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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 22:42

     

    Jakob Augstein als Selbstversorger am "Freitag"

    22.06.2009

    Candide im Kleingärtner-Vorstand

    Kürzlich hat der Freitag-Eigentümer Jakob Augstein in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau seine uneingeschränkte Liebe zum Boulevard bekundet, weil er aus Bild mehr über das erfahre, „was in der Gesellschaft los“ sei, als aus den übrigen Tageszeitungen, etwa der SZ. WOLFRAM SCHÜTTE über Augsteins schlichte Denkungsart und die Frage, wann es dem neuen Herausgeber gelungen sein wird, den ehemals „linken“ Freitag in ein boulevardeskes, „usergeneriertes“ Online-Magazin gleichen Namens zu verwandeln.

     

    Als der 40-jährige Journalist Jakob Augstein vor einem Jahr den Freitag kaufte, um – wie sein berühmter Vater – ein eigenes Wochenmagazin zu besitzen, war wie üblich davon die Rede, es werde sich nichts ändern, sondern nur alles besser werden. Man kennt das ja; zugleich schien damit zumindest vorerst einmal die ökonomische Existenz der linken Wochenzeitung mit kleiner Auflage am Rande des politischen und publizistischen Mainstreams gesichert. Denn vom Anzeigengeschäft konnte der Freitag so wenig überleben wie die TAZ.

    Der Freitag war aus der Fusion der westdeutschen Volkszeitung und des ostdeutschen Sonntag nach der Wende als „Die Ost-West-Wochenzeitung“ hervorgegangen. Obwohl beide ursprünglich aus SED-Kapital finanziert wurden, haben dann aber renommierte Herausgeber des Freitag (wie Günter Gaus, Christoph Hein, Daniela Dahn und Friedrich Schorlemmer) für hinreichend politische Distanz von „der Partei“ gesorgt. Im Laufe der 90er--Jahre wurde das Wochenmagazin zur Tribüne einer sozialistischen, marxistischen, humanistischen gesamtdeutschen Linken, deren versprengte, geschichtlich lernfähige Intellektuelle sich hier kontinuierlich zu Wort meldeten – in einem breiten Spektrum von Stamokap bis zu Linkslibertären: ortlos im Imaginären zwischen SPD, Gewerkschaften, Grünen und später der „Linken“. Der Freitag war, finanziell immer höchst prekär, die einzige partei-unabhängige linke Wochenzeitung in Deutschland. Das war einmal.

    Der dreifache Familienvater & Hobbygärtner Jakob Augstein, der seinen Lebensunterhalt aus der Rendite seines 24-prozentischen Anteils beim „Spiegel“ bestreitet, hat seit Beginn des Jahres seinen Freitag umfassend relaunched – also einer à la mode Umgestaltung an Haupt & Gliedern unterzogen, wie es ähnlich radikal zuvor nur die zum Tabloid-Format verkleinerte Frankfurter Rundschau in der deutschen Presse unternommen hatte, ohne dass ihr durch diesen Relaunch, wie sie erhoffte, neue & vor allem junge Leser zugelaufen wären. Eher hat sie langjährige Leser & Abonnenten dadurch verloren, die einen Seriositätsabfall in den Boulevard darin erblickten & sich bei der Süddeutschen Zeitung in jeder Hinsicht seither besser aufgehoben sehen. Die FR-Auflage ist nach dem vermeintlichen Tigersprung in die Printzeitungs-Moderne, der nur Katzenjammer hinterlassen hat, geringer als zuvor.

    Liebe zum Boulevard

    Wie es kein Zufall will (sondern der zynische Witz des Augenblicks), hat kürzlich der Freitag-Eigentümer Jakob Augstein in einem Interview der Frankfurter Rundschau (10./11.06.2009) seine uneingeschränkte Liebe zum Boulevard bekundet, weil er aus Bild mehr über das erfahre, „was in der Gesellschaft los“ sei („über das Arbeitsleben der Leute oder über merkwürdige Beziehungssituationen“), als aus der Süddeutschen Zeitung, welcher der frohgemute Prognostiker der Printmedien „keine zwanzig Jahre mehr gibt“.
    Aber nicht, weil dort seine intelligente Schwester Franziska Augstein schreibt, sondern „weil die Tageszeitungen jetzt schon keinen Sinn mehr machen, weil auf den ersten zwei, drei Seiten nur Nachrichten stehen – das ist völliger Schwachsinn!“

    Es ist aber sein Schwachsinn; oder die Ignoranz eines „jeden Tag die FAZ“ Lesenden, der „damit sehr glücklich ist“ und folglich keine Ahnung von den ersten zwei, drei Seiten der SZ hat, die mitnichten seinem der FAZ entnommenen Feindbild der Tagespresse entsprechen. Bei der SZ richtet man sich auf den ersten drei Seiten nämlich durch ein breit gefächertes Angebot unterschiedlichster journalistischer Formen (von der Glosse, über das Feature, den Hintergrundbericht und die große Reportage) an einen intelligenten, beweglichen, interessierten Leser, dem die Boulevardisierung aller Lebensbereiche flach - & „schwachsinnig“ erscheint.

    Es kann aber schon sein, dass dieser Lesertypus, auf den der überregionale Qualitätsjournalismus schon seit einem Jahrzehnt mit seinem Inhalts-Relaunch setzt und damit täglich in Konkurrenz zur Wochenzeitung trat, langfristig im Schwinden begriffen ist, weil die Leseverweildauer bei den Tageszeitungen abnimmt – falls sie überhaupt noch von einer jüngeren Generation wahrgenommen werden.

    Aber dass ein Print-Leser statt dessen zum Freitag greift, dessen „Anderssein“ für seinen Besitzer „vor allem bei der medialen Form“ zu suchen wäre, scheint mir denn doch die Halluzination eines vom Internet betörten Candide zu sein, der in der Wochenzeitung die Parzellen-„Community“ eines Kleingärtnervereins vor Augen hat, bei dem alle säen & ernten, was sie gemeinsam angerichtet haben: „Wir sind keine reine Zeitung mehr, sondern ein Medium, das versucht, o­nline und Print komplett ineinander zu verschränken. (...) Das Anderssein liegt auch darin, dass wir die Community integrieren, dass wir die User ernst nehmen und das mit ihnen gemeinsam machen“ (Augstein).

    Überflüssiger Wurmfortsatz des o­nline-Treibens?

    Nur: „provokanter, experimentierfreudiger, beweglicher“ (wie Augstein behauptet) ist der Freitag, in dem gebloggt und gefuchtelt wird (wie bei der FAZ & der FR auch), dadurch keineswegs geworden. Dafür aber „unberechenbarer“, geschwätziger, diffuser.
    Und der gedruckte Freitag fungiert nur noch als wöchentlicher Wurmfortsatz des täglichen o­nline-Treibens der Community im Netz. Nach Augsteins Relaunch nennt sich der Freitag nun „ Das Meinungsmedium“ – als sei „Meinung“ nicht bloß ein subjektives Vorurteil, das sich aus Trägheit, Ressentiment, Fantasielosigkeit & Intelligenz-Mangel weigert, durch die Anstrengung von Kritik und Argument erst ein begründetes Urteil zu werden & sich kommunikativ bestreitbar zu machen. Jeder Beitrag des Freitag wird mit einer dreifarbigen Autorennotiz nach seiner Herkunft annonciert: ob aus dem englischen Guardian übersetzt, von einem Freitag-Mitarbeiter oder -Redakteur geschrieben oder von einem Blog der Internet-„Community“ aufs Papier übertragen.

    Soll dem Print-Leser damit vorweg etwa die (abnehmende?) Qualität, Professionalität und Seriosität annonciert oder aber der „Community“ der bloggenden „User“ geschmeichelt werden, auf dass sie stolz sein können, sich in „feinster“ journalistischer Gesellschaft gedruckt zu sehen? Oder hat man es bei dieser bunten Dreifaltigkeit eines einfältigen „Andersseins“ mit einer kindischen Grille des Freitag-Besitzers zu tun, dem die Spielwiese seiner Kleingärtner-Kolumne, in der er alle 14 Tage schrebergärtnerisch waltet, nicht genügt?

    Besser ist er zweifellos dort zuhause – als wenn er sich politisch leitartikelnd äußert, wie kürzlich einmal auf der ersten Seite geschehen und er damit dem roten Freitag seinen ersten schwarzen bereitete. Da hatte der Chef weitläufig Kraut & Rüben seiner wirren politischen Meinung als Credo aus- & dargelegt, das sich einem genuin Thatcherischen Humus verdankt, als er, wie weiland die Eiserne Lady, den verdutzten Linken (Lesern) mitteilte, dass es so etwas wie „Gesellschaft“ gar nicht gebe.

    Verlinkt statt links?

    Auch in dem FR-Interview liefert er jetzt eine Kostprobe von seiner schlichten Denkungsart, wenn er auf die Frage, ob „die politische Orientierung nach links oder rechts noch eine Rolle“ für ihn spiele, antwortet: „Ich glaube, dass sich diese Grenzen zwischen links und rechts in Wahrheit nicht vermischen. Da ist auf der einen Seite der Arbeiter, der seinen Job verliert und auf der anderen Seite der Banker, der seinen Millionenbonus einkassiert, egal, ob er gute Arbeit geleistet hat oder nicht. Dieser Gegensatz ist real, wie Sie dazu stehen, ist eine andere Frage.“

    Treffender hätte das Kai Diekmann als Chefredakteur der Bild auch nicht sagen können. „Ich bin ein großer Freund von Boulevard, weil ich glaube, dass er genau dorthin geht, wo die ganzen arrivierten Journalisten nicht mehr hingehen, und sich wirklich an die Leser wendet“, gibt der Freitag-Besitzer der FR zu verstehen.

    Ob sich Jakob Augstein, als er sich eine wöchentlich erscheinende publizistische Spielwiese gekauft hat, womöglich gar unter „links“ nichts anderes mehr versteht, als damit „Online und Print komplett miteinander“ verlinken zu können? Mal sehen, wann es ihm gelungen sein wird, aus dem linken Freitag das gleichnamige boulevardeske Wochenmagazin zu machen. Oder: ob der gedruckte Wurmfortsatz der Netz-Community eines Freitags operativ entfernt wird, weil er so überflüssig ist wie der Blinddarm im menschlichen Körper.

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