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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 05:12

    Petits riens (19)

    14.10.2010

    Blamagen, Hohn und Missgunst

    WOLFRAM SCHÜTTE über die Geschäfte eines Hundes, ungleiche Tote und Fehler & Korrektoren.

     

    Geschäft eines Hundes - Einen der seltsamsten Anblicke eines Hundes bot sich mir kürzlich bei einem Gang durch eine venezianische Gasse. Ich bin mit Hunden groß geworden, habe mich immer für sie interessiert; aber was ich in Venedig jetzt gesehen habe, war atemberaubend. Eine mittelgroße “Promenadenmischung” hatte - ohne dass seine Besitzer zu sehen gewesen wären, was den Eindruck eines einsamen, streunenden Hundes verstärkte - eben sein “Großes Geschäft” in Form zweier bräunlicher Würstchen dankenswerterweise an einer Hauswand verrichtet. Das Tier bewegte sich danach ohne einen Blick zurück vom Platz seiner Notdurft fort, ging aber nach wenigen Metern  - als sei es das Selbstverständlichste von der Welt! - mit seinem Hinterteil in die Hocke und zog S-förmig, nur von den Vorderläufen abwechseln in Fortbewegung gehalten, sein Hinter(n)teil über den Gassenboden. Es war ein Hund, der sich mit dem Boden den Hintern wischte. Nach ein, zwei Metern erhob er sich von seinen eingeknickten Hinterläufen und verschwand ohne Eile in einer Seitengasse. Da ich dem Tier keinen Hundehalter zuordnen konnte und sich der Vorgang in kurzer Zeit vor meinen erstaunten Augen wie eine wunderliche Erscheinung  abspielte, bleibt die Frage: Hat das Tier von selbst zu dieser Toilettenhandlung gefunden oder hatte ihm ein Zirkusdompteur, dem der Hund entlaufen ist, neben vielen anderen Tricks und anthropomorphisierenden Handlungen diese ebenso exzentrische wie nützliche Art, den Hintern zu wischen, zusätzlich beigebracht?

     

    Ungleiche Tote. - Als ich zum ersten Mal von dem fürchterlichen Busunglück mit 13 Toten über 30 Verletzten im Umland von Berlin hörte, dachte ich, es sei eine der großen Verkehrskatastrophen in Deutschland, die im TV alle anderen Nachrichten in den Schatten stellen und auf die folgenden Plätze verweisen würde. Nichts da! Die 13 Toten nahe Berlin gehörten zu den Tagesschau-Meldungen, die “unter ferner liefen” gemeldet wurden. Selbst der polnische Ministerpräsident, der angereist war & dem die Bundeskanzlerin ihr herzliches Beileid am deutschen Regierungssitz versicherte, katapultierte die Katastrophennachricht nicht an oder in die Nachrichtenspitze der Tagesschau. Warum nicht? Es waren eben nur Polen, die da - wahrscheinlich durch ein Fehlverhalten einer deutschen Autofahrerin - bei Berlin ums Leben gekommen waren.

     

    Fehler & Korrektoren. - In einem Artikel des gebildeten Essayisten Stephan Wackwitz, der am 24. 9. 10 im Feuilleton der Hamburger Tageszeitung “Die Welt” erschien, fordert der Autor am 70. Todestag des modisch missbrauchten Walter Benjamin: “Rettet ihn vor seinen Fans!”

     

    Im Verlauf seiner autobiografisch unterfütterten Ausführungen, mit denen er den poetischen Schriftsteller vor dem fatalen Zugriff jener “retten” will, die in Benjamins aphoristischen Dikta, Metaphern, Begriffen & Allegorien  fälschlicherweise “Erkenntnisse” mit wissenschaftlich erwiesenem Wahrheitsanspruch sehen, plädiert er dafür, ihn künftig “als dritten und vielleicht originellsten Kopf in einer Dreifaltigkeit literarischer Größen neben Kafka und Robert Walser zu stellen“.

     

    Wackwitz fährt dann fort: man solle doch bitte damit aufhören, aus Benjamins “verzwickt-geistvollen, aber fast durchgehend falschen Theorien den verschwiemelten Theoriequark anzurühren, als dessen Zutatenlieferant er immer noch herhalten muss”. Um seinem Wunsch beispielhaft Nachdruck zu verleihen, erwähnt Wackwitz, dass man Goethes wissenschaftlich falsche ”Farbenlehre” oder Dantes “Divina Commedia”, die “auch einmal als wissenschaftliche Weltbeschreibung gemeint war”, heute ja nur noch wegen ihrer Poesie lese, wie man das ja auch mit “Wilhelm von Humboldt, einem der größten Naturwissenschaftler seiner Zeit,“ halte, dessen “südamerikanischen Reiseberichte man nicht mehr aus naturwissenschaftlichem Interesse (lese), sondern weil er einer der größten Prosaschriftsteller seiner Zeit gewesen ist”.

    Nun weiß natürlich Stephan Wackwitz, dass er nicht Wilhelm, den preußischen  Bildungsreformer, sondern seinen  berühmteren Bruder, den weltreisenden Naturforscher Alexander von Humboldt meint. Und der selbst welt- und weitgereiste Wackwitz (er arbeitet seit langem beim Goethe-Institut) hat die Vornamen der Brüder gewiss deshalb “velwechsert” (um es mit Ernst Jandl zu sagen), weil er kurz zuvor den Benjamin-Missbrauch in universitären Moden lokalisierte.

     

    Selbstverständlich können derlei Fehler jedem passieren. Und sie tun es auch. Deshalb gab es ja einmal in Zeitungen die Korrektur oder in Verlagen das Lektorat. Es wird also wohl doch jemand vom Feuilleton der “Welt” den Beitrag von Wackwitz gegengelesen haben, bevor er in Druck ging: wenn bloß oberflächlich, dann wär´s eine Missachtung des Autors; wenn aber bei eingehender Lektüre vom Kollegen/Korrektor die Namensverwechslung nicht bemerkt wurde, muss man davon ausgehen, dass er´s nicht besser wusste. Wackwitz aber, wenn er sich gedruckt liest, wird sich blamiert fühlen - allerdings nur bei kundigen Lesern, deren verständnisvollste ihm insgeheim zulächeln dürften.

     

    Was aber liegt hier vor?  Eine Passage aus Fritz J. Raddatz´ “Tagebüchern”:

    Mit Joachim Kaiser bei Mozarts “Konzert für Klavier” und Schuberts “Symphonie Nr. 9” (“aufgefunden”) - reich und bewegend und freundschaftlich.

     

    Ganz offensichtlich spricht hier ein musikalischer Ignorant. Ob es überhaupt ein Musikstück gibt, das “Konzert für Klavier” heißt, weiß ich nicht; gemeint wird wohl eines der 30 Klavierkonzerte von Mozart sein; und das merkwürdige “aufgefunden” bezieht sich wahrscheinlich darauf,  dass Schuberts große C-Dur Symphonie von Schumann im Nachlass Schuberts aufgefunden und 11 Jahre nach Schuberts Tod von Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig uraufgeführt wurde.

     

    Nun kann man sagen, der Tagebuchschreiber habe nur flüchtig den Konzertbesuch notiert, weil es ihm mehr um das angenehme Gespräch mit dem Kollegen ging. Hätte dann aber nicht genügt: “Mit J.K. in Konzert (Mozart/Schubert) - reicher, bewegender und freundschaftlicher Abend”? Nun gut: FJR wollte es anders. Hätte ihm aber nicht dann ein Lektor sagen müssen: Lassen Sie das, Sie blamieren sich (wieder einmal) als Ignorant?

     

    Als der französische Filmregisseur Claude Chabrol starb - immerhin einer der Großen des Weltkinos - hörte ich, wie ihm im ZDF seine läppische Verfilmung von Henry Millers “Stille Tage in Clichy” als Referenzfilm für sein Oeuvre zugesprochen wurde, was ebenso idiotisch ist, wie wenn man bei Goethes Tod ihm als Autor des “Großkophta” und des “Bürgergenerals” nachgerufen hätte. Wahrscheinlich stammte die im ZDF verlesene Meldung von der dpa - und keiner der Nachrichtenredakteure hatte (noch) eine Ahnung, wer Chabrol einmal war.

     

    Gleiches muss man allerdings jetzt auch, anlässlich von Chabrols Tod,  den für den Umbruch verantwortlichen Feuilletonredakteuren der FAZ unterstellen. Zwar hatte das Weltblatt den Tod Chabrols auf der 1. Seite mit einem Chabrolbild gemeldet, dann aber - “schrecklichster der Schrecken” - den kundigen Feuilleton-Nachruf Andreas Kilbs (Berlin) in der Frankfurter Zentrale mit einem großen dreispaltigen Bild “illustriert”, das nicht (wie dessen Untertitel lautete) “mit dem Blick des Amoralisten: Claude Chabrol bei Dreharbeiten im Jahre 1993” zeigte, sondern offenbar aufgrund der Unkenntnis der diensthabenden Feuilletonmannschaft, den mit seiner Baskenmütze und einem weißen Megaphon charakteristisch versehenen Federico Fellini, der wohl mit Leidenschaft eine seiner Massenszenen in Cinecittà dirigiert - allerdings nicht mehr 1993, in seinem Todesjahr! Peinlicheres hätte der FAZ-Filmredaktion nicht unterlaufen können.

     

    Wie kann so etwas passieren? Seit der “Druckfehlerteufel” nicht mehr zu Hilfe gerufen werden kann, “technisches Versehen” noch nicht ganz & gar zutrifft, muss man ja wohl annehmen, dass sowohl der Umbruchsredakteur als auch der zuletzt gegenlesende Kollege keine optische Erinnerung oder Ahnung mehr vom Aussehen Fellinis hatte, der seit 17 Jahren tot ist. Vielleicht aber waren beide FAZ-Redakteure identisch, nämlich nur einer; denn an Redakteuren wird auch bei der FAZ gespart. Man muss weder ein “Korinthenkacker” noch einer jener immer besserwisserischen Leser sein, dessen Charaktertypus das Internet mit seinen direkten Einspruchsmöglichkeiten & der dabei erlaubten Anonymität triumphal zur Massenexistenz verholfen hat, um die Filter- & Schleusenfunktion der Korrektur im Gutenbergzeitalter als eine dahingegangene zivilisatorische Errungenschaft zu erkennen, die Schreibern wie Lesern vor Blamagen, Hohn & Missgunst geschützt hatte.


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    lach, der hund hatte entweder würmer oder war wund und es hat ihn gejuckt oder gebrannt nach seinem geschäft. dann setzen sich hunde hin und, wie tierärzte das nennen, "fahren schlitten". also weder dressur noch reinlichkeit. sorry für die "entmystifizierung" der heiteren geschichte. danke dennoch für die überbrachte heiterkeit.
    | von hundetrainer, 15.10.2010
    Meine schon lang dahingegangene Katze, eine weiße Perser mit langen Haaren, machte das ebenfalls genau so wie dieser Köter in Venedig. Leider nicht im Bad oder der Küche (wo ihr Klo auf abwaschbaren Kacheln stand), sondern im Flur oder Wohnzimmer auf der Auslegwaren. Sie war clever.
    | von Jeeves, 18.10.2010
    "...und keiner der Nachrichtenredakteure hatte (noch) eine Ahnung, wer Chabrol einmal war." Solche Meldungen hör ich auch ständig im Radio: Der oder der "berühmte" Jazzmusiker ist gestorben ...und ich habe noch nie von ihm gehört, resp. ich weiß (als Jazzkenner!), dass der Mann eigentlich nie "berühmt" war, sondern zur zweiten oder dritten Garnitur (und Generation) gehörte, es leider nie geschafft hat... Man erinnert sich: Kennt man sich in einem Genre aus, stolpert man andauernd über ahnngsfreie Schnitzer in der SZ, der FAZ, der taz etc., wenn über das eigene Fachgebiet geschrieben wird. Wie es um die restlichen Meldungen und Artikel bestellt ist, denkt man sich: wohl der gleiche Unsinn.
    | von Captain Haddock, 18.10.2010

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