als die  schiere Peinlichkeit einer beträchtlich angeschickerten Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die bei Rot über eine Verkehrsampel fährt.

 

Mir ist keine öffentliche Person bekannt, bei der ein offensichtliches Tabu wie dieses nicht gebrochen worden wäre. Margot Käßmann ist die einzige, die bis heute Glück hatte. Was umso rätselhafter ist & bleibt.

 

Sprach-Intelligenz

Von Dezember 2010 bis Januar 2011 fand im Pariser Centre Pompidou eine vollständige Retrospektive des filmischen Oeuvres von Werner Schroeter statt, der im April 2010 gestorben ist. Im Vorwort der umfangreichen Begleitbroschüre schreibt die französische Schauspielerin Isabelle Huppert, die mit Schroeter u.a. in der Bachmann-Adaption Malina zusammengearbeitet hat: »Wenn ich an ihn denke, erinnere ich die Musik und die Freude daran, sie zusammen mit ihm zu hören… Ich denke an das Glück all jener Momente, die man gemeinsam erfahren konnte, an das Lachen, seinen Humor, seine Komik, seine Unverfrorenheit, seinen feinen Sinn für das Subversive und die tausendfachen Versuche, das Gewöhnliche zu untergraben. Ich denke an das Vertrauen, das er mir schenkte und an das Vertrauen, das ich ihm entgegen bringen konnte, endloses Vertrauen, mitunter sogar kindliches, ohne an Bedingungen gebundenes… Er hat hohe Anforderungen gestellt und blieb bis zuletzt nahe dran, ohne Kompromisse. Er kreierte aus mir eine Alice in seinem Wunderland. Er bleibt für immer ein Engel und ein Poet.«

 

Ist eine deutsche Schauspielerin oder ein deutscher Schauspieler denk-, bzw. vorstellbar, der eine Prosa wie diese über einen Regisseur verfassen könnte? Mit dieser großherzigen Begrifflichkeit, mit solcher Sprach-Intelligenz und einer vergleichbar souveränen Emphase der Liebe?

 

Man sage nicht: Na ja, das ist die Huppert - eine Ausnahme-Schauspielerin & wohl derzeit die Größte in Europa! Es gibt ähnlich Treffendes von anderen französischen Schauspielerinnen. Ich erinnere mich z.B., einmal gehört & gesehen zu haben, wie Juliette Binoche erzählt, dass sie sich die Filme Michael Hanekes angesehen und ihn daraufhin von sich aus angerufen habe, um mit ihm einmal zusammenarbeiten zu können. Sie wollte Teil seines Oeuvres sein, das sie als singuläre Kunst erkannt hat und bewundert. 

 

His Master´s Voice

Ein wohl einzigartiges Phänomen in der deutschen Gegenwartsliteratur ist der Vorleser Günter Grass. Als akustischer Botschafter & Interpret seiner Werke ist der öffentlich lesende Nobelpreisträger auch dort »überzeugend«, mitreißend & faszinierend, wo der einsame (Nach-) Leser an der Qualität & Substanz des Erzählers Grass zweifelt oder sich gar von ihm gelangweilt abwendet.

 

Kein deutscher Autor hat - übrigens auch sehr früh schon - sein Oeuvre so komplett eingelesen wie Grass. Zwar kenne ich keine Verkaufszahlen seiner selbstgelesenen Bücher & auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Aber die Stimmspur des »Blechtrommlers« wird noch in Äonen nicht untergehen - wohingegen es kaum Tonspuren mit Lesungen des eigenen Werkes von seinem deutschen Nobelpreisvorgänger Heinrich Böll geben dürfte.

 

Nun ist nicht jeder Schriftsteller der beste Vorleser seiner Prosa oder Poesie. Die wenigstens dürften es sogar sein - außer Ernst Jandl & Günter Grass, der ja mehrfach schon behauptet hat, er würde - wie´s von Flaubert bekannt war - seine Geschriebenes sich beim Schreiben laut vorlesen und es dabei darauf abhören, ob es »stimmt«. Auch ist Grassens Lust am Mund- & Zungenspiel mit Vokalen und Konsonanten, mit Rhythmus & Metaphorik seiner Prosa unverkennbar. Autoerotisch?

 

Könnte Grassens Vergnügen am Vorlesen des Eigenen nicht sogar dem taktilen Umgang des Bildhauers und Plastikers G.G. mit dem Stein- & Tonmaterial gleichen? Was dort die Hände tun, tut hier der Mund: Er stellt das Geschriebene akustisch in den Raum, nachdem es der Autor sprechend aus dem erkalteten, »toten« Text herausmodelliert & zu momentanem Leben erweckt hat?

 

Im lebendigen Resonanzraum des mit Lust vorlesenden Grass hat seine womöglich rhetorisch unterfütterte Prosa eine Leibhaftigkeit & Sinnlichkeit, die ihr fehlt, wenn der Leser, allein in seiner Lektüre vertieft, ihr auf den Seiten des Buchs begegnet.

 

Alleinstellungsmerkmal: reaktionär

Es hat ja schon manchen verwundert, dass der gewiss stark antikommunistische Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach immer wieder seine große Bewunderung für den einzigen bis zu seinem Tode kommunistischen DDR-Autor von Rang, Peter Hacks, öffentlich bekundet hat. Dieses Faible des strikt anti-modernistischen Katholiken Mosebach für das literarische und essayistische Oeuvre des orthodoxen Marxisten wurde auf beider Affinität zur Klassik zurückgeführt.

 

Mit dem sang- & klanglosen Untergang der DDR, deren hoch dotierter »Staatsdichter« der feudalistisch in einem Schlösschen residierende Peter Hacks gewesen ist, wurde er zum »Reaktionär« des strikten, machtbewussten Kommunismus, der gerade von seinen Kadern & dem Proletariat verlassen worden war. Unter den DDR-Intellektuellen schien Peter Hacks der letzte Mohikaner des Kommunismus zu sein, wie heute Sahra Wagenknecht dessen Pocahontas.

 

Und Martin Mosebach? Auch er, der seit Böll zum erstenmal wieder unter deutschen Autoren aus seinem Katholizismus keinen Hehl machte, offenbarte sich mit seinem Buch Häresie der Formlosigkeit (2007) als »Reaktionär« des Katholizismus, indem er öffentlich die Rückkehr zum Römischen Messritus (wie die Pius-Brüder) verlangte, den das Zweite Vatikanische Konzil abgeschafft und das der große Reformpapst Johannes XXIII. einberufen hatte – zugunsten eines Ritus in der Landessprache.

 

So besaßen, bzw. besitzen beide Autoren, was im Wirtschaftsjargon dieser Tage ein »Alleinstellungsmerkmal« genannt wird: wie selbstverständlich Reaktionäre zu sein. Auch hatten sie sich ja selbst allein auf sich & gegen die Mehrheit gestellt, was sich bei beiden mit einer gewissen habituelle Arroganz verbindet.

 

Wie nahe sich die beiden weltanschaulich konträren Autoren argumentativ sind, wenn sie den  Bezugspunkt ihrer jeweiligen Obsession gegen liberale Kritik verteidigen müssen, offenbarte Martin Mosebach in einem Gespräch mit zwei Redakteuren des SZ-Magazins vom 14.Mai 2010 über die Krise des Katholizismus. Genauso spitzfindig, dialektisch & »fundamentalistisch« hätte Peter Hacks über & wider die Krise des Kommunismus gesprochen, wenngleich dieser ja derzeit noch weniger Gläubige als der Katholizismus hat - und noch mehr Gläubiger, die sich von ihm so getäuscht sahen, wie in der westlichen Welt die Profit gläubige Kundschaft von Lehman Bros. & vergleichbaren Spielhöllen.

 

Verschwenderischer Gemeinnutz?

In Sachsenhausen, dem südlichen & größten Stadtteil Frankfurt am Mains, muss eine (&zwar die älteste) der zwei noch verbliebenen Qualitätsbuchhandlungen schließen. Sie lag zentral auf der Haupteinkaufsstraße des Stadtteils. Pikanterweise hatten die Besitzer der Buchhandlung (Naacher) vor einiger Zeit das Haus verkauft, in dem sie ist; und der Investment-Käufer hat nun, wie man hört, die Miete für die Buchhandlung verdoppelt. Das war von ihr nicht mehr zu erwirtschaften. Einem weiteren Ondit zufolge, wird, wo die Qualitäts-Buchhandlung war, nun Oxfam einziehen, die ja auch u.a. gebrauchte Bücher & Schallplatten, die ihnen geschenkt wurden, von  ehrenamtlichen Helfern verkaufen - zugunsten von »Menschen in Not und Armut«.

 

Ist es aber nicht verwunderlich, dass ein »gemeinnütziger« Verein eine saftige Miete zahlen kann, zu der eine Traditionsbuchhandlung nicht mehr ökonomisch in der Lage ist? Was für eine Gewinnspanne & Rendite muss bei Oxfam zu erwarten sein, dass der enorme Mietpreis nicht bei der Geschäftsbilanz ins Gewicht fällt!

 

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