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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 22:53

    Ein säkularer Schwindel: mit Folgen

    12.01.2010

    Im Mehr der Möglichkeiten

    Nachdem er sich 2009 in den Ruhestand verabschiedet hatte, publizierte der 78-jährige Alfred Brendel zum Jahreswechsel in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel von säkularer Bedeutung. Unter dem Titel „Naiver Wunderglaube” schrieb der weltbekannte österreichische Pianist, der auch ein hintersinnig-humoristischer Literat ist, über ein schier unglaubliches Geheimnis, das zwar 2007 schon einmal aufgedeckt worden war, ihn offenbar jetzt erst, bzw. immer noch beschäftigt.. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Da Alfred Brendel aber nicht zugleich erklärte, wie er zu den Kenntnissen gelangt ist, die er dem staunenden Publikum offenbarte, konnte man versucht sein anzunehmen, Brendel habe sich womöglich einen kolossalen Jux gemacht, um mit seinem Artikel zu testen, ob man als sein Leser so naiv sei, an das Wunder einer von ihm vorgenommenen gigantischen Enthüllung zu glauben.

     

    Denn das Phantastische seiner Erzählung ist so haarsträubend, dass es eher für einen spräche, wenn man sich damit zu beruhigen versuchte, es lieber für ein fiktionales Hirngespinst des Literaten als für einen Nachruf auf die verlorene Unschuld des Pianistenberufs (anhand der Darstellung eines realen Schwindels) zu halten. Aber Brendel meint es ernst, so komisch er es auch zu finden vorgibt. Allerdings verschweigt er, dass er sich auf ein schon 2007 offenbartes Geheimnis bezieht, das im britischen Klassik-Magazin Gramophone, in The New Yorker und im WWW bekannt gemacht worden war, jetzt aber erst den Pianisten im Ruhestand noch umtreibt.

     

    Denn Alfred Brendel erzählt in “Naiver Wunderglaube” - und jedem sei empfohlen, den brillanten, fakten- & perspektivenreichen NZZ-Artikel vom 31. 12. 09 nachzulesen - , wie es William Barrington-Coupe, einem englischen “Tontechniker von virtuosen Graden”, seit den Neunziger Jahren gelungen ist, über 100 CD mit dem größten Teil der klassischen Klavierliteratur unter dem Namen seiner Ehefrau Joyce Hatto zu publizieren - ohne dass sie selbst Hand angelegt hätte oder öffentlich aufgetreten wäre. Als sie 2006 im Alter von 77 Jahren starb, schreibt Brendel, “liest man in Londoner Zeitungen Nachrufe, wie sie interpretierenden Musikern noch kaum zuteil wurden”.

     

    Das wird Neid & Verwunderung Alfred Brendels über die ihm unbekannte Kollegin geweckt  und dem ihm bislang entgangenen “britischen Nationaljuwel”, das von den Nachrufern wohl auf eine Stufe mit dem in Londons Hampstead ansässigen Pianisten gestellt wurde, ernstlich nachzuforschen - umso mehr, als Joyce Hatto offenbar mit Brendels hochgerühmten Virtuosenstücken Franz Liszts in Konkurrenz getreten war und der intime Kenner dieser extrem schwierigen Partituren bemerken musste, dass bei Liszts “Feux follets” durch “deren beschleunigte Ausfertigung” der Verblichenen “den Hörern der kalte Schweiß ausbrach“. Ihm wohl auch?

     

    Aus abgöttischer Liebe zu seiner pianistisch erfolglosen Frau hatte der elektronische Virtuose Barrington-Coupe die Einspielungen von “nicht weniger als 96 Pianisten“ teils übernommen, teils überarbeitet und “remastered” und sie als Werke seiner Frau ausgegeben. Dazu hat er seiner Frau - besser gesagt: der Fiktion Joyce (!) Hatto - die rührend- mitleiderregende Biografie einer krebskranken Titanin angedichtet, die wie der späte Glenn Gould im Verborgenen ihr Werk verrichtete; und der Schwindler hatte ein ebenso beeindruckendes Erzählgespinst über die angeblich mit ihr musiziert habenden realen und fiktiven Dirigenten & Orchester geworfen, dessen beeindruckende Verknüpfungen und blendende Dichte jenen biografischen Belustigungen und zeitgeschichtlichen Begegnungen in nichts nachstand, die Roberto Bolano in seinem eben auf deutsch erschienenen Monumental-Roman “2666” seinem fiktiven deutschen Dichter Benno von Archimboldi aus einer Vielzahl naheliegender, möglicher Koinzidenzen mit realen Personen zugeschrieben hat

     

    Alfred Brendel kann der „Kühnheit” dieser fabulösen Legenden „seinen Respekt nicht versagen”; und er empfindet „eine schmunzelnde Bewunderung für die Unverfrorenheit des Ehepaars und für Barrington-Coupes technisches und organisatorisches Geschick, gepaart mit Schadenfreude darüber, dass Fachleuten eins ausgewischt wurde. (...) Eine größere Anzahl von Aufnahmen, die vorher meist weniger beachtet, wenn nicht geschmäht oder vergessen waren, standen plötzlich unter falschem Namen auf dem höchsten Kothurn. Dieselben Aufnahmen von Rachmaninow-Konzerten, denen 15 Jahre früher jedes Gefühl für slawische Melancholie abgesprochen worden war, erschienen nun den Ohren desselben Experten besonders slawisch” (Brendel).

     

    Am Ende einer Reihe von abschließenden Überlegungen, wie man auf den „Schwindel” reagieren könnte, schüttelt Alfred Brendel seinen weisen Kopf über die „Wirklichkeitsferne“, „Naivität“, „Sorglosigkeit”, „Leichtgläubigkeit“, „Vergesslichkeit” der lobpreisenden Musikkritiker und über deren „Voreingenommenheit, die in die Aufnahmen hineintrug, was man in ihren hören wollte”. Brendel resümiert seine Betrachtungen mit der Bemerkung: „Das Bedürfnis, an Wunder zu glauben, scheint nicht abhanden gekommen zu sein”.

     

    Schwindelerregende Schwindel-Höhen

    Mit Verlaub, dieser Schluss eines ironisierten „mundus vult decipit” ist banal und läppisch - weil Brendel die schwindelerregende Höhe des von ihm so genannten „Schwindels” damit verfehlt, bzw. nicht erreicht hat (oder vermieden wollte?).

     

    Dabei hatte er an zwei Stellen seines Artikels den Zipfel in der Hand, um den säkularen Rang dieses Täuschungsfalls zu erkennen, als er schrieb: „Im Lauf der neunziger Jahre erlaubte es der technologische Fortschritt, fremde Aufnahmen ohne größeren Aufwand am eigenen Computer aufzubereiten. (...) Barrington-Coups Beitrag bestand darin, den Klang mancher CD etwas zu verfremden, zyklische Werke aus mehreren Aufnahmen zusammenzustellen sowie Tempi zu verändern, um die Identifikation zu erschweren, denn es ist neuerdings digitaltechnisch möglich geworden, Musik langsamer oder schneller ablaufen zu lassen, ohne die Tonhöhe anzutasten”.

     

    Die Beiläufigkeit, mit der Brendel diese neuesten elektronisch-digitalisierten Mittel erwähnt, das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” nicht bloß zu reproduzieren, sondern auch als ein Anderes neu zu erschaffen, legt die Vermutung nahe, dass auch ihm diese Mittelchen & Wege so selbstverständlich & geläufig sind, wie dem „britischen Tontechniker von Graden”.

     

    Nun weiß man schon, sagen wir: seit Karajans Zeiten, dass die Aufnahmetechnik und deren subtile Montage-Möglichkeiten immer weiter verfeinert wurden; auch: dass schon Schallplatten & erst recht CDs oft aus verschiedenen Aufnahmen desselben Musikstücks oder seiner Einzelteile zu einem optimalen Gesamteindruck zusammenmontiert sind, der „besser”, „gelungener”, „perfekter” ist, als jede der ihm zugrunde liegenden Aufführungen. Und seit „Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band”, dem 1967 erschienenen Beatles-Album, hat die elektronische Technologie mit ihren akkumulierenden Möglichkeiten die Aufzeichnung & Reproduktion des Authentischen ins Virtuelle erweitert.

     

    Seither ist das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”, aufgrund deren Walter Benjamin den Verlust der Aura des Originals konstatierte, um eine Möglichkeit erweitert: die technische Produktion einer daraus entwickelten Umgestaltung und Neuerschaffung eines Kunstwerks, das zwar nur virtuell, d.h. als Datenträger existiert, aber zugleich als ein Original - sosehr es auch sich des ursprünglichen Ausgangsmaterials bedient haben mag.

     

    Wim Wenders, dessen Filmästhetik einmal auf der Ontologie des der sicht- & hörbaren Realität abgenommenen Bildes beruhte, zeigte sich zuerst von den digitalen Aufzeichnungsmöglichkeiten zutiefst beunruhigt, weil dadurch die „Wahrheit” des „Authentischen“, sprich: die Identität von Objekt & Aufnahme, irreversibel kassiert wird - wenn die analoge Aufzeichnung digital unerkennbar und nicht nachweisbar manipulativ verändert werden kann. Nachdem man aber diesen unwiederbringlichen Verlust von „Wahrheit” im Progress zum Virtuellen akzeptiert habe, bemerkte Wenders später, „wird das >Mehr< der Möglichkeiten im wahrsten und zweideutigen Sinne zu einem riesigen neuen Ozean, in dem man hineintauchen kann oder den man übersegeln kann, je nachdem”. Was für das digital aufgezeichnete Bild gilt, trifft auch auf den Ton zu: aber erst recht, seit es möglich ist, wie Brendel schreibt, „Musik langsamer oder schneller ablaufen zu lassen, ohne die Tonhöhe anzutasten”.

     

    In dieses Meer von digitalen Möglichkeiten, die einen nun wirklich schwindlig machen können, ist Barrington-Coupe womöglich als erster Pionier der klassischen Klavierliteratur im „Zeitalter ihrer digitalen Virtualisierung” hinabgetaucht; und dass er seine neuartigen musikalischen Legierungen & (Er-)Fundstücke ausgerechnet unter dem Namen von Joyce (wenn auch Hatto) in die Welt geschickt hat, gleicht einem sublimen Treppenwitz.

     

    Pianistisch authentisch & identisch „wahr” ist von nun an - nach Barrington-Coupes digitalen Coups - einzig und allein der auratische Augenblick, in dem ein Zuschauer hört, wie der Pianist vor seinen Augen Klavier spielt. Wer jetzt noch bei Studioaufnahmen, die ihm nur auf einem Datenträger zugänglich sind, eine bloß analoge Reproduktion des zu Hörenden annimmt, dem scheint das Bedürfnis, an Wunder zu glauben, immer noch nicht abhanden gekommen zu sein.

     

    Alfred Brendels „Schadenfreude” aber über die von Barrington-Coupe & Joyce Hatto düpierten „Fachleute” könnte womöglich etwas schal sein. Denn wohlweislich hat der österreichische Pianist i.R., der nun das britische Schwindlerehepaar denunziert hat, mit seinem eigenen Urteil über die ästhetische Qualität der von ihnen „getürkten” Aufnahmen hinterm Berg gehalten. Wäre sie miserabel und handelte es sich dabei um „Verschlimmbesserungen”, hätte uns Brendel das gesagt, und die „Fachleute” wären bei ihren „Blindverkostungen” nicht darauf hereingefallen.

     

    Könnte es also sein, dass die erschwindelten pianistischen „Veredlungen” der Kunst des „Blendings” eines Whiskys entsprechen, der anderes und mehr ist als nur ein „Single malt”, der sein „Alleinstellungsmerkmal” als qualitativ überlegen - nur behauptet? 

     

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    Eine kleine Korrektur: Alfred Brendel hat den Betrug nicht aufgedeckt. Dies hat er auch nirgendwo in seinem Artikel behauptet. Die Sache ist lange bekannt. Eine eingehende Schilderung des Skandals gab es z.B. im New Yorker (17.9.2007) von Mark Singer in der Länge von ca. 30 Buchseiten (Fantasia for Piano - Joyce Hatto’s incredible career).
    | von W. Gülcker, 13.01.2010
    Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Verweis auf den Artikel aus dem New Yorker nun mit aufgenommen.
    | von Die Redaktion, 13.01.2010

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