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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 24. August 2017 | 03:09

    Hegemann, Ullstein und das Plagiat

    11.02.2010

    Axolotl unter Lemmingen

    Naturkundliche Ansicht der deutschsprachigen Literaturkritik - von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Nach der Blamage über das unisono von der “seriösen” Literaturkritik & auch noch von Maxim Biller hochgejubelte Berliner Wunderkind hat irgendein Blogger die schlichte Frage gestellt, ob das ganze Tohuwabohu der letzten Wochen stattgefunden hätte, wenn die Autorin nicht ein 17-jähriges Mädchen, sondern eine 37-jährige Frau, oder (wie jetzt ein anderer schrieb) ein 57-jähriger Mann gewesen wäre. Eine rhetorische Frage, die ins Zentrum des nun ernüchterten Spektakels trifft.

     

    Denn es war einzig das zarte Alter & der skandalöse Stoff, die den Jubel-Trubel aller nun Gefoppten des von ihnen kumulativ erhitzten Literaturbetriebs auslöste - als hätte “Alice im Wunderland“ ihre Autobiographie vorgelegt und nicht Lewis Carroll sie ihr erfunden.

     

    Alle Stubenhocker & -hockerinnen - Rezensenten sind es ja von Berufs wegen &  keiner unter ihnen ist als sachkundiger “Libertin“ des wüsten Berliner Undergrounds bekannt geworden - haben in dem Buch die eigene Spießerphantasie vom “verderbten Leben”, literarisch aufgeschäumt, als Auftritt eines Wunderkinds begrüßt. Und jede Lobhudlerin, jeder nacheilende Lobhudler wollte bei der sensationellen “Entdeckung” lautstark dabei sein & seinen Ehrensenf  dazugeben.

     

    Zwar wurde immer mal wieder auf die Differenz von Fiktion und Leben der Autorin heuchlerisch hingewiesen, aber nur als autobiographischer Erlebnisbericht einer kaltblütigen 17-jährigen war das Buch wie ein “Wunder” zu feiern: als Jugend-Skandal eines altklugen Kindfrau-Genies.

     

    Dessen plötzliche Erscheinung wurde als Auftritt eines Engels mit satanischen Erfahrungen inszeniert, zu dem ihre Bewunderer pilgerten - nicht vom Verlag (allein) provoziert, sondern erst recht von der supergeilen Berliner literarischen Bagage promotet. Keine & keiner in der kritischen Zunft hat sich der self-fulfilling prophecy entgegengestellt; nur: Wer diesmal geschwiegen hatte, hat das Glück, an der Blamage aller anderen, die sich im selbst erzeugten Ruhm ihrer Herolddienste sonnten, nicht beteiligt gewesen zu sein. Für einmal wurde, wer zu spät kam, vom Leben des Literaturbetriebs nicht bestraft, der ja schon so rasant auf Touren gekommen war, dass der Debütanten-Fake bereits auf dem Weg war, für den Leipziger Buchpreis nominiert zu werden.

     

    Klagenfurt lässt grüßen

    Bezeichnenderweise ist der literarische Spuk durch das Medium aufgeflogen, dem er seine Existenz als Patchwork aus zweiter, dritter oder anderer Hand verdankt: dem Internet. Was zuerst als authentischer Erfahrungsbericht bei Erfahrungslosen seinen hohen Kurswert begründete, stellt sich nun nur als süffig kompilierte Fremd-Text-Montage heraus.

     

    Das verbindet den jüngsten Fall literaturkritischer Gefallsucht auch mit einem nicht minder spektakulären Debakel, das sich die 2006 in Klagenfurt versammelte deutschsprachige Literaturkritik selbst bereitete. Damals vergab sie den Ingeborg-Bachmann-Preis an eine bis dato unbekannte Debütantin, die einen synthetischen Text nach den von ihr aus den Vorlieben der Jury destillierten Ingredienzien verfasst hatte.

     

    Das war ihr so gut gelungen, dass die Crème de la crème der Kritik mit Bravour auf sich selbst hereinfiel - aber den Skandal ihres Fehlverhaltens mithilfe der gewitzten Autorin zu vertuschen vermochte, indem diese nachträglich ihre gelungene Täuschungsabsicht verleugnete, um die ihr hochwillkommene Preissumme zurecht einzustecken.

     

    Es ist die biographistische Originalitätssucht der Kritik, die nach spektakulären Authentizitätsbeispielen giert, um die Literatur mit “dem Leben” zu verschmelzen, was zu solchen Idiotismen führt; und es ist der Konformismus der Kritik, nur ja schnell auch dabei sein zu wollen, wenn eine(r) “Debüt, Sensation, Spektakel” ruft, der aus einem voreiligen subjektiven Fehlurteil eine kollektive Fehlhalde aufschichtet. Eine Dummheit begeht auch der Gescheiteste, heißt es. Unter Lemmingen aber ist er bald nicht mehr allein.  

     

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    Ich habe dieses Titel-Magazin gerade zum ersten Mal gesehen und freue mich richtig darüber, daß Wolfram Schütte noch so gut in Fahrt ist. Wie geistreich war doch das Feuilleton der Frankfurter Rundschau zu seiner Zeit! Vor ein paar Tagen las ich zufällig in der Rheinpfalz einen Artikel von Sigfrid Gauch. Der erzählte davon, daß sein Roman "Vaterspuren" oder so ähnlich von dem ungarischen Autor Peter Esterhazy schamlos ausgeschlachtet wurde, doch niemand in den Feuilletons den Mut aufbrachte, darüber zu berichten, auch heute nicht, weil E. so erfolgreich und beliebt ist und in allen Literaturhäusern präsent ist... Alles Gute weiterhin
    | von Michael Buselmeier, 15.02.2010
    Wolfram Schütte stimme ich, wie viel zu oft, zu und möchte noch ergänzen: wären die (un-)genannten Kritiker nicht nur an (scheinbar) sensationellen Inhalten interessiert, sondern hätten auch ein Sensorium für Stil & Sprache, könnte ihnen nicht nur in diesem Fall manche Blamage erspart bleiben bzw. hätte ihnen erspart bleiben können. Aber selbst die scheint kaum einem/einer etwas auszumachen, weil es sich eh schnell versendet bzw. verliest. Die Rache folgt aber auf den Fuß: im Netz bleibt all der Mist auf absehbare Ewigkeit erhalten. Und schließlich: wir könnten uns gelegentlich Gedanken machen über die Bedingungen, nicht zuletzt den materiellen, unter denen heute Literaturkritik noch möglich oder eben nicht mehr möglich ist. Herzliche Grüße vonner Küste!
    | von Volker Heigenmooser, 16.02.2010
    Die nachträglichen und literarhistorischen Hinweise anderer, selbsternannter Rezensenten auf sog. Plagiate bei Th.Mann oder B.Brecht die der Rechtfertigung der eigenen Lobhudelei dienen sollen, desavouieren diese Schreiberlinge als eben diese.
    | von Ludwig Rohden, 18.02.2010
    Ja, ich bin stolz auf meinen ehemaligen Chef!
    | von Dr. Michael Kötz, 19. 2. 2010, 19.02.2010

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